Per Spiel zum Traumjob?
Die Generation Tamagotchi ist groß geworden. In den 90er Jahren spielten vor allem Kinder mit dem Elektronikspielzeug. Heute wird das virtuelle Küken durch ausgereifte Social-Games ersetzt. Statt Füttern heißt es zum Beispiel in „Fliplife“ Karriere machen. Immer mehr Unternehmen begeben sich in der virtuellen Welt auf reale Personalsuche.
Das virtuelle Online-Spiel „Fliplife“ verspricht den Traumjob und viele Freunde. Statt sich also im realen Leben abzuschuften oder in der Kneipe seinen Bekannten ein Bier auszugeben, reicht es, wenn bei „Fliplife“ einfach ein paar Klicks gemacht werden. Praktischerweise lässt sich zu Beginn des Spiels eine Figur nach den eigenen Wünschen erstellen. Und dann heißt es einfach: Job aussuchen. Vielleicht Arzt, Koch, Model oder Gangster? Kein Problem. Sozial heißen die Spiele, weil sich die Nutzer zum Teil gegenseitig helfen müssen oder einfach miteinander chatten.

Im Netz als Technologe für die Bayer AG zu arbeiten, kann auch im Realen zum Job verhelfen.
Hinter dem Projekt stehen die Kölner Ibrahim Evsan, Thomas Bachem und Tobias Hartmann. Im September 2010 haben sie die Lebenssimulation „Fliplife“ ins Internet gestellt. Die Gründer Evsan und Bachem sind keine Unbekannten in der Szene. Im September 2009 verkauften sie das Videoportal Sevenload, eine Art deutsches YouTube, an die Deutsche Telekom. Worum geht’s in „Fliplife“? „Der Spieler gestaltet sein zweites Ich, beginnt eine Karriere in seinem Traumjob und unternimmt in seiner Freizeit etwas mit seinen Freunden. Im Job geht es wie im echten Leben darum, die Karriereleiter zu erklimmen und in seinem Unternehmen bis zum Chefsessel aufzusteigen. Mit der richtigen Weiterbildung kann der Spieler seine Effizienz im Job steigern und somit seine Ziele schneller erreichen“, erklärt Sprecher Moritz Vieweg von UP Web Game GmbH. „‚Fliplife‘ ist nicht nur ein Social Game, es ist auch ein virtuelles Assessment Center. Immer mehr Unternehmen wollen dies nutzen, um potenzielle Mitarbeiter über eine spielerische, neuartige und moderne Methode zu gewinnen. Darüber hinaus können Unternehmen ihre Unternehmensstrukturen und Aufgabenbereiche abbilden. Gerade für Unternehmen wie Bayer ist dies geeignet, um potenziellen Bewerbern einen Einblick zu geben, was Bayer eigentlich alles macht – außer Aspirin.“ Er verrät ein geplantes Projekt. Vieweg: „Es wird sehr bald ein eigenes Fliplife-System geben, in dem Unternehmen selber Projekte erstellen und Fragen formulieren, die den Spielern während ihrer digitalen Karriere im Unternehmen gestellt werden. Praktika, Ausbildungen oder sogar Bewerbungsgespräche auf eine Festanstellung werden somit für junge Spieler, die Interesse am Unternehmen haben, noch einfacher und spielerischer.“
Gibt es denn schon Spieler die so ihren realen Traumjob gefunden haben? „Bisher nicht. Als erstes exklusives Unternehmen haben wir zum Jahresanfang Bayer in ‚Fliplife‘ integriert. Andere folgen schon in den nächsten Wochen. Geplant ist, bis zum Ende des Jahres mindestens eine Automobilfirma, eine Bank und weitere Konzerne zu integrieren. Wir sind sicher, dass sich dann viele Begegnungen ergeben werden“, erklärt Vieweg.
Ganz so leicht wird es den Spielern dann allerdings nicht gemacht. Um Geld zu verdienen, muss gearbeitet werden. Gleichzeitig verringert sich durch die Arbeit ein Teil der virtuellen Energie des Spielers. Die füllt sich aber schnell wieder nach. Schließlich soll sich die Person nicht langweilen. Schneller lädt sich die Energie mit einer Party auf. Angeboten wird zum Beispiel ein Besuch im Biergarten. Stellt sich für Kritiker die Frage, warum nicht die Sonne in einem echten Lokal genießen und die Energie lädt nebenbei von alleine auf. Aber das ist wohl Teil des Spaßfaktors.
Noch skurriler wird die virtuelle Welt in „Fliplife“ in Sachen Sport. Je öfter das Computer-Ich Freizeitaktivitäten wie Fußball oder Tennis treibt, desto größer wird die Energiekapazität. Schade, dass das Klicken am PC den Spieler nicht auch im echten Leben fitter macht. Dafür gibt es einen Haufen neuer Freunde. Die Einwohner, mit denen der Spieler am meisten unternimmt, werden zu Freunden oder Partnern. Ein Punktestand ermittelt, wer in den Kategorien Sport, Karriere und Gesamt die ersten Plätze belegt. Wer es an die Spitze schafft, hat im realen Leben die größten Chancen auf ein Vorstellungsgespräch.
Längst haben Unternehmen die Online-Spiele für sich entdeckt. Durch Social Games sollen neue, qualifizierte Fachkräfte entdeckt werden. Gleichzeitig nutzen sie die kostenlose Plattform als Firmenwerbung. Alle paar Minuten ein Erfolgserlebnis – mit diesem Rezept sollen die Spieler bei Laune gehalten und aus dem flotten Zeitvertreib ein lukratives Geschäftsmodell werden.
Social Games sollen qualifizierte Fachkräfte aufspüren
„Ziel unseres Engagements bei ‚Flip-life‘ ist es, die Tätigkeiten von Bayer als Forschungsunternehmen erlebbar zu machen, unsere Arbeitgeberattraktivität weiter zu steigern und potenzielle Bewerber frühzeitig auf Bayer aufmerksam zu machen“, erklärt Markus Siebenmorgen von der Bayer AG. „Das Web 2.0 und damit einhergehend die Social Media-Dienste sind aus heutiger Sicht im Personalmarketing nicht mehr wegzudenken, und unsere unterschiedlichen Zielgruppen wie Studenten, Young Professionals und Professionals nutzen diese Kanäle aktiv. Vor diesem Hintergrund bietet uns ‚Fliplife‘ ein zusätzliches Tool, um darüber potenzielle Bewerber gezielt anzusprechen“, sagt Siebenmorgen weiter. „Wir sind davon überzeugt, dass der Bereich Social Media/Social Gaming in den nächsten Jahren weiter an Relevanz gewinnen wird. Zu einem Vorstellungsgespräch haben wir bislang noch niemanden eingeladen. Zum jetzigen Zeitpunkt handelt es sich bei ‚Fliplife‘ um ein Pilotprojekt. Das heißt, wir sammeln Erfahrungen und analysieren in einem ersten Schritt das Nutzerverhalten. Das Projekt wird begleitet von einer wissenschaftlichen Studie der Hochschule Osnabrück. Mittel- bis langfristiges Ziel ist es, in ‚Fliplife‘ besonders engagierte und an unserem Unternehmen interessierte Spieler zu Veranstaltungen und persönlichen Gesprächen einzuladen und ihnen Praktika anzubieten.“
Praktisch für Jobsuchende: Die meisten Social Games lassen sich nebenbei spielen, machen wenig Mühe und erfordern anfangs nur wenig Konzentration. So bleiben die Spieler den ganzen Tag über online, ohne es zu merken. Über Facebook können der Fortschritt des eigenen Charakters geteilt und neue Mitspieler gewonnen werden.
Marny Meyer
