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Vierzehn Böller an Silvester 1955

Erinnerungen an herrliche Ball-Zeiten: Der 1. FC Saarbrücken und der 1. FC Kaiserslautern trennten sich vor 55 Jahren im Pokalwettbewerb 7:7. Das Wiederholungsspiel gewann der FCS am 1. Februar 1956 mit 4:3.

Das waren noch stürmische Fußball-Zeiten. Tempostarke Offensive, beachtliche Torquoten. Die Abwehrspieler überquerten kaum die Mittellinie. „Tore verhindern“, hieß primär ihre Order. Als sich der 1. FC Saarbrücken und der 1. Kaiserslautern am 31. Dezember 1955 im FC-Sportfeld nach 120 Minuten 7:7 trennten, hatten sie mit ihrem Böllerschießen eine sportliche Anleihe zum Silvestertag gemacht. Sich selbst hatten sich die Nachbarn zum Nachsitzen verpflichtet: Am 1. Februar 1956 war wieder Pokal-treffen im Sportfeld. Der FCS gewann in 90 Minuten 4:3. Ein Hauch von Trauer begleitete den FCK auf der Heimfahrt. 

„21 Tore in zwei Spielen; so etwas gibt es heute nicht mehr“, denkt Horst Eckel an die glorreiche Offensivzeit zurück. Horst Eckel ist 1954 in Bern Fußball-Weltmeister geworden. Er hat viele Sternstunden mit der Nationalmannschaft erlebt und war auch Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern.

Am Silvester-Mittag 1955 hatten sich 15.000 Fußball-Begeisterte in das Sportfeld aufgemacht. 1. FC Saarbrücken gegen 1. FC Kaiserslautern – das war in jener Zeit immer ein Klassiker. Und dann in den letzten Stunden des alten Jahres gleich 14 Treffer. Verrückte Fußball-Welt. „Wer daheim geblieben ist, der wird sich geärgert haben. Es war das aufwühlendste, erregendste und interessanteste Spiel seit Jahren – ein Triumph des Angriffs-Fußballs“, war in der ersten Ausgabe der Fachzeitschrift „kicker“ 1956 zu lesen.

Mit diesem Schuss war Ottmar Walter, links, für den FCK erfolgreich.

Der Torreigen: Herbert Binkert erzielt das 1:0. Karl Wanger und Ottmar Walter drehen den Spieß um; Binkert gleicht aus. Ottmar Walter erzielt das 2:3 und das 2:4. Halbzeit. Nach der Pause vier FCS-Treffer sozusagen am Stück: Pitt Krieger, Gerd Siedl, Herbert Martin und Herbert Binkert. Herbert Schroer und Willi Wenzel schaffen den Gleichstand zum 6:6. Ende der regulären Spielzeit. Die Verlängerung: 6:7 durch Wanger (93.), 7:7 durch Martin (98.). Das ist der Endstand nach strapaziösen 120 Minuten, die viel Nervenkraft gekostet haben. Das torgleiche Viertelfinalspiel sollte durch Los entschieden werden. Ein Glücksspiel. Fritz Walter fehlt verletzt, Ersatzkapitän Werner Kohlmeyer soll die glückliche Hand haben.

Er scheint sie zu haben. Der Lauterer zieht das Glückspapier. Pfälzischer Jubel. Ärgerlich begeben sich die Saarbrücker vom Sportfeld runter in die Trierer Straße. Postschenke. Dort soll der Frust flüssig verdrängt werden. Nicht nur das. In der Kneipe soll mit Frauen und Freundinnen auch der Jahreswechsel rüber nach 1956 gefeiert werden. Trotzreaktion!

Im Pokalwettbewerb auf der Strecke geblieben? Oder doch nicht? Der 1. FCS legte Protest gegen den Los-Entscheid ein und hatte Erfolg: Neuansetzung. Die Pfälzer verzichteten freiwillig auf den Heimvorteil. Mittwoch, 1. Februar 1956: Wieder gegen den FCK im Sportfeld. Diesmal kommen 8.000 Zuschauer. Fast sibirische Temperaturen. „25 Grad unter Null“, erinnert sich Herbert Binkert. Alle Spieler tragen Ohrenschützer und Handschuhe. Die Saarbrücker noch zusätzliche Warmhalte-Teile. „Unter der Sporthose schnürte sich jeder von uns ein Hasenfell um den Unterleib“, erinnert der FCS-Stürmer an die ganz besondere Kälteschutz-Aktion. Dennoch erwischt es Binkert schmerzhaft. „Der Eckel Horst hat mir den Ball wuchtig gegen den Oberschenkel geschossen. Das tat bei dieser Kälte wahnsinnig weh.“

Für die Zuschauer bargen die 90 Minuten etwas „Heizkraft“ in sich; der spannende Verlauf trug zum Erwärmen bei. Saarbrücken gewann nach erneut dramatischen Verlauf mit 4:3. Die Torfolge: 1:0 Pitt Krieger, 1:1 Werner Basler, 2:1 Herbert Martin, 2:2, 2:3 beide Karl Wanger, 3:3 Herbert Martin, 4:3 Gerd Siedl. Fritz Walter fehlte auch diesmal verletzt. Horst Eckel hatte Recht. 21 Tore und 210 Spielminuten – beiderseits war die Offensiv-Trumpfkarte optimal ausgespielt worden. Das waren noch herrliche Ballzeiten. Die Gegenwart bietet oft den wenig anschaulichen Kontrast des taktischen Gewürges mit relativ schwachen Torquoten. Und am Silvester-Tag wird auch schon seit Jahrezehnten nicht mehr gespielt.

Michael Menden

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