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09 Kultur Denglisch 1

Wider die rasante Zersetzung der deutschen Sprache

Der Traum von Deutsch als Weltsprache war spätestens seit dem Ende von Nazi-Deutschland passé. Doch nun scheint die Existenz eines der höchsten Kulturgüter ernsthaft bedroht, weil die deutsche Sprache nicht ausreichend vor dem unaufhaltsamen Eindringen des Englischen geschützt wird.

Heute schon gebuzzert? Oder völlig geflasht? Womöglich nach einer Battle im Anschluss an eine Blind Audition? Ältere Semester, die nicht unbedingt zur typischen Zielgruppe des Sat.1-/ProSieben-Formats „The Voice of Germany“ zählen, dürften da nur noch Bahnhof verstehen – wo es längst keine Fahrkarten, sondern nur noch Tickets zu kaufen gibt, wo man sich längst nicht mehr an einem Treffpunkt, sondern einem Meeting Point verabredet.

Ausgerechnet in einem Land, in dem die Mehrheit nur ein mehr als lausiges Englisch spricht, sind die Anglizismen vehement auf dem Vormarsch. Die Folge: eine (unaufhaltsame?) Verhunzung der deutschen Sprache.

Vorreiter dieser unerfreulichen Entwicklung waren vornehmlich Macher aus Werbung, Marketing und Medien, die sich seit den 80er-Jahren zunehmend von der deutschen Sprache abgewandt hatten. Diese hatten die Kommunikation untereinander und die Botschaften an ihre Klientel mit immer mehr englischen Wörtern durchsetzt. Seitdem sind die Anglizismen zu einer Art von Imponier-Deutsch aufgestiegen, was demjenigen, der es benutzt, einen Anstrich von Modernität und Schick verleihen soll. Kritische Zungen sprechen allerdings in diesem Zusammenhang eher von „Denglisch“, das auf dem besten Wege sei, die deutsche Sprache nachhaltig zu schädigen. Einer Allensbach-Umfrage zufolge sehen 65 Prozent der Deutschen das genauso, in der Generation Ü-60 befürchten sogar 73 Prozent eine Verhunzung.

Deutsch spielt im öffentlichen Leben oft nur eine Nebenrolle

Die Zweifel und Ablehnung sind durchaus berechtigt. Die deutsche Sprache spielt inzwischen in ganz zentralen Bereichen des hiesigen öffentlichen Lebens eine Nebenrolle: in der Wissenschaft, wo neu gegründete deutsche Universitäten den Studenten Englisch als Unterrichtssprache aufzwingen, in Wirtschaft und Politik, wo Deutsch in der EU zwar als eine der drei Arbeitssprachen gilt, aber nie benutzt, geschweige denn von deutschen Politkern eingefordert wird. Der Deutsche spricht eben (mehr oder weniger gut) Englisch – Englisch ist daher längst der Hauptdarsteller geworden.

Was früher der Mittagstisch für Berufstätige war, ist heute der „Business Lunch“.

Der rasante Vormarsch der englischen Sprache ist unstrittig. In der medialen Bewertung dieses Sachverhaltes gehen die Meinungen allerdings stark auseinander. Während die einen die Aushöhlung oder gar Zerstörung der deutschen Sprache an die Wand malen, können andere keinerlei Gefahr für den Fortbestand des Deutschen sehen, weil es schon immer über die Jahrhunderte sinnvolle Anleihen aus anderen Sprachen aufgegriffen habe. Die deutsche Sprache habe sich letztendlich dadurch sogar in seiner Fülle und Ausdruckskraft weiterentwickelt, heißt es von den Befürwortern.

Jens Jessen schrieb dazu in der „Zeit“: „Die früheren Übernahmen haben das Deutsche komplexer, reicher, intellektueller und expressiver, philosophischer und dichterischer, auch wissenschaftsfähiger gemacht. Unter dem Einfluss des globalisierten Englisch aber vollzieht sich eine geradezu atemberaubende Simplifizierung. Die englischen oder pseudoenglischen Ausdrücke kommen nämlich nicht einfach hinzu, sie ersetzen auch nicht nur deutsche Wörter, was schlimmstenfalls überflüssig wäre. Sie verdrängen vielmehr die natürliche Wortbildung des Deutschen.“

Am auffälligsten ist die Dominanz des Englischen gerade in Bereichen unserer Gesellschaft, die als besonders zukunftsträchtig und modern gelten, also in der Pop- und Jugendkultur, der Konsumindustrie, dem Web oder der Welt der Neuen Medien allgemein. Zu jeder Produktinnovation aus diesen Bereichen wird gleich der englische Name verbindlich mitgeliefert. Der Macht der anglofon geprägten Werbesprache kann sich ohnehin kaum jemand entziehen, auch wenn deren Slogans hierzulande bei vielen Verbrauchern noch immer Un- oder Missverständnis auslösen. Vor einigen Jahren legte die Beratungsfirma Endmark eine Studie vor, wonach noch nicht einmal die Hälfte der Deutschen Werbesprüche richtig übersetzen konnte. Der damalige Douglas-Slogan „Come in and find out“ wurde meist als „Komm rein und finde wieder heraus“ gedeutet. „Drive alive“ von Mitsubishi wurde mehrheitlich mit „Fahre lebend“ übersetzt, das Sat.1-Motto „Powered by emotion“ mit „Kraft durch Freude“. Einigen Unternehmen hat diese Studie offenbar zu denken gegeben, McDonald‘s beispielsweise ersetzte sein Motto „Every time a good time“ durch „Ich liebe es“, Sat.1 verkündete fortan „Sat.1 zeigt’s allen“. Dass die Bahn mit „Rail and Fly“ (übersetzt: „fluchen und fliegen“) seit Jahren mit einer peinlichen Sprachpanne wirbt, sei nur am Rande angemerkt.

Ist aber ein typisches Beispiel dafür, wie in Deutschland Wortschöpfungen (Made in Germany) vorgenommen werden, die nur englisch anmuten, deren Sinn aber kein Engländer oder Amerikaner nachvollziehen könnte. Einen Brüller landete seinerzeit ein deutscher Rucksack-Hersteller, der sein Produkt auf den neudeutschen Namen „Bodybag“ taufte. Bis ihn jemand darauf aufmerksam machte, dass er damit einen „Leichensack“ anpries. Apropos: Unter dem beliebten Public Viewing werden die meisten Native Speaker auch keineswegs die öffentliche Großveranstaltung verstehen, sondern es als „Leichenschau“ oder „Aufbahrung“ übersetzen. Einen Dressman sollte man in England keinesfalls in der Modebranche suchen, sondern in der Halbwelt (Transvestit). Und wenn sich bei Vox im „Perfekten Dinner“ eine Dame als Frühaufsteherin mit den Wörtchen „Early Bird“ outet, dürfte ein Amerikaner ebenso verständnislos dreinblicken wie beim Kunstwort „Partnering“, das unser Verteidigungsminister jüngst im Fernsehen in Sachen afghanischer Truppenaufbau der staunenden Welt bescherte.

Aber Englisch ist in der Werbung unverändert omnipräsent, wie Stichproben der letzten Wochen rund um die Saarbrücker Bahnhofstraße ergeben haben: „atnight I comealive“ (bei Wäsche-Hunkemöller), „PerfectShaping“ (für einen Schlankmacher bei Triumph), „Made foryourhomeGiftcard“… Warum Schuhe nicht mehr als Schuhe angeboten werden, sondern nur noch als „Shoes“, mag verstehen, wer will. Da ist man sogar regelrecht geschockt, wenn statt des üblichen „Sale“ mal jemand auf die Idee kommt, „Nachlass“ zu offerieren. Den Vogel schoss fraglos eine Nobelboutique am St. Johanner Markt ab, die bei ihren Öffnungszeiten den „Ruhetag“ als „Sleeping“ deklarierte.

„Globalesisch“ hat mit „Hochenglisch“ nicht viel gemein

Es ist aber nicht nur die englische Hochsprache, deren wachsender Einfluss auf das Deutsche so problematisch ist, sondern vor allem auch die internationale Kunstsprache Englisch, wie sie von allen nicht gebürtigen Englisch Sprechenden weltweit zur Kommunikation benutzt wird und die von Ulrich Greiner in der Wochenzeitung „Die Zeit“ als „Globalesisch“ bezeichnet wurde und mit dem „Hochenglischen“ so gut wie nichts mehr gemein hat. Es sei „eine neue Lingua franca, wie sie jahrhundertelang das Lateinische gewesen ist“, so Greiner, „also eine ‚freie Sprache‘, die niemandem gehört, keine territoriale Heimat besitzt und als zweite Sprache zu der eigenen hinzukommt.“

Befindet sich die deutsche Sprache mittlerweile im Ausverkauf? „Sale“ – das Wort bedeutet nichts anderes als Sonderangebot.

Von staatlicher Seite wird hierzulande bislang nichts gegen das Überhandnehmen des Englischen getan (und stattdessen offenbar auf eine Selbstreinigung gehofft). Ganz im Gegenteil. Als die ersten PISA-Ergebnisse eine mangelhafte Sprachbeherrschung auswiesen, wurde daraus nicht etwa der naheliegende Schluss gezogen, den Deutschunterricht zu intensivieren, sondern die Bildungspolitiker entschieden sich für die Einführung des Englischunterrichts in den Grundschulen.

Nicht einmal die letzte Bastion reiner „Deutschsprachigkeit“, die Justiz, ist mehr sicher, denn im Bundesrat sind schon Überlegungen laut geworden, Zivilprozesse auf Englisch abzuhalten, um dadurch der Benachteiligung deutscher Gerichte bei internationalen Wirtschaftsverfahren zu begegnen. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Kinder aus wohlhabenden Familien zur Vorbereitung auf die Spitzenpositionen in unserer Gesellschaft in englische Internate oder auf private deutsche Hochschulen mit Englisch als Unterrichtssprache geschickt werden. Im schlimmsten Fall kann dies dazu führen, dass die künftige Elite die eigene deutsche Muttersprache nicht mehr perfekt beherrschen wird.

Bestrebungen selbst ernannter Sprachschützer, zum Beispiel des Vereins Deutsche Sprache oder des Vereins für die deutschen Kulturbeziehungen im Ausland, die deutsche Sprache im Grundgesetz festschreiben zu lassen, würden das Problem zwar nicht gänzlich lösen, aber abmildern. Das zeigt auch das Beispiel Frankreich, wo das Französische seit 1958 Verfassungsrang hat und durch Sprachschutzgesetze staatlich geschützt wird. Das Gesetz enthält diverse Bestimmungen: Französisch wird als Unterrichtssprache in sämtlichen Erziehungseinrichtungen vorgeschrieben. Fremdsprachige Publikationen, die öffentlich gefördert werden, müssen zwingend zumindest mit einem französischen Resümee versehen sein. Auf französischen Kongressen hat jeder Teilnehmer auch das Recht, Französisch zu sprechen. Plakate und Werbung auf öffentlichen Plätzen müssen in französischer Sprache abgefasst sein. Bei Radiosendungen gilt die 40-Prozent-Regel für französischsprachige Lieder. 90 Prozent der Franzosen haben ihre Zustimmung zu den Bestimmungen dieses Gesetzes bekundet.

Natürlich gibt es in Frankreich auch noch die traditionsreiche, 1635 gegründete Académie franÇaise als Hüterin der Sprache, deren 40 Mitglieder auf Lebenszeit benannt werden. Zumindest eine vergleichbare Institution könnte in Deutschland als Sofortmaßnahme etabliert werden – dann würde uns künftig zumindest eine Rechtschreibreform à la 2006 erspart bleiben. Und wenn die Länder ihr dann noch die nötigen kulturellen Hoheitsrechte abtreten würden, gäbe es endlich auch mal im einstigen Land der Dichter und Denker eine höchste Instanz in Sachen Erhalt und Schutz der heimischen Sprache.

Peter Lempert

  1. Gawlitta, Kurt, Berlin

    Sehr geehrter Herr Lempert, Forum, Das Wochenmagazin,
    wir lesen oft die Wendung von den selbst ernannten Sprachschützern. So auch in Ihrem Beitrag “Wider die rasante Zersetzung der deutschen Sprache”. Dies scheint ja darauf hin zu deuten, dass es eine Stelle gibt, die solche Ernennungen offiziell durchführt. Wir vom Verein Deutsche Sprache würden die Stelle gern erfahren, denn wir würden dort natürlich sofort einen Antrag stellen, damit unsere Aktivität ihre deutsche Ordnung hat. Vielleicht können Sie dabei behilflich sein.
    Mit schönen Grüßen
    Kurt Gawlitta

  2. Feldlerche

    Seit langen beobachte ich, dass besonders die Medien jedes Jahr systematisch Wörter unserer Muttersprache ersetzen. Da steckt Methode dahinter, und es wird so getan, dass wer die neuen Tenglisch-Begriffe nicht beherrscht, dümmlich oder einer von gestern ist. Das erbärmlichste ist aber, dass man die Kleinsten (Beispiel im KIKA Kleinkinderprogramm “Die Sendung mit dem Elephanten” Trickfilme mit englischen Texten vorsetzt, welche gnädigerweise zum 2. Mal bringt und dann in deutscher Sprache.
    Da fängt das erbärmliche Tun der Macher an, es steckt System dahinter, die Sprache zu zerstören. Nur machen die Tunichtguten einen Fehler, denn dann bilden sich Eliten heraus, deren Sprache das ungebildete Volk nicht versteht. Aber das hatten wir doch schon mal?! Der preußische König konnte nur Französisch sprechen, na dann macht mal so weiter…….

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