Zurück in die Mitte
St. Ingbert hat schwere Zeiten erlebt. Viele Einzelhändler der Innenstadt mussten in den letzten Jahren zumachen, weil nebenan in Neunkirchen das Saarpark-Center aufgemacht hatte. Doch die Stadtplaner haben reagiert und gegengesteuert. Mit Erfolg: Die City von St. Ingbert kann sich wieder sehen lassen.
Es tut sich was in St. Ingbert: Die alte Baumwollspinnerei wird jetzt endlich umgebaut. 2013 soll es dort die Kulturangebote der Stadt geben, auch Bildungsorganisationen wollen sich dort engagieren. Das Leibniz-Gymnasium in der Albert-Weisgerber-Allee bekommt einen Anbau, 300 Meter von der Innenstadt entfernt. Ist der fertig, lohnt es sich wieder in der großen Pause, kurz in die Stadt zu gehen. St. Ingberts Stadtplaner Martin Ruck setzt auf Dichte und Vielfalt in der Innenstadt. Leerstehende Obergeschosse sollen Studenten angeboten werden. In der Hoffnung, sie nach St. Ingbert zu locken. Nach langem Werben ist jetzt auch Hennes & Mauritz (H&M) da. Ein Garant und Magnet für mehr Publikum, das nach St. Ingbert kommt und dort shoppt. „Der Preis dafür war zwar hoch“, erklärt Ruck, „damit der Trendladen in die Stadt kommt, musste die Stadt ihre Infrastruktur aufpolieren, was teuer war. Aber die Rechnung dürfte aufgehen. ‚H&M‘ ist ein sogenannter Ankermieter, der allein durch seine Existenz weitere Geschäfte anzieht.“

Winfried Brandenburg (72) Der Jurist und Kommunalpolitiker hat St. Ingbert geprägt. Selbstverständlich war das nicht. Der frühere Oberbürgermeister ist nämlich in Berlin geboren und in Pommern aufgewachsen. Erst nach dem Krieg kam seine Familie ins Saarland. Vielleicht hat ihn die Vertreibung geprägt, nicht aufzugeben, als Neunkirchen etwa das Saarpark-Center bauen ließ und St. Ingbert zu veröden drohte. Es hat sich gelohnt. St. Ingberts Mitte kann sich heute sehen lassen.
Das war nicht immer so. „Bis 1984 war in der Stadt alles in Ordnung“, erinnert sich der ehemalige Oberbürgermeister Winfried Brandenburg. Doch dann hat die Mittelstadt irgendwie die Zeichen der Zeit nicht erkannt.
Die Krise kam schleichend. Immer mehr Fachgeschäfte machten zu, das ansässige Lebensmittelunternehmen verschwanden, Mode-, Eisenwaren- und Porzellangeschäfte gaben auf. „Neunkirchen drohte, uns den Rang abzulaufen“, so Brandenburg, der bis 2005 in Amt und Würden war. Nachdem die Hütte dicht war, setzte Neunkirchen auf Konsum, ließ das damals neue Saarpark-Center direkt vor die Nase St. Ingberts bauen. „36.000 Quadratmeter an der Autobahn, das ist soviel wie eine zweite Innenstadt“, weiß Stadtplaner Martin Ruck: „Wir hatten kaum eine Chance gegenzuhalten.“
Die Krise war auf ihrem Höhepunkt. Ruck: „Stadtentwickler ließen sich damals landauf, landab von Projektentwicklern überzeugen, Fachmärkte in die Peripherie zu verlegen. Argumente wie genügend viele Parkplätze, geringe Mieten, bessere Erreichbarkeit und größere Einzugsgebiete überzeugten die Stadtväter.“ Gegenargumente, dass hier Konkurrenz zur Innenstadt entstehe, zogen nicht. Es ging um größere Verkaufsflächen, optimale Verkehrsanbindung, um viel Geld. Eine Umkehr war nicht mehr möglich, die Entwicklung gibt es auch heute noch. „Wir müssen was tun“, hat Oberbürgermeister Brandenburg damals erkannt.
Der Erfolg kam mit einer Absage, an einen der ganz Großen. Der Einkaufs-centerbauer ECE wollte an der Autobahn A 6 einen Shoppingtempel bauen. Doch der St. Ingberter Stadtrat lehnte ab. „Wenn schon so ein Center, dann nur noch in der Innenstadt“, lautete der Beschluss damals und lässt auch heute solche Großflächen nur als Ergänzung zu den etablierten Läden zu. „Wir wollen zurück zur zentralen Versorgung in der Innenstadt“, so Ruck. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn zwischenzeitlich hatten Brauereien die Innenstadt entdeckt, lieferten sich heftige Konkurrenzkämpfe um die besten Plätze für neue Kneipen, lösten damit einen regelrechten Preiskrieg aus. Statt der sonst üblichen 500 Euro Miete für einen mittelgroßen Geschäftsraum, boten die Brauereien 2.000 Euro für die gleiche Fläche. Mit unerwünschten Folgen: Bistros, Kneipen und Restaurants verdrängten kleine Fachgeschäfte. Genau deshalb sind in St. Ingbert nur noch maximal zwei Kneipen auf 300 Metern erlaubt.
„Das war eine gute Idee“, sind sich Ruck und Brandenburg heute einig. St. Ingbert hat sich erholt, selbst längst gestorbene Pläne wie der Umbau des alten Hallenbades zu einer Seniorenresidenz oder zu einem Hotel werden derzeit wieder belebt. Auf dem Gelände der WVD-Druckerei, einem Kerngrundstück der Innenstadt, sollen Wohnungen gebaut werden. St. Ingbert will dort jungen Familien eine Heimat geben, neue Bürger, weitere Unternehmen und damit Arbeitsplätze in die Stadt locken.
Vorbild für die Zukunft St. Ingberts könnte die Stadt Wildeshausen in Niedersachsen sein. Der Ort zwischen Osnabrück und Bremen hat eine ähnliche Struktur wie die saarländische Mittelstadt, auch die Innenstädte sind ähnlich angelegt.
Dennoch gibt es Unterschiede, gravierende sogar: In Wildeshausen ist deutlich mehr los als in St. Ingbert. Sogar bei Regen, weil die Cafés, Bistros und Restaurants alle überdacht sind und weiter in die Mitte der Straße hineinragen. Für Gemütlichkeit und Flair sorgt ein kleiner Bach, der mitten durch die Innenstadt läuft. Die Idee dazu stammt aus dem badischen Freiburg. Damit sich der Nachwuchs beim Shoppen nicht langweilt, haben die Stadtväter für Spielgeräte gesorgt, die Kinder und Erwachsene nutzen können. Damit die Konsumstraße nach Geschäftsschluss nicht verödet, hat die Stadt ihr Seniorenheim bereits realisiert.
Aus gutem Grund: Ältere Menschen wohnen nämlich gerne zentral und bummeln durch die Straßen, auch wenn dort nichts geöffnet ist. Hier im Norden lässt man sogar Autos langsam durch die Hauptstraße fahren und zeitweise auch parken. Vielleicht nicht ideal für die Lungen der Stadtbewohner und Touristen, die da gemütlich zusammensitzen, aber ein Kompromiss mit den Händlern. Bequemlichkeit bringt halt weitere Besucher in die Stadt.
St. Ingbert hat noch viel zu tun, will es das Wildeshausen des Saarlandes werden. Doch es hat bereits den richtigen Weg eingeschlagen.
Barbara Hartmann

Ich lebe schon seit sechs Jahren nicht mehr in St. Ingbert, aber anscheinend hat sich nix geändert. Schon damals hiess es, der Umbau der Baumwollspinnerei “geht jetzt bald los”, schon damals wollte man ins alte Hallenbad ein Altenheim bauen. Ist da immer noch nix passiert? Und der Vergleich mit diesem “Wildeshausen” hinkt gewaltig. Die Entfernungen zu den Großstädten Bremen und Osnabrück sind um ein Vielfaches höher als die Entfernungen bei uns im Saarland und die Bevölkerungsdichte ist ebenfalls nicht vergleichbar. Außerdem ist bekannt, dass jede Regulierung des Marktes à la “nur noch zwei Kneipen auf dreihundert Metern” nur nach hinten losgehen kann.