Rasante Entwicklung
Vor ein paar Wochen war Matthias Krauß nur echten Insidern ein Begriff. Nun steht er auf dem Zettel des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Der 19-jährige Hasborner wandelt dabei auf den Spuren seines Beraters – dem Ex-Nationalspieler Olaf Marschall.
Früher habe ich mir mit einem Kumpel immer die Spiele des 1. FC Saarbrücken angeschaut. Ich habe Schals und Fahnen zu Hause“, sagt Matthias Krauß. Der 19 Jahre alte Stürmer des Fußball-Saarlandligisten SV Rot-Weiß Hasborn bekam kurz vor Weihnachten einen Anruf, der seine Lebensplanung möglicherweise nachhaltig verändern wird. „Jürgen Luginger war persönlich am Telefon. Mein Vater hat mir den Hörer gegeben und gesagt, dass der Trainer vom FCS am Apparat sei. Da war ich schon verblüfft“, erinnert sich Krauß an Lugingers Einladung zu einer Woche Probetraining beim Drittligisten. „Damit habe ich nicht gerechnet. Okay, ich habe in dieser Saison ein paar Tore geschossen… Aber dass sich dann gleich der FCS meldet… So ein Angebot lehnt man natürlich nicht ab.“

Stolz posiert der 19-jährige Abiturient mit einem Schal seines Vereins Rot-Weiß Hasborn.
Selbstverständlich nahm der Junge aus Holz diese Chance wahr und präsentierte sich bei den Blau-Schwarzen. „Das Training hat mir sehr viel Spaß gemacht, die Leute waren alle cool. Und mit solchen Spielern mal Fußball zu spielen, ist schon etwas Besonderes. Die haben das schon gut drauf.“ Er hat es auch drauf. Gerade erst aus der A-Jugend gekommen, schaffte Krauß auf Anhieb den Sprung in die Erste Mannschaft des Oberliga-Absteigers SV Hasborn. Dort avancierte er schnell zum besten Torschützen seiner Mannschaft und mit insgesamt 18 Treffern hinter Jörg Rau (SV Auersmacher, 19 Tore) sogar zum zweitbesten der Liga – zusammen mit Sebastian Mootz vom SV Bübingen. Auch beim FCS konnte der Jungspund überzeugen. „Ich war schon aufgeregt und hatte Herzrasen. Aber die haben mir gesagt, dass ich gut trainiert hätte und ich sie überzeugt hätte und dass sie sich noch mal bei mir melden werden – für die neue Saison“, sagt Krauß, der in der Winterpause auch bei Borussia Mönchengladbach vorspielte, und ergänzt: „Dort habe ich bei der U23 mittrainiert. Das hat mir auch viel Spaß gemacht.
Wir haben uns in den Katakomben des Stadions umgezogen und das war schon gigantisch. Die wollten sich noch einmal bei mir melden, und dann werde ich wieder hinfahren, um mich vorzustellen.“ Den Kontakt zum Bundesligisten und Traditionsverein aus dem Ruhrgebiet stellte sein Berater her. Und der ist kein geringerer als Ex-Bundesligaprofi Olaf Marschall (1. FC Kaiserslautern). „Er hatte sich unser Spiel in Brebach (1:2-Niederlage Ende November 2011, Anmerkung der Redaktion) angeschaut und sich danach mit mir in Verbindung gesetzt“, sagt Krauß über Marschall, den er noch als Topstürmer der Bundesliga in Erinnerung hat. Dass er sich nun bei Marschall ins Gedächtnis einprägte, lag wohl auch an dem Traumtor, das Krauß zur 1:0-Führung gegen den SC Halberg Brebach abfeuerte. In ärgster Bedrängnis zimmerte er den Ball aus knapp 20 Metern in den rechten Winkel. Am Ende verlor Hasborn dennoch mit 1:2 beim Tabellenführer.

Während der Winterpause absolvierte Krauß ein Probetraining beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken.
„Vor der Saison habe ich noch zu meinen Eltern gesagt, dass ich es jetzt mit 19 Jahren abschreiben kann, mit dem Fußball richtig Geld zu verdienen. Ich dachte nicht, dass ich es in der Saarlandliga schaffe und war selbst überrascht, dass ich in die Erste Mannschaft gekommen bin“, staunt der 19-Jährige über seinen rasanten Aufstieg, „und ein halbes Jahr später trainiere ich im Gladbach-Trikot und Olaf Marschall ist mein Berater. Das ist alles neu für mich, aber das freut meine ganze Familie, und ich werde oft darauf angesprochen. Das tut gut.“ Gut tut dem Abiturienten auch der Rückhalt seiner Familie – allen voran der seines Vaters. Er war in der Jugend beim SV Holz lange Matthias‘ Trainer und hat wesentlichen Anteil an dessen stetiger Weiterentwicklung. „Mein Vater durfte früher selbst nicht Fußball spielen, war aber immer schon ein großer Fan gewesen. Durch ihn habe ich angefangen und wegen ihm bin ich so gut geworden“, erklärt Krauß und fügt stolz an: „Er sagt mir auch immer noch, was ich schlecht mache. Meine Eltern kommen immer mit und schauen sich jedes Spiel an – egal wo. Sie unterstützen mich bei allem, was ich im Fußball mache.“ Die Entscheidungen, wie es in seinem Leben weitergehen soll, trifft Matthias aber selbst. Und das auf vernünftige Art und Weise: „Zuerst werde ich die Schule fertig machen und mich auf die Rückrunde beim SV Hasborn konzentrieren“, sagt er.
Ohnehin glaubt er nicht, dass ihm der plötzliche Trubel um die in Aussicht gestellte Karriere als Profifußballer die Bodenhaftung verlieren lässt: „Viele sagen jetzt schon zu mir, dass ich nicht abheben und arrogant werden soll. Aber ich habe meinen Kumpels schon gesagt: ,Es ist zwar geil, wie das alles bisher gelaufen ist. Aber dass ich mich bestimmt nicht verändern werde deswegen und meinen Freundeskreis wegen Fußball vernachlässige‘.“ Im Gegenteil: „Ich kann es selbst nicht leiden, wenn jemand hochnäsig durch die Gegend läuft. Okay, wenn ich mal so ein Tor schieße wie in Brebach, dann nerve ich die anderen schon ein bisschen damit, aber abheben werde ich deshalb ganz bestimmt nicht“, sagt Krauß und lacht laut.
Weniger zu lachen haben wird Matthias Krauß in den nächsten Monaten in der Schule. Dort stehen nämlich die Abiturvorbereitungen an. Der Zwölftklässler des Illinger Gymnasiums wird im Frühjahr in den Fächern Mathematik, Englisch, Deutsch, Politik und Sport geprüft. „Sport mache ich am liebsten, da kann man noch Punkte gutmachen. Außer Turnen, das ist nicht so meins“, erklärt der Stürmer, „eigentlich habe ich neben Sport kein anderes Lieblingsfach. Aber für die Schule mache ich eh‘ nicht so viel, weil ich ziemlich faul bin, was das angeht. Ich gehe ziemlich gerne mit Freunden aus und sage mir: Hauptsache, ich komme durch.“ Weniger faul ist er auf dem Platz. Das darf er auch nicht sein, weil seine größte Stärke die enorme Schnelligkeit ist. Außerdem weiß er in fast jeder Lage, wo das Tor steht. „Mein Vater war früher auch schon immer sehr schnell. Ich habe die Schnelligkeit nie trainiert, sie war einfach da. Auch nachdem bei mir der Ischias-Nerv im letzten A-Jugend-Jahr eingeklemmt war, und ich zuerst Probleme beim Sprinten hatte, kam sie wieder zurück“, weiß Krauß, der seine Stärken ebenso gut kennt wie seine Schwächen: „Vorm Tor mache ich mir manchmal zu viele Gedanken. Während ich aufs Tor zulaufe, gehe ich im Kopf alle Möglichkeiten durch, wo ich hinschießen sollte“, reflektiert er und ergänzt: „Und ich muss auf jeden Fall noch körperlich zulegen. Man kann mich noch recht leicht wegdrängen. In dem Bereich habe ich in der ersten Saison bei den Aktiven zwar schon dazugelernt, aber ich muss immer noch viel mit der Schnelligkeit kompensieren.“
„Ich muss noch körperlich zulegen“
Eine gewisse körperliche Fitness würde ihm auch bei dem Berufswunsch weiterhelfen, den er neben einer potenziellen Karriere als Fußballprofi ins Auge gefasst hat: Polizist. Bei der Polizei hat er sich schon beworben, den Sporttest mit der Durchschnittsnote 2,2 achtbar bestanden. Was noch fehlt, sind die Ergebnisse des theoretischen Teils der Eignungsprüfung. „Ich hoffe, dass ich den auch bestanden habe. Ich habe zwar ein gutes Gefühl, aber das kann man nur schwer einschätzen. Dort wurden Allgemeinwissen, Deutsch, Logik und Konzentrationsfähigkeit abgefragt“, erinnert er sich. Aber warum zieht es ihn ausgerechnet zur Polizei? „Ich wollte schon als Kind zur Polizei. Das hat mich immer interessiert, und wenn das klappen würde, wäre schon top. Die Arbeit dort ist halt immer sehr abwechslungsreich. Ich bin keiner, der auf der Arbeit die ganze Zeit nur rumsitzen könnte. Das wäre mir zu eintönig“, lautet die einleuchtende Antwort. Dennoch hofft Matthias Krauß auf die zweite Option: „Wenn es mit der Profikarriere klappen würde, wäre es schon komisch, wegzuziehen und alles hinter sich zu lassen. Aber die Chance, mit Fußballspielen Geld zu verdienen, würde ich mir natürlich nicht entgehen lassen.“
Bevor er sich entscheiden muss, wo es künftig beruflich für ihn weitergeht, fokussiert Krauß neben dem Abitur die Ziele mit dem SV Hasborn: „Ich bin – im Gegensatz zu anderen – der Meinung, dass für uns nach oben schon noch etwas geht. In dieser Liga hat man schnell mal gepatzt und ich habe die Hoffnung, dass wir es noch einmal spannend machen können“, meint der Rechtsfuß, „Auersmacher haben wir schon einmal geschlagen und gegen Brebach haben wir zweimal nur knapp verloren. Ich denke, dass es vorne noch einmal eng wird. Ich persönlich will der Mannschaft helfen und möglichst viele Tore schießen, um an Jörg Rau vorbeizuziehen und die Torjägerkrone zu holen.“
„Die Chance würde ich mir nicht entgehen lassen“
Dass er sich dieses Ziel im Laufe seiner ersten Saison bei den Aktiven setzen kann, lässt ihn noch immer selbst staunen: „Vor der Saison gar kein Thema, wie viele Tore ich schießen würde. Ich dachte, dass ich auf der Bank sitzen würde und nur in der Zweiten spielen würde. Ich habe selbst nicht an mich geglaubt und wollte vor der Saison auch in die Landesliga wechseln“, erinnert er sich, „Jetzt ist es mein Ziel, gegen jede Mannschaft mindestens einmal zu treffen.“ Seine Eltern mussten ihn davon überzeugen, nicht in eine tiefere Spielklasse zu wechseln und es erst einmal in Hasborn zu probieren. Zu Recht, wie sich herausstellte. Auch wenn ihr Sprössling zugeben muss: „Grundsätzlich wird mir vor jedem Spiel schlecht, weil ich so nervös bin. Ich bin immer noch aufgeregt, weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen. Das legt sich aber schon beim Anpfiff direkt“, so der 19-Jährige.
Wenn er so weitermacht, könnte er irgendwann die Mitspieler und den Trainer eines Proficlubs zufriedenstellen. Einer seiner Bekannten hat das jedenfalls schon geschafft: Jung-Profi Patrick Herrmann von Borussia Mönchengladbach. „Wir haben früher öfter gegeneinander gespielt, als er noch in Uchtelfangen war und ich in Holz.
Vor zwei Jahren haben wir bei einem Beach-Soccer-Turnier zusammen in einer Mannschaft gespielt und seitdem schreiben wir uns manchmal über Facebook“, erklärt Matthias Krauß. „Er hat sich darüber gefreut, dass ich zum Probetraining bei der U23 eingeladen wurde und hat gemeint, dass er ein gutes Wort für mich einlegen wird…“ Ob das etwas bringt, zeigt sich wohl im kommenden Sommer.
Sebastian Zenner
