Saft des Lebens
Saft des Lebens
26. August 2016

Austretendes Blut fasziniert schon kleine Kinder bei einer Schramme oder einem Schnitt in der Haut. Das „flüssige Organ“, wie es manchmal genannt wird, verdient auch jede Beachtung. Seine Zusammensetzung lässt uns gesund sein oder erkranken. Verlieren wir mehr als zwei Liter davon, droht uns der Tod.

Wenige Wörter wecken blitzschnell so viel Aufmerksamkeit wie „Blut“. Buchverlage wissen das, und so ist die Vielzahl einschlägiger Titel kein Wunder – von Stephen Kings „Blut“ über Kim Harrisons Bücher „Blutspur“, „Blutjagd“ und „Blutspiel“ bis hin zum Psycho-Thriller „Das Schwarze Blut“ von Jean-Christophe Grangé. Wenn Leser geködert werden sollen, fällt den Marketing-Experten sehr viel Rotes ein: „Stadt aus Blut“, „Böses Blut“, „Himmel voll Blut“ – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Blut sei halt ein „ganz besondrer Saft“, ließ schon Goethe seinen Mephisto im „Faust“ urteilen.

Wie lebenswichtig Blut für den Menschen ist, haben hohe Blutverluste auf dem Schlachtfeld seit Jahrtausenden drastisch vor Augen geführt. „Wenn der Mensch verblutete, hauchte er in wenigen Minuten sein Leben aus. Mit dem ‚Lebenssaft‘ verließ das Leben den Körper“, schreibt der Naturheilkundler und gelernte Chemiker Gerhard Orth in seinem Buch „Lebenssaft reines Blut“.

Seit jeher haben Gelehrte versucht zu begreifen, wozu die metallisch schmeckende Flüssigkeit in den Adern gut sein könne – und dabei kam viel Fantasie ins Spiel. „Das Blut ist einer der vier Kardinalsäfte im Sinne der antiken Viersäfte-Lehre“, sagt Professor Volker Hess, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Berliner Charité. Nach dieser medizinisch längst überholten Vorstellung, der sogenannten Humoralpathologie, verfügt ein gesunder Mensch über ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Säften Schleim, Blut sowie gelbe und schwarze Galle.

Der schon in der Antike vor über 2000 Jahren verbreitete Aderlass setzte hier an. „Mit ihm wollte man ein Zuviel an Blut im Körper beseitigen und das Gleichgewicht der Säfte wiederherstellen“, erklärt Hess den Therapieansatz. Bis in die Neuzeit war die Methode weit verbreitet; Ärzte ließen viele Kranke zur Ader. Daran änderte auch die Entdeckung des Blutkreislaufs durch den englischen Arzt William Harvey (1578 bis 1657) noch eine ganze Zeit lang wenig.

Aderlass wird auch heute noch gemacht

Auch heute noch wird der Aderlass angewandt – zum Beispiel in der Alternativmedizin oder als unblutige Variante, und zwar wenn ein zu schwaches Herz den Blutrückfluss aus der Lunge nicht mehr bewältigen kann und dort ein Blutstau droht. Dazu werden Staubinden an Oberschenkeln und Oberarmen so angebracht, dass kein Blut mehr daraus zum Herzen zurückfließen kann. Dabei wird im Wechsel die Kompresse an einer der vier Extremitäten gelockert, damit aus ihr das venöse Blut wieder abfließen kann. Zutreffende Vorstellungen über die Blutherkunft im Körper haben sich erst allmählich herausgebildet. „Noch um 1600 nahmen die einfachen Menschen, aber auch die Ärzte, an, dass unsere Nahrung zuerst im Magen und dann in der Leber verdaut wird und dass dort, in der Leber, das Blut entsteht“, sagt Professor Michael Stolberg, der an der Universität Würzburg das Institut für Geschichte der Medizin leitet. Konsequenterweise konnten nach dieser Vorstellung Blutverluste auch durch Nahrungsaufnahme ersetzt werden – am besten durch Rotwein, der als besonders stärkend galt. „Bis ins 19. Jahrhundert hinein gaben viele Ärzte ihren Patienten nach der Operation mit starken Blutverlusten Rotwein zu trinken“, sagt Stolberg, ein Fachmann für die frühmoderne Medizin etwa in der Zeit von 1500 bis 1850.

Lange gab man Patienten Rotwein bei Blutverlust

Ließen Ärzte oder Chirurgen die Kranken zur Ader, untersuchten sie routinemäßig das aus den Venen abgelassene Blut – die sogenannte Blutschau war neben der Harnschau ein wichtiges Diagnoseverfahren. Dabei kam es, wenn das Blut gerann und sich dunkel färbte, leicht zu Fehlschlüssen. „Das Blut galt dann als schwarz und verbrannt, eine Folge zu großer Hitze im Körper, etwa durch Fieber“, sagt Stolberg. Dazu passte, dass der Körper als eine Art Ofen angesehen wurde, der die Nahrung quasi verkochte und in dem es bei Überhitze leicht zu solchen Blutbränden kommen konnte.

Nach damaliger Vorstellung bildeten sich die Lebensgeister eines Menschen im Herzen und gelangten von dort in den restlichen, auf diese Weise belebten Körper. Nur so war dieser zu raschen Regungen und Sinnesempfindungen imstande. Verletzte sich jemand und verlor Blut, entwichen aus den offenen Gefäßen auch die Lebensgeister und somit nach und nach die Lebendigkeit.

Nach der Lehre des französischen Philosophen und Naturwissenschaftlers René Descartes (1596 bis 1650) gelangten die Lebensgeister als feinste und beweglichste Blutteilchen vom Herzen ins Gehirn und wurden dort zu Seelengeistern, zu den ominösen „esprits animaux“, die von dort aus weiter durch die Nerven in die Muskeln des Körpers drangen, wo sie die Bewegungen erzeugten. Descartes zufolge floss das wärmste und lebhafteste Blut vom Herzen auf kurzem Wege zum Gehirn – auch um dort dem Verstand Leben einzuhauchen. Nichtsdestotrotz begegnen wir unserem Blut auch heute noch zum Teil recht irrational. Nimmt ihnen der Arzt beispielsweise Blut ab, wenden viele Menschen lieber ganz den Blick ab. Fließendes Blut weckt Ängste.

Fließendes Blut weckt auch heute noch Ängste

Seine alarmierende, leuchtende Farbe erhält der Saft in unseren Adern durch einen bestimmten Farbstoff, das Hämoglobin. Dieser Farbstoff rötet die Blutkörperchen. Durchschnittlich fünf bis sechs Liter Blut kreisen in den Adern von Frauen beziehungsweise Männern  – einem feinst verzweigten Geflecht mit einer Gesamtlänge von vielen tausend,  manche Schätzungen sprechen sogar von bis zu unglaublichen hunderttausend, Kilometern. Der weitaus größte Teil dieses verzweigten Adernetzwerkes ist freilich nur unter einem starken Mikroskop sichtbar.

Walter Schmidt

 

 

 

INFO:  Blutkreislauf in Zahlen
Schlägt das meist 300 bis 350 Gramm schwere Herz eines – eher untrainierten – Mannes durchschnittlich 80-mal pro Minute, pumpt es dabei sämtliche sechs Liter Blut einmal komplett durch die Blutgefäße, 75 Milliliter pro Schlag. Jeden Tag wälzt dieses Herz etwa 8.640 Liter um, im Jahr also 3,15 Millionen Liter – genug, um ein 40 Meter langes, 20 Meter breites und vier Meter tiefes Schwimmbecken fast komplett zu füllen. Die tatsächliche Menge schwankt von Mensch zu Mensch, und auch bei demselben Menschen hängt sie von mehreren Einflussgrößen ab – etwa der körperlichen Betätigung am betreffenden Tag.
Die Zahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) in einem Menschen ist gewaltig. Bei einem durchschnittlichen Mann enthält bereits ein Millionstel Liter Blut – etwa so viel, wie in einen Stecknadelkopf passt – über fünf Millionen davon. In sechs Litern Blut finden sich also ungefähr 30.000.000.000.000 oder 30 Billionen rote Blutkörperchen; bei einer Frau etwa 25 Billionen. Jede Sekunde kann der Blutkreislauf auf zwei bis drei Millionen neue Erythrozyten zurückgreifen – und ebenso viele sterben in einer Sekunde ab. Stapelte man alle Blutkörperchen übereinander, würde der rote Turm etwa 40 Kilometer in den Himmel ragen.

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