Vom Lama lernen
Vom Lama lernen
4. Dezember 2015

In Gelsenkirchen bietet Beate Pracht Therapie-Seminare mit Lamas an. Die neugierigen Tiere wirken besonders achtsam und offen. Können Menschen von ihnen lernen, gelassener zu sein? Ein Besuch bei einer meditativen Tierwanderung.

ie 41-jährige Maria ist auf der Suche. Sie möchte ihre Achtsamkeit wiederfinden. Ihre Geduld als Mutter und Ehefrau ist im Alltagsstress abhandengekommen. Das Miteinander in der Familie ist auch irgendwo auf der Strecke geblieben. Das erzählt die Ruhrgebietlerin, sie steht dabei mit neun weiteren Teilnehmern auf einer Wiese in Gelsenkirchen und blickt auf ein Gehege mit fünf Lamas. Von der Begegnung mit diesen Exoten erhofft sie sich einiges. Zum Beispiel, dass die  zottigen Vierbeiner ihr zu innerer Ruhe verhelfen. Dabei ist die blonde Frau schon etwas skeptisch. „Hab’ doch gar keine Erfahrung mit Tieren“, sagt sie. Und dennoch hat sie sich hier angemeldet – bei der Achtsamkeitswanderung mit Lamas. „Ich bin da ganz offen.“

Anbieterin dieser ungewöhnlichen Wanderung ist Beate Pracht. Die diplomierte Sport- und Bewegungstherapeutin hat sich mit ihrem Unternehmen „Prachtlamas“ auf Erlebnis-, Therapie- und Business-Seminare spezialisiert. Zu ihr kommen Angstpatienten, an Führungsfragen interessierte Manager, Alltagsgestresste, Firmengruppen und Neugierige, um im Idealfall mit ihr und den Lamas etwas über sich zu lernen. Dabei setzt die umtriebige Gesundheitsberaterin auch auf die besondere Wirkung und Ausstrahlung dieser ursprünglich in den Anden beheimateten Tiere. „Lamas sind selbst sehr achtsam und haben eine schöne Herdenstruktur. Sie besitzen ein besonderes Gefühl für die richtige Nähe und Distanz. Sie sind dabei offen und sehr neugierig, bedrängen aber ihr Gegenüber nicht“, sagt Beate Pracht. Man könne viel von ihnen lernen. Zum Beispiel in „eine innige Verbindung zum Herzen zu kommen.“

Sich selbst erfahren, den Stress loswerden, das Herz öffnen und auf den Moment konzentrieren – das wollen hier die meisten, die heute an der meditativen Tier-Wanderung teilnehmen. Zumindest die, die auf zwei Beinen durchs Leben laufen. Die heutige Gruppe besteht aus sieben Frauen und drei Männern. Da ist die Münsterländerin, gestresst vom Job und vom Leben. „Ich bin vor allem am Thema Achtsamkeit interessiert“, sagt sie. Da ist der Unternehmensentwickler, der „ins Fühlen kommen will.“ Da ist die 56-jährige Marion, die so begeistert von dem Wesen der Lamas ist, dass sie bereits zum vierten Mal dabei ist. „Ich mag diese klare Körpersprache“, sagt sie und lacht.

Dass Tiere beim Menschen für Wohlbefinden sorgen, ist in zahlreichen Studien belegt. Ein enger Kontakt mit domestizierten Tieren führt oft zu einer Ausschüttung des als Kuschelhormon bekannten Oxytocin. Das Hormon hat unter anderem beruhigende Eigenschaften.

„Künstlich verabreicht, bewirkt es neben vielem anderen eine Reduktion von Stress, dämpft Aggressivität und fördert Empathie ebenso wie Vertrauensseligkeit gegenüber Fremden“, schrieb der Wissenschaftsautor Georg Rüschemeyer kürzlich in der „FAZ“ zum Thema Bindungshormon Oxytocin. Wer Tiere streichele und ihnen lange in die Augen schaue, produziere dieses Bindungshormon. Deshalb werden Klein- und Nutztiere auch gezielt als Wohlfühlfaktor eingesetzt. Etwa im Altersheim, wo man dementen Heimbewohnern Kaninchen zum Streicheln auf den Arm setzt; in der Jugendhilfe, wo zum Beispiel Pferde therapeutisch genutzt werden. Teils umstritten ist die sogenannte Delfintherapie, die etwa bei körperlich behinderten Kindern zum Einsatz kommt.

Lama bedeutet „Lehrer“

Ein Kontakt mit Lamas aber ist hierzulande noch recht ungewöhnlich. Dabei sind sie laut Pracht ideale Begleiter. Weil Lamas eben nicht die kraftvolle, Angst einflößende Statur eines Pferdes haben und nicht so wild und verspielt wie Hunde sind, weil sie oft einen beruhigenden Summton von sich geben – und keine Tierhaarallergie auslösen.

Die vielgepriesenen Tiere stehen noch abseits der Gruppe. Sie fressen Heu, lassen sich von der Herbstsonne wärmen und schauen zwischendurch neugierig herüber. Beate Pracht und ihre Kollegin Andrea Eickelmann bereiten die Besucher auf das erste Zusammentreffen vor. „Das Wort Lama“, so sagt die Bewegungstherapeutin, „bedeutet im tibetischen Meister oder Lehrer.“ Die Huftiere aus den Anden werden deshalb gerne auch die „summenden Lehrer“ genannt. Beate Pracht erklärt, wie man sich den Lamas nähert und stellt die fünf vor: Caruso summt gerne, Dancer geht mit einem Rumbaschritt, Hannibal verteilt großherzig Küsschen, Diego ist ein Charmeur und Kasimir macht den Anführer. Schließlich räumt die Trainerin gleich mit zwei Vorteilen auf. Erstens: Lamas spucken nicht auf Menschen. „Das tun sie höchstens untereinander, um Hierarchien zu klären.“ Zweitens: „Auch wenn das eine meditative Wanderung ist, werde ich nicht mit Räucherstäbchen loslaufen.“ Ziel sei es, angeleitet durch die Trainerin, sich in der Interaktion mit den Tieren der eigenen Handlungen bewusst zu werden, genau hinzusehen: Was mache ich? Wie reagiert das Tier? Achtsam im Moment zu sein.

Bevor es zur eigentlichen Wanderung geht, ist Kennenlernen angesagt. Dazu nehmen die Teilnehmer frische Zweige in die Hand, ein Lama-Leckerli sozusagen. Die meisten hier hatten noch nie Berührung mit einem Lama, doch bevor sich entsprechende Ängste breitmachen, sind die Tiere schon vorsichtig herangepirscht und schnuppern am Mittagessen. Auch Maria, die junge Mutter, hat keine Zeit für Bedenken. „Huch“, ruft sie aus, als ein Lama an ihrem Zweig zupft. Aus anfänglicher Zurückhaltung wird Neugier. Es ist ein Herantasten und Ausprobieren. Einige streicheln, andere schauen nur fasziniert in die großen braunen Augen der Tiere, manche machen sich Gedanken über die wenigen seltsam großen Zähne am Unterkiefer. „Und damit kauen die?“, fragt der Unternehmensentwickler. Die Lamas wiederum sind bei all dem vor allem eines: ruhig und klar. Die Tiere machen nie hektische Bewegungen, sie bleiben immer auf Augenhöhe mit den Teilnehmern. Die Lamas warten ab, wie der Mensch sich verhält, und sie zeigen den Wunsch nach Distanz, in dem sie einfach einen Schritt zurückweichen. So wirken die domestizierten Exoten aus den Anden immer souverän und entspannt.

Schon bald, so scheint es, hat sich diese Ruhe auf die Teilnehmer übertragen. Beate Pracht nutzt diese Stimmung, um eine gemeinsame Atemübung zu machen. Die soll beruhigend auf den Herzschlag wirken. Beate Pracht ist Autorin des Buches „Das Herz, unser Glücksmuskel“. Und so stehen elf Menschen und fünf Lamas auf einer Wiese. Die Zweibeiner atmen konzentriert, die Vierbeiner kauen. Alle sehen dabei zufrieden aus. „Und wie geht es euch?“, fragt Beate Pracht. „Entspannt“, tönt es aus der Gruppe. Nicht wenige haben genau nach diesem Gefühl gesucht.

So aufgeladen macht sich die Gruppe auf zur Achtsamkeitswanderung durch den großen anliegenden Park. Jeweils zwei Teilnehmer nehmen ein Lama zwischen sich. „Versucht mal, den Rhythmus des Tieres zu finden“, sagt Beate Pracht. Die Teilnehmer wandern in gemütlichem Tempo mit den Tieren über Wege und Wiesen. Eine kleine ungewöhnliche Kolonne bewegt sich vorwärts. Erstaunlich flüssig, erstaunlich harmonisch. Selbst ein klingelnder Radfahrer bringt die Lamas nicht aus der Ruhe.

Zeit für Überlegungen: Haben diese Tiere nie Stress? Und wenn ja, wie gehen die damit um? „Klar haben die auch Stress. Aber sie klären das schnell im Zweikampf und bleiben nicht lange in diesem negativen Gefühl“, erklärt Beate Pracht. Und macht es Sinn, immer nur entspannt zu sein? „Es gibt natürlich auch positiven Stress, der Energie und Adrenalin aktiviert“, sagt die Trainerin. Dieser Stress sei notwendig. Nur bei vielen Menschen ist dieses Stresslevel zu lange vorhanden und kippt in ein Gefühl der Überforderung. Deshalb sei das Innehalten, das ruhige Atmen auch so wichtig, um eine innere Balance wiederzufinden.

Die Tiere sind souverän und entspannt

Zurück auf der Lamaweide steht das große Feedback der Runde an. „Und wie geht es euch jetzt so?“, fragt Beate Pracht. „Guuuut!“, tönt es über die Weide. „Die Tiere geben mir ein beruhigendes Gefühl“, bilanziert die Münsteranerin. „Ich fühle mich innerlich freier“, sagt eine grauhaarige Teilnehmerin. Beate Pracht lächelt zufrieden. Ihre Kunden auch. Und genau darum ging es ja.

Und die Lamas? Sie stehen hintereinander und warten. Sie warten darauf, dass ihr Klo frei wird. Denn anders als viele andere Tiere pinkeln Lamas nicht in die Gegend. Sie brauchen ein „stilles Örtchen“, einen kleinen Rückzugsort, eine Rasenecke. Und sie pinkeln der Reihe nach. So gibt es hier in Gelsenkirchen wohl das einzige Herrenklo der Welt, an dem sich eine Schlange bildet.

 Alexandra Trudslev

 

 

INFO:
Mehr zu den tiergestützten Seminaren und Kursen bei Beate Pracht gibt es auf der Homepage: www.prachtlamas.de. Eine Tierwanderung mit dem Krafttier Lama kostet ab 39 Euro. Beate Prachts neues Buch „Das Herz, unser Glücksmuskel“ ist beim Integral-Verlag erschienen. 272 Seiten, Paperback, 16,99 Euro.

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