Besser immer ein Idiot  als nur manchmal
Besser immer ein Idiot als nur manchmal
24. März 2016

Wenn der Chef schon unfair ist, dann am besten konsequent, statt bloß gelegentlich. Das scheint Untergebene weniger zu stressen, denn so wissen sie wenigstens, woran sie sind.

Endlich einmal gute Nachrichten für all jene, die einen Chef haben, der durch die Bank unfair zu seinen Mitarbeitern ist, ein beständiger Kotzbrocken sozusagen. Denn schlimmer noch wäre ein Vorgesetzter, der heute vor Höflichkeit flötet und morgen seine Untergebenen einmal mehr in die Pfanne haut – der also derart unberechenbar ist, dass keiner weiß, worauf er sich einzustellen hat.

Ein solcher Boss führt bei den Angestellten oder Arbeitern zu mehr Stress und geringerer Zufriedenheit im Job als einer, der seine Mitarbeiter konsequent unfair behandelt. Zumindest wollen das US-Wirtschaftswissenschaftler der Michigan State University (MSU) in East Lansing herausgefunden haben – einerseits durch ein Laborexperiment mit Studierenden, zum anderen durch eine Feldstudie mit Arbeitern und Angestellten sowie deren Vorgesetzten aus diversen Branchen. Die Ergebnisse sind online in der Fachzeitschrift „Academy of Management Journal“ veröffentlicht worden.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Angestellte besser dran sind mit einem Vorgesetzten, der ein beständiger Saftsack ist als mit einem, der als tickende Zeitbombe unterwegs ist und sich an manchen Tagen fair und an anderen unfair zeigt“, sagt Fadel Matta, Hauptautor der Studie und Promotionskandidat am Eli Broad College of Business der MSU. „Unseren Befunden nach ist es viel stressiger, uneinheitlich behandelt zu werden, als unveränderlich schlecht.“

Man kennt dies auch aus der Erziehung: Kinder, deren enge Bezugspersonen sich ihnen gegenüber unzuverlässig und unberechenbar verhalten, erleiden starken Stress und entwickeln häufig einen unsicher-ambivalenten Bindungsstil, der oft lebenslang anhält. Sie wissen nie so recht, woran sie mit ihren Eltern sind.
In einem Verhaltensexperiment wurden 160 Studierende auf zwei Räume verteilt und erhielten die Aufgabe, diverse Aktien zu bewerten. Beiden Gruppen wurde vorgegaukelt, die Studenten im jeweils anderen Raum hätte die Aufgabe, quasi als Vorgesetzte ihre Arbeit einzuschätzen. Doch in Wahrheit erhielten beide Gruppen ihre Rückmeldungen von den Wissenschaftlern. Diese bewerteten ein Drittel der Testpersonen stets fair, ein weiteres Drittel stets unfair und das verbleibende Drittel mal so oder so. Die niederschmetternden, brutal unfairen Kommentare lauteten zum Beispiel: „Sie sollten sich schämen angesichts Ihrer Bemühungen in der letzten Runde.“ Oder: „Es kotzt einen an, mit einer so unmotivierten Person wie Ihnen zusammenzuarbeiten!“

Führungskräfte sollten mehr Trainings bekommen

Um den dadurch ausgelösten Psycho-Stress zu ermitteln, überwachten die Forscher die Zahl der Herzschläge pro Minute. Dabei ergab sich, dass der Puls jener Studenten, die mal fair und dann wieder unfair behandelt wurden, am höchsten war – höher auch als bei jenen, die ständig ungerecht bewertet wurden.
Dieser Befund bestätigte sich in einer weiteren, drei Wochen dauernden Untersuchung mit realen Arbeitern und Angestellten sowie ihren Vorgesetzten. Auch hier zeigte sich, dass Untergebene mit wankelmütigen Chefs offensichtlich anfälliger für Stress, emotionale Erschöpfung und Arbeitsunzufriedenheit sind als konsequent unfair behandelte Beschäftigte. Doch warum ist das so?

Brent Scott, Betriebswirtschaftler und Arbeitspsychologe sowie Co-Autor der Studie, ist der Ansicht, für Beschäftigte sei die Vorhersagbarkeit und Konsistenz einer konsequent fairen Behandlung durch ihren Chef oder ihre Chefin ein mindestens ebenso hohes Gut wie die faire Behandlung selbst. Menschen schätzen es offenbar, möglichst einheitlich und vorhersehbar bewertet zu werden. „Dabei sollten wir jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass die besten Arbeitsergebnisse dann erzielt werden, wenn die Vorgesetzten stets fair in ihren Urteilen sind“, merkt Scott an. Und nicht etwa, wenn die Bosse immer unfair handeln. Nur Wankelmut kam bei den Betroffenen noch schlechter an.


Unternehmen, die Wert darauf legen, dass ihre Chefs und Abteilungsleiter ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Menschenmöglichkeit stets fair behandeln, sollten dem Führungspersonal mehr Trainings angedeihen lassen, als dies gemeinhin üblich ist. Dann und wann eine kurze Fortbildung in Mitarbeiterführung reiche nicht aus. Stattdessen sollte die Anleitung zur Fairness immer wieder Teil der Personalentwicklung von Führungskräften sein.

Die Autoren der Studie raten überdies dazu, beim Einstellen von Führungspersonal Persönlichkeits- und Integritätstests einzusetzen, um so herauszufinden, inwiefern sich der mögliche Vorgesetzte grundsätzlich als fair gegenüber Mitarbeitern erweisen wird. In Frage kommen Menschen, die über Selbstdisziplin verfügten und imstande seien, sich gegenüber Untergebenen umsichtig zu verhalten. Rüpelhaftigkeit hingegen ist ein Tabu – übrigens auch, wenn sie ein fester Wesenszug ist.


Walter Schmidt

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