Vom Krippenspieler zum Tatort-Kommissar
Maximilian Brückner – er gilt als der Shooting-Star der deutschen Schauspiel-Szene. Mit Franz Kappl hat er dem Saar-Tatort ein neues Gesicht gegeben. Und das steht dem Krimi aus dem kleinen Bundesland richtig gut – da sind sich die meisten einig.
Dabei ist Brückner ein Schauspieler der ganz eigenen Art. Den „heimatverbundenen Rebell“ hat ihn der „Stern“ schon vor Jahren genannt. „Naja, wenn das einer so sehen will, kann er es so sehen“, lacht Brückner. Sein Lachen ist authentisch, sympathisch. Der Mann verstellt sich nicht. Ganz Unrecht hat der „Stern“ nicht gehabt. „Heimatverbunden“ ist der Bayer tatsächlich. Das bringt er auch in seine Rolle als Hauptkommissar ein. Als Kappl im ersten Saar-Tatort abends allein in seiner neuen Wohnung saß, die neue Einsamkeit ihn überkam, da griff er zu seiner Tuba. Die spielt Brückner auch – macht daraus kein Geheimnis. Auch nicht daraus, dass er sich in seiner Heimatgemeinde Riedering als Gemeinderat engagiert hat.
Doch so einsam, wie sich Kappl bei seinem Start in Saarbrücken fühlte, fühlte sich Brückner im Saarland nie. „Natürlich ist das Saarland ein kleines Land“, sagt er, „aber es hat seine Vorteile. Da ist die Verbundenheit unter den Leuten. Eine tolle Sache. Ich fühle mich da sehr wohl.“ Und irgendwie seien die Saarländer den Bayern ohnehin sehr ähnlich: „Sie sind eher ruhig, gemütlich.“ „Und sie essen gern und gut“, fügt er hinzu.
„Toll“ – eine andere Beschreibung für das, wie die Saarländer ihn empfangen hätten, gebe es nicht. Und dann kommt er auf seine Rolle im Tatort zu sprechen: „Im Prinzip ist Kappl doch selbst ein Saarländer, und zwar von seiner Person, von seiner inneren Einstellung her. Nur weiß er das nicht vom ersten Moment an. Und er spricht natürlich anders.“
Dass es Brückner im Saarland so gut gefällt, das liegt auch an seinen Kollegen – allen voran Gregor Weber. Der spielt im Tatort Kommissar Deininger, Kappls Kollegen, der selbst gern „Chef im Laden“ geworden wäre. „Mit Gregor verstehe ich mich wirklich gut“ – und als dieser Satz im Gespräch fällt, merkt man, dass es nicht bloß eine Floskel ist, kein Standardsatz in einem von hundert Interviews: „Gregor ist alter Saarländer. Der kennt sich hier aus. Und das Land ist gar nicht so klein, wie man zuerst glaubt, das bringt er einem gut nah.“ Aber kennt er auch den Stolz der Saarländer? „Steht es mir überhaupt zu, das in Worte zu fassen?“, kontert er mit einer Gegenfrage, die seine typische Bescheidenheit ausdrückt: „Ich kann nur nochmal sagen, dass ich mich dort sehr wohl fühle.“
Während der Drehtage nimmt Weber Brückner dann auch unter seine Fittiche, zeigt ihm, wo man hingehen kann. „Dann ist es wunderschön, wenn man erkannt wird“, bekennt Brückner, „aber es ist nur ab und zu so. Dann merkt man, wie die Menschen das Gesicht erkennen, sieht ihnen an, dass sie gar nicht damit gerechnet haben, einem zu begegnen. Ist man aber erst erkannt, wird es sehr herzlich.“ Einige Begegnungen sind ihm in Erinnerung geblieben. Etwa als er zum ersten Mal im Saarland erkannt wurde. „Es war eine ältere Frau, die mich erkannt hatte, und ganz zurückhaltend ‚Guten Tag‘ gesagt hat.“ Dass er nur „ab und zu“ erkannt wird, ist Brückner ganz Recht, denn viel Trubel um sich und seine Person mag er nicht: „Ich habe auch gerne meine Ruhe.“
Dann kommt das Gespräch aber schnell wieder zurück zum Tatort, zu Franz Kappl. „Die Figur entwickelt sich weiter“, weiß der Schauspieler. Zu ehrgeizig sei er am Anfang gewesen. „Aber langsam kommt der Kommissar an“, fährt Brückner fort, „und es stellt sich immer mehr heraus, dass er gar nicht soooo ehrgeizig ist.“ Dazu kämen immer wieder die kleinen Kappeleien mit Deininger. „Aber das funktioniert sehr gut“, sagt der Bayer, „und es muss auch so sein. Durch unterschiedliche Charaktere wird es erst richtig gut. Im echten Leben treffen ja auch viele Charaktere aufeinander und müssen miteinander zurechtkommen. Ein schwarzer Hintergrund braucht ja auch einen weißen Fleck als Kontrast. Und durch die Spannungen und Probleme wächst das Team zusammen.“
„Heimatfront“, der aktuelle Saar-Tatort, befasst sich mit Soldaten. Mit denen, die in Afghanistan Dienst tun, wieder nach Hause zurückgekehrt sind. Wie sie mit Erlebnissen des Krieges umgehen, wie sich dadurch ihr Leben ändert. Zufall sei es, dass ausgerechnet jetzt die Saarlandbrigade ihren größten Auslandseinsatz aller Zeiten habe. „Als wir gedreht haben, war das noch nicht aktuell.“ Dennoch: Für Brückner, der selbst „Zivi“ war, ist das ganze Thema ein „zweischneidiges Schwert“: „Mit diesem Thema befassen sich viele. Viele kommen psychisch zerstört aus diesen Einsätzen zurück. Wir haben im Tatort nur eine fiktive Geschichte gedreht. Aber sie erzählt, was passiert. Wir zeigen das nur.“
Kommissar Kappl ist nur eine Rolle, die Maximilian Brückner spielt. Angst, dass er irgendwann nur noch mit dieser Rolle in Verbindung gebracht wird, hat er nicht. „Ich drehe auch andere Sachen“, sagt er, „und trotzdem macht es Spaß, gerade diese Figur weiterzuverfolgen, sie sich entwickeln zu lassen. Das macht mir Spaß – und ich bin ganz ehrlich froh darüber. Einen Tatort zu drehen, das heißt ja auch: Qualität auf hohem Niveau. Und es klappt. Unsere Folgen werden immer besser, es gelingt alles immer besser.“ Bis jetzt ist Brückner als Schauspieler noch nicht in der Schublade „Tatort-Kommissar“ gelandet. In seinen Augen ein Vorteil des Saar-Tatorts: „Wir drehen ja nur einen im Jahr, da ist die Gefahr nicht so groß.“
Verlegen ist Brückner im ganzen Gespräch nicht. Nur bei einer Frage gerät er ins Stocken. Das aber scheint seinem Naturell zu entsprechen. Der Saar-Tatort ist nämlich tatsächlich besser geworden. Das tut „vox populi“ auf der Straße kund, das sagen die Gespräche unter Arbeitskollegen am Montagmorgen. „Das finde ich super“, sagt Brückner, und seine Freude über die Aussage ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er weiß nicht, was er darauf weiter sagen soll. Hörbar schluckt er, atmet durch. „Wir bemühen uns, es immer besser zumachen“, schildert er nach einigen Sekunden der Stille: „Wir wissen, dass wir nie allen gerecht werden können. Aber wir arbeiten wirklich daran.“
Kurz vor Weihnachten war das Gespräch mit Brückner. Weihnachten genießt er am liebsten im heimatlichen Riedering. Und seine Gedanken schweifen dorthin. Hier hat er seine Karriere begonnen. Hier hat er zum ersten Mal auf der Bühne gestanden – beim Krippenspiel. Brückners Augen strahlen. „Es ist aber auch ein ganz besonderes Krippenspiel“, lacht er, „Es kommt ursprünglich von den Salzburger Festspielen“. Und eine Familientradition ist es noch dazu. Nicht nur der „kleine Maximilian“ war mit von der Partie. „Wir haben alle da mitgespielt“, sagt er nicht ohne seinen ganz eigenen heimatverbundenen Stolz: „Meine Schwestern sind immer noch dabei. Die kleine spielt mit, eine coacht die Truppe“.
Thomas Hoffmann

