Im Zwölf-Kabinen-Schiff geht es auf dem Amazonas durchs grüne Herz Brasiliens, mitten durch eine fantastische Welt voller bunter und wundersamer Tiere und Pflanzen. Highlight der Reise ist ein Besuch bei einem der indigenen Völker.
Wie eine grüne Mauer steht der Regenwald am Wasser. Als Pfeiler oder Türme ragen hier und da vereinzelt hochbetagte Riesenbäume in den wolkenlosen Tropenhimmel. Aras kreischen. Aus der Ferne nimmt das bloße Auge ihre schreiend bunten Körper nur als dunkle Silhouetten wahr. Nicht zu sehen, doch unüberhörbar ist ein Brüllaffe mit seinem tiefen, höllisch-heiseren Geröhre. Mit einer Lautstärke zwischen 100 und 140 Dezibel und einer Reichweite bis über vier Kilometer gilt diese Art als lauteste unter allen Landtieren.
Piranha-Angeltouren
An Bord der „MS La Jangada“ schwanken alle 24 Gäste zwischen der Empfindung, eine fesselnde Natur-Show zu verfolgen, und der Gewissheit, selbst daran teilzunehmen. Mit der Strömung treibt das kleine Passagierschiff auf dem Amazonas, der ganz im Westen von Brasilien noch wie ein Fluss aussieht. Wenn weiter östlich ein paar Kilometer zwischen beiden Ufern liegen, gleicht er einem See, der fließt. Seinen Mündungstrichter schließlich könnte man mit einem Meer verwechseln.
Doch bis dahin ist noch jede Menge Zeit für Abenteuer – von Piranha-Angeltouren bis zu indigenen Festen. Jetzt geht es erst einmal mit dem Ausflugsboot auf einen Seitenarm des Stroms, geradewegs hinein ins immergrüne Dickicht. Je näher das Boot dem Ufer kommt und sich am Land entlangbewegt, umso mehr Tiere sind am Rand des Dschungels zu erkennen. Vögel hört man ständig. Selten sieht man weniger als zwei, drei Spezies gleichzeitig.
Superflinke Totenkopf- und Spinnenäffchen toben fast überall durch das Geäst. Eine Affenart, die ausschließlich im Nationalpark Mamirauá lebt, ist der Rote Uakari. „Wir haben Riesenglück“, meint Falko Petzold, als sich gleich mehrere der seltenen wie seltsamen Primaten zeigen. Mit ihren kahlen, leuchtend roten Köpfen, klugen Augen und dem zotteligen Fell, das sie wie Mäntel tragen, muten diese scheuen Baumbewohner ziemlich menschlich an – auch im Sozialverhalten. Der deutsche Reiseleiter weiß: „Beziehungsdramen sind bei diesen Affen an der Tagesordnung.“ Faultiere dagegen lieben Ruhe und Gemütlichkeit, schlummern meist bedächtig kauend in den Wipfeln. „Fällt mal eins ins Wasser, staunt man, wie geschickt es schwimmt“, sagt Falko, während er mit seinem Fernglas weiter Ausschau hält nach Tukanen und Kolibris, rosa Flussdelfinen, Leguanen und Kaimanen. Unglaublich viele Arten gibt es hier im Amazonasland. Gefühlt kennt sie der Ex-Berliner allesamt beim Namen – auf Deutsch und Portugiesisch. Seit 25 Jahren lebt er in Brasilien und ist mit Land und Leuten eng vertraut.
Ex-Berliner führt die Tour an
Den Dienst bei Lernidee trat Falko 2019 an, genauso wie die damals neu gebaute „MS La Jangada“. Das Reiseunternehmen aus Berlin chartert sie bis heute exklusiv für jährlich 14 Reisen insgesamt. Das zehn Meter breite, 29 Meter lange, hochmoderne Passagierschiff ist das einzige, das die komplette Amazonas-Strecke zwischen Tabatinga und Manaus fährt – rund 1.600 Kilometer oder eben tausend Meilen. Äußerlich erinnert die „Jangada“ an die Riverboats des 19. Jahrhunderts. In jener Zeit wurde sein Name, das portugiesische Wort für Floß, auch international bekannt. Denn der Schriftsteller Jules Verne wählte ihn als Titel des Romans von 1881, in welchem er die abenteuerliche Reise eines Amazonas-Frachters schildert.
Bernard Ramus, mittlerweile längst selbst Eigner zweier Schiffe, wurde von diesem Buch inspiriert. Fasziniert von Amazonien wurde der Franzose mit der Zeit zum leidenschaftlichen Brasilienreisenden. Im Laufe vieler Jahre entstanden zwischen ihm und indigenen Stammesältesten recht intensive Freundschaften. Nach Erfahrungen mit seinem ersten Schiff „Amazon Dream“ –
gebaut im Jahr 2007 für höchstens 16 Gäste – ließ Ramus ein zweites bauen, welches er Jules Verne zu Ehren „La Jangada“ taufte.
Das Boutiqueschiff bietet viel Komfort für eine Reise durch die Wildnis: zwölf schön wie praktisch ausgestattete, 15 bis 24 Quadratmeter große Kabinen, ein mütterlich geführtes Restaurant mit großartiger nationaler Küche, Bar und Außen-Lounge.
Prägend für die angenehm entspannte Atmosphäre ist die Freundlichkeit der Crew. Die durchweg einheimischen Mitglieder der Besatzung haben maßgeblichen Anteil daran, dass die Menschen an und auf dem Fluss das einzige Touristenschiff auf dieser Strecke akzeptieren.
Die Einzigartigkeit der Reise beruht auf den gewachsenen persönlichen Kontakten zu den indigenen Völkern. „Dank des Vertrauens in Monsieur Ramus und dessen Team betrachten sie die Passagiere nicht als Fremde“, erläutert Lernidee-Mitarbeiter Michael Lange. „Die authentischen Begegnungen mit den Marúbo, Ticuna und Matis sind für die meisten Gäste die Highlights der Reise“, sagt der Touristik-Fachmann.
Thematisch eine Rolle spielen zwar auch die Geschichte und Kultur von frühen christlichen Missionen bis hin zum Kautschukboom und dem Teatro Amazonas in Manaus, dem „Opernhaus im Dschungel“. Doch der mit Abstand größte Teil der Amazonas-Reise dreht sich um Natur und Ureinwohner.
Am frühen Morgen ankert die „Jangada“ in Benjamin Constant. Die Stadt liegt an der Grenze zu Peru, wo der Rio Javari in den Amazonas mündet. Im Tal des Flusses geht es in den Regenwald hinein – das erste Stück per Allradfahrzeug, weiter dann zu Fuß.
Ziel ist ein Marúbo-Dorf im indigenen Schutzgebiet Terra Indígena do Vale do Javari, das 2001 geschaffen wurde. Auf einer Fläche ungefähr so groß wie Österreich leben dort etwa 3.000 Angehörige einheimischer Völker mit sehr unterschiedlichen Beziehungen zur „Zivilisation“. Zwei Drittel von ihnen, so schätzt man, hatten noch nie Kontakt zur Außenwelt.
Eine Ethnie, die erst vor wenigen Jahrzehnten von den brasilianischen Behörden entdeckt wurde, sind die Matis. Ihre zwei letzten Heimatdörfer, in denen sie auch Gartenbau betreiben, verlassen sie in aller Regel nur zum Sammeln, Fischen oder Jagen.
Ureinwohner jagen mit Pfeilen
Die einzigen Menschen, zu denen sie regelmäßige Beziehungen pflegen, sind die Marúbo. Vor allem Tauschgeschäfte verbinden sie mit dieser zahlenmäßig stärksten und gesellschaftlich erfahrensten Gruppe innerhalb des Reservats. Dank der Freundschaft ihres Anführers oder Caçiques mit Ramus und mit behördlicher Genehmigung sehen Matis gelegentlich auch Europäer – so wie vielleicht an diesem Vormittag.
„Wir wissen nicht, ob wir sie treffen“, hält Falko Petzold die Erwartungen in Grenzen. Vor einer Stunde starteten die Flusskreuzfahrer im Dorf zu Fuß zur nächsten Dschungeltour mit offenem Ergebnis, doch immerhin mit einem indigenen Guide als Pfadfinder.
Zum besseren Verständnis gibt der deutsche Reiseleiter seinen Gästen zu bedenken: „Für die Matis sind es vier Tagesmärsche und drei Übernachtungen im Wald, um bis hierher zu kommen.“ Irgendwo in der Umgebung, wisse er, schlagen sie ihr Lager auf. „Dort drüben sind sie!“, flüstert plötzlich der Marúbo-Mann. Dank ihrer feuerroten Körperfarbe hat er sie entdeckt. Und wirklich – sie sind schwer zu übersehen.
Drei Männer sowie eine Frau mit kleinem Kind haben sich mit Urucum aus Früchten des Annattostrauchs bemalt. „Es schützt vor bösen Geistern und zugleich vor Sonnenbrand wie auch vor Insektenstichen oder -bissen“, erklärt Karlika Matis, mit 52 Jahren Ältester der kleinen Gruppe, via Dolmetscher und winkt die Fremdlinge zu sich heran.
Sein Sohn Mësë soll ihnen die Jagdmethoden ihres Volkes demonstrieren. Mit dicken Backen, langem Rohr und starker Puste bläst er einen Pfeil in einen Baumstamm. „Normalerweise tränken wir die Spitze vor dem Schuss mit Curare, einem Pflanzengiftgemisch, das Muskeln lähmt“, verrät der 20-Jährige und zählt die Beutetiere auf, die er auf diese Art zu Nahrungszwecken tötet: „Hühnervögel, Aras, Affen, Tapire und Faultiere, Kaimane und Pekaris (Nabelschweine).“
Mësë selbst trägt keine Piercings, obwohl sie typisch sind für seine Ethnie – besonders solche, die wie Schnurrhaare von Katzen aussehen. Dass man die Matis deswegen Jaguarvolk nennt, nervt den jungen Mann. In seiner Sprache heiße Matis nämlich einfach Mensch. Wissenschaftler wollen allerdings herausgefunden haben, dass das die beste Übersetzung „Volk der Pfirsichpalmen“ sei. Tatsächlich spielen diese vielseitigen Bäume eine große Rolle. Die Ureinwohner essen ihre Früchte und fertigen aus ihrem harten Holz sowie den Stacheln Werkzeuge und Waffen.
Zum „Angeln“ nutzen sie vergorene Pflanzen, die dem Wasser Sauerstoff entziehen und die Fische damit töten. Am nächsten Morgen brauchen auch die Gäste der Jangada zum Piranha-Angeln weder Netz noch Rute. Ein einfaches Stück Bindfaden mit einem Haken und ein bisschen Köderfleisch daran genügen, um schon Sekunden nach dem Wurf ins Wasser einen Zappelfisch mit vielen scharfen Zähnen aus dem Fluss zu ziehen. Nach dem Foto dürfen alle Tiere wieder zurück in den Amazonas. Nur die Menschen bleiben vorsichtshalber draußen.