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08 Technik Post 1

Postauto, folge mir!

Der eT! ist besonders, er kann mehr als andere Elektroautos. Und dennoch wird dieses Postauto vermutlich erst 2020 auf den Markt kommen. Immerhin beweisen die Wissenschaftler und Ingenieure bei Volkswagen bereits heute Weitblick. Ihr zukünftiges Nutzfahrzeug soll vor allem den Briefträgern dienlich sein.

Volkswagen lässt Kinderträume wahr werden. Erwachsene spielen oft noch gern mit ferngesteuerten Autos im Miniaturformat. Für die Postzusteller der Zukunft kann dieser Spaß bald zum Berufsalltag gehören. Der eT! folgt auf Knopfdruck dem Zusteller, fährt von alleine dem Briefträger hinterher. Praktisch, vor allem wenn dieser bereits drei bis vier Briefkästen weiter ist. Schon heute sind zahlreiche Nutzfahrzeuge von VW weltweit im Einsatz. Sie sind Helfer im Alltag, bringen Waren, Dienstleistungen, Hilfe – und die Post. Die Volkswagen-Konzernforschung hat sich, gemeinsam mit der Deutschen Post und der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste, Gedanken über den Transporter der Zukunft gemacht. Herausgekommen ist der eT!, ein neues Fahrzeugkonzept für die Zustell- und Logistikbranche. Vielleicht ab 2020 auf den Straßen zu sehen. „Wir haben uns vorgenommen, ein sehr emotionales Nutzfahrzeug zu entwerfen“, so Prof. Dr. Jürgen Leohold, Leiter der Volkswagen Konzernforschung. Man habe die Prozessabläufe und Kundenbedürfnisse im Detail analysiert. Daraus habe man die Weiterentwicklung des Segments der Zustell- und Kurierfahrzeuge abgeleitet. „Dabei haben wir besondere Forschungsschwerpunkte auf das emissionsfreie Fahren und die Platzverhältnisse in den Innenstädten, teilautomatische Fahrfunktionen – welche die Arbeitsprozesse sinnvoll unterstützen und vereinfachen – sowie die Integration neuer Kommunikationstechnologien gelegt“, so Prof. Dr. Leohold.
Die Knüller des eT!: Er ist emissionsfrei angetrieben und fährt – bei Bedarf – teilautomatisch. Das Versuchsfahrzeug ist ein rein elektrisch angetriebener Transporter, der sich mit seinen Radnabenelektromotoren emissionsfrei in den Innenstädten bewegt. Durch die geschickte Anordnung des Radnabenantriebes ergeben sich obendrein eine maximale Bewegungs- und Wendefreiheit und eine optimale Nutzung des Fahrzeuginnenraumes. Für alle erdenklichen gewerblichen Nutzungen wären Varianten dieses leichten Transportfahrzeuges realisierbar.

Der Wagen weiß, wo sich sein Zusteller befindet und kann ihm automatisch auf Befehl im Schritttempo folgen.

Es soll die Arbeitswelt der Postzusteller und Kurierfahrer einfacher und sicherer machen und die Zustellzeiten verkürzen. Um diese Ziele zu erreichen, kann eT! teilautomatisch betrieben werden. Dabei kann der Wagen dem Zusteller wie ein gut erzogener Hund von Haus zu Haus („Follow me“) folgen oder auf Befehl – fahrerlos! – zum Zusteller („Come to me“) fahren. In städtischen Bereichen stellt der Kurierfahrer eine Sendung zu, läuft zum Wagen, stellt wieder ein Paket zu – diese Vorgänge wiederholen sich im Arbeitsalltag, machen Mühe und kosten Zeit. Beim eT! ist der Fahrer mit einem Transceiver ausgerüstet. Der ist Bestandteil eines Zusatzmoduls des iPhones, das der Fahrer permanent am Arm trägt. Das Modul korrespondiert per W-LAN mit insgesamt sechs fest im Fahrzeug integrierten Transceivern. Die „ortsgebundenen“ Transceiver im Wagen messen die Entfernung zum „mobilen“ Transceiver des Zustellers. So weiß der Wagen praktisch immer, wo sich der Zusteller befindet und kann ihm – zeitsparend – im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt folgen.
Alternativ lässt sich der Wagen von der mit einem Stehsitz ausgestatteten Beifahrerseite über einen Drive Stick dirigieren. Damit ist der VW weltweit der einzige Transporter, der von der Gehwegseite aus sekundenschnell in Bewegung gesetzt werden kann. Statt hinter das Lenkrad zu klettern oder über die zur Straße hingewandte Fahrertür zuzusteigen, macht der Zusteller einen kleinen Schritt durch die geöffnete Schiebetür und erreicht damit auf der Beifahrerseite seinen neu konzipierten Stehsitz.

Links vom Stehsitz befinden sich einige Tasten, über die der Zusteller die Türen öffnen und schließen, die Spiegel verstellen, die elektrische Parkbremse betätigen und die Elektromotoren starten und stoppen kann. Der Hebel – der „Drive Stick“ – befindet sich auf der rechten Seite. Mit dem intuitiv bedienbaren Drive Stick kann der Zusteller den Wagen lenken, beschleunigen und bremsen – mit einer Geschwindigkeit von bis zu sechs Stundenkilometern, der schnellen Schrittgeschwindigkeit eines Menschen. Mit der gleichen Geschwindigkeit von sechs Stundenkilometern kann der Fahrer eT! zu sich fahren lassen („Follow me“). Der teilautomatisch fahrende Wagen wird dann via Smartphone gestartet. Weshalb aber ein elektrischer Türantrieb? Um die Arbeit des Zustellers zu vereinfachen und Zeit zu sparen. Über das am Arm befestigte Smartphone kann der Fahrer auch die Schiebetür am Transporter öffnen und logistische Hilfen für die Zustellung abrufen.

Den schnellen Zustieg in den Wagen und raschen Zugriff auf die Postsendungen erlaubt auf der Beifahrerseite die in zwei Stufen elektrisch öffnende Schiebetür (Doormatic). Damit gehören unnötige Laufwege um das Fahrzeug herum der Vergangenheit an. Stufe eins ist in unter drei Sekunden und damit sehr schnell offen, sie gibt den Zustieg zum Beifahrerraum frei. Der Innenraumboden ist auf eine Höhe von 315 Millimetern über der Fahrbahn abgesenkt, so kann der Zusteller nicht nur schnell den Laderaum und den Bereich neben dem Fahrersitz erreichen und dort kleine Poststücke aufnehmen, sondern stehend mittels Drive Stick den Transporter auch von der Beifahrerseite aus fahren.

Müssen größere Frachtstücke aus- oder eingeladen werden, öffnet der Zusteller auch den zweiten Teil der Schiebetür. Die B-Säule des Wagens ist für den bequemen und sicheren Zugang in den Laderaum nach innen versetzt. Komplett geöffnet, ragt die Schiebetür nicht weiter über die Karosserie hinaus als der rechte Außenspiegel. Die dritte Tür des etT! befindet sich im Heck, eine zweiteilige Flügeltür, die schneller geöffnet werden kann als eine nach oben öffnende Heckklappe. Der Clou: Per virtuellem Pedal oder über Smartphone gesteuert, kann – bei geöffneter Flügeltür – ein Zusatzdach ausgefahren werden, das die Ladung und den Zusteller vor Regen schützt.
Bei Fahrtbeginn wird ein Tablet-PC einfach in eine Halterung eingerastet. Es übernimmt zusammen mit dem Smartphone eine Schlüsselfunktion. Die elektronischen Helfer zeigen die komplette Zustellroute inklusive sämtlicher Adressen, Infos über bissige Hunde und die optimalen Halteplätze für den Wagen an. Auch die idealen Laufwege zu den Hauseingängen und versteckt angebrachten Briefkästen werden via Karte dargestellt. Nähert sich der Zusteller einem Haltepunkt, erscheinen automatisch alle relevanten Informationen wie die zu beliefernden Adressen und die Art der Sendung (Brief, Einschreiben, Paket, Gewicht, etc.). Ist die Fracht besonders schwer (mehr als 20 Kilogramm), folgt ein Hinweis, die Sendung mit einer Sackkarre zu transportieren. Das Tablet informiert den Fahrer zudem über Streckenabschnitte, auf denen er ideal die Funktionen „Follow me“ und „Drive Stick“ nutzen kann.

Funktionsorientiert zeigt sich auch das Design. „Das Exterieur des eT!“, so erläutert Perer Wouda, als Leiter Exterieurdesign im Volkswagen Design Center Potsdam verantwortlich für die Gestaltung des Forschungsfahrzeugs, „wurde konsequent auf den Einsatz als Zustellfahrzeug zugeschnitten“. Ziel des Design-Teams sei es gewesen, „mit einem klaren, monolithischen, reduzierten und funktionalen Design optisch eine Brücke von der großen Historie des T1 in die Zukunft des Segmentes zu schlagen“. Die Inspiration für das neue Exterieurdesign mit seinen klaren Flächen und präzisen Kanten habe die Verschmelzung eines Fahrgestells mit einem daraufgesetzten Container geliefert. Daraus resultierend ergab sich eine „sehr klare Unterteilung des Karosseriekörpers in einen unteren (fahrrelevanten) und oberen (transportrelevanten) Bereich.“ Die umlaufende Frontscheibe teilt die Karosserie optisch klar in Fahrerhaus und Laderaum, zur zusätzlichen Gliederung ist das Dach farblich abgesetzt.

In der Front trägt der eT! im unteren Karosseriebereich Kühlöffnungen für den elektrischen Antrieb, rundum zieren ihn Sensoren für die teilautomatischen Fahrfunktionen. Die hintere Flügeltür des eT! ist mit einem von Weitem sehr gut sichtbaren LED-Band ausgestattet, auch an der Frontpartie kommen LED-Warnblinker zum Einsatz. Sie verbrauchen – wie ihre Pendants im Heck – wenig Strom und haben eine optimale Signalwirkung. Die Warnblinkfunktion wird automatisch aktiviert, wenn eT! im teilautomatischen Fahrmodus unterwegs ist und per Drive Stick navigiert wird.

Ins Gesamtdesign integriert sind auch die großen Felgen im 18-Zoll-Format. Der eT! ist ein Nutzfahrzeug der Klasse bis 2.500 Kilogramm Gesamtgewicht. Er ist etwa vier Meter lang, 1,8 Meter breit und 1,9 Meter hoch. Für den Antrieb des bis zu 110 Stundenkilometer schnellen eT! sorgen zwei Radnabenmotoren (jeweils 34 Kilogramm) an der Hinterachse. Die E-Motoren im Heck bieten eine Gesamtleistung von 70 Kilowatt. Je nach Einsatzbedingungen schafft eT! eine maximale Reichweite von rund 100 Kilometern – für ein Postfahrzeug mehr als ausreichend.

Gespart wird mit dem eT! auch an anderer Stelle. Denn durch die teilautomatischen Fahrfunktionen „Come to me“ und „Follow me“, das Fahren per Drive Stick und den vereinfachten Zugang zum Wagen verkürzt sich die benötigte Zeit pro Zustellbezirk, Zusteller und Tag um rund 40 Minuten. Das haben interne Berechnungen der Deutschen Post ergeben.

Gerhard Prien

INFO
VW eT!
Abmessungen:
Länge: 4.090 Millimeter,
Breite: 1.850 Millimeter,
Höhe: 1.980 Millimeter.
Antrieb:
Zwei Radnaben-Elektromotoren an der Hinterachse,
Dauergesamtleistung: 70 kW,
Dauerdrehmoment: je 500 Nm.
Batterie:
Art: Lithium-Ionen-Batterie,
Energiegehalt: 32,1 KWh.
Fahrleistung/Reichweite:
Höchstgeschwindigkeit: 110 km/h,
Beschleunigung: 0-100 km/h:
14,7 Sekunden,
Reichweite: rund 100 km.

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