Jahrelang war die Offensive die Problem-Baustelle von Union Berlin. In den ersten Saisonspielen überzeugen aber die Angreifer. Einer von ihnen hat eine ganz besondere Qualität.
Was die Frankfurter Abwehrspieler nicht geschafft haben, gelang dann doch noch mit etwas Verzögerung durch einen Cyberangriff: Oliver Burke zu stoppen. Der Stürmer von Union Berlin flog nach seinem Dreierpack in Frankfurt für einen Kurzbesuch in die schottische Heimat, bei der Rückkehr steckte er aber fest. Weil es einen Cyberangriff auf die IT am Berliner Flughafen gab, fiel sein Flug aus und Burke verpasste dadurch das öffentliche Mannschaftstraining seines Clubs. Er trainierte später nur individuell mit Co-Trainer Kevin McKenna, auch die eigentlich für den Tag geplante Medienrunde mit dem Sommer-Neuzugang musste verschoben werden. Chefcoach Steffen Baumgart ließ es sich aber nicht nehmen, den Zuspätkommer persönlich zu begrüßen und ein wenig zu piesacken: Bevor Baumgart den Angreifer umarmte, machte er mit seinen Armen eine Flugzeug-Geste.
Abgehoben ist Burke aber nicht, für die verspätete Rückkehr wurde er intern weder gemaßregelt noch abgestraft. Dem 28-Jährigen ist als Union-Profi weder charakterlich noch sportlich irgendwas vorzuwerfen – ganz im Gegenteil. Burke hat die Erwartungen seit seinem Wechsel im Sommer von Werder Bremen nach leichten Anlaufschwierigkeiten voll erfüllt. Vor allem beim überraschenden 4:3-Sieg der Berliner in Frankfurt zeigte er, warum viele Werder-Fans seinem Abgang noch immer nachtrauern: Mit seiner enormen Endgeschwindigkeit war Burke für die Eintracht-Verteidiger kaum zu stoppen, und vor dem Tor zeigte er sich eiskalt. Für den ersten Hattrick seiner Profikarriere dürfte Burke den Spielball behalten, doch für diesen sucht er in seiner Wohnung noch den passenden Platz: „Ich muss noch etwas finden, auf das ich ihn stellen kann.“
Wenn es nach den Union-Verantwortlichen geht, sollte sich der Spieler eine etwas größere Fläche mit weiteren Spielbällen beschaffen. Dass Burke so kaltschnäuzig sein kann, überrascht ein wenig. Schließlich zeichnete er sich in seinen vorherigen Karriere-Stationen nicht gerade als ausgewiesener Goalgetter aus. Aber mit zunehmendem Alter scheinen auch die Nervenstärke und das Vertrauen in das eigene Können größer zu werden. „Wenn du in solche Situationen kommst und auf den Torwart zuläufst, musst du natürlich die Ruhe bewahren“, sagte Baumgart. Und das habe Burke gegen die Eintracht „sehr gut gemacht“. Sehr gut war ganz offenbar auch die Systemumstellung, die Baumgart vorgenommen hat: Statt wie zuvor in Bremen agiert Burke im Angriff der Eisernen etwas hängend und auf dem halbrechten Flügel. Dadurch kann er seine enorme Schnelligkeit noch besser ausspielen, weil er mehr Platz hat. „Mir gefällt diese Rolle“, sagte Burke: „Sie passt zu meinen Stärken, indem ich mit viel Tempo in den Rücken der Abwehr laufen kann. Das kann ich dem Team geben. Außerdem ist man in dem System nicht so allein da vorne, hat Mitspieler bei sich. Man hat mehr Optionen.“
Burke verfügt über enorme Schnelligkeit
In der Tat ist es nicht nur Burke zu verdanken, dass Unions jahrelange Problemzone „Angriff“ in dieser Saison den Fans viel Freude bereitet. Neben dem Schotten drehen auch der Bundesliga-Newcomer Ilyas Ansah und der Serbe Andrej Ilic auf, das Zusammenspiel des Sturm-Trios harmonierte zuletzt prächtig. Gegen Frankfurt schoss der aus der zweiten Liga vom SC Paderborn verpflichtete Ansah sein viertes Tor im vierten Ligaspiel, und der umsichtige Ilic bereitete alle drei Burke-Treffer vor. Die „Bild“-Zeitung schrieb schon von einem neuen „Super-Sturm“ und einem „brandgefährlichen Offensiv-Trio“, das „Tempo, Kreativität und Kaltschnäuzigkeit vereint“. In Ansätzen wecken die drei Angreifer Erinnerungen an den berühmten „Büffel-Sturm“ der Eintracht vor ein paar Jahren mit Sébastien Haller, Luka Jovic und Ante Rebic. Auch Burke, Ansah und Ilic sind groß gewachsen, physisch stark – aber sie sind vor allem auch sehr schnell. Gerade bei Ansah und Burke ist das eine Waffe, die Union in den Jahren zuvor so nicht hatte.
„Wir haben Schnelligkeit, viel mehr Schnelligkeit als im letzten Jahr. Das wollen wir in dieser Saison auch nutzen“, sagte Sportvorstand Horst Heldt. Wie das aussehen kann, haben die schnörkellos und zielstrebig vorgetragenen Offensivaktionen in Frankfurt gezeigt. „Sie kommen in die Situation, weil sie erst mal sehr, sehr gut arbeiten“, lobte Baumgart seine Angreifer. Der Coach betonte aber auch: „Wichtig ist, dass wir wissen, wie wir gegen solche Mannschaften spielen können – und wie wir es nicht können.“ Denn beim 0:3 zuvor bei Borussia Dortmund, das von der Qualität her in etwa mit Frankfurt gleichzusetzen ist, gelang Burke und Co. kaum ein Stich.
„Wichtig ist, dass sie die Situationen auch erkennen. Also nicht nur der mit Ball, sondern auch der Spieler ohne Ball“, erklärte Heldt. Es gebe im Union-Spiel immer mal wieder Phasen, „in denen wir uns zurückziehen und dann im Mittelfeld oder in der eigenen Hälfte versuchen, den Ball zu gewinnen. Und dann muss es natürlich nach vorne gehen – und das sehr, sehr schnell und mit wenig Pässen“. Die Grundvoraussetzung dafür, dass diese Taktik zum Erfolg führt, sei, „dass unsere drei da vorne auch die tiefen Läufe machen“, sagte Heldt: „Das ist ein Schlüssel.“
Und „tiefe Läufe“ – das bedeutet hohe Leidensfähigkeit und viel Einsatzwillen. Auch Sprints zurücklegen, die nichts bringen. Noch ist das für Burke, Ansah und Ilic kein Problem, weil sie auch sehen, dass sich diese Schufterei für das Team und für sie persönlich lohnt. „Wir haben viel Kraft, viel Stärke, viel Schnelligkeit. Es ist sehr aufregend, was wir leisten können“, schwärmte Burke. Die Zeit bei Union will der Wandervogel, der schon bei etlichen Clubs war und den ganz großen Durchbruch nie geschafft hat, besonders genießen. „Ich bin mit 28 Jahren an einem wichtigen Punkt meiner Karriere. Es ist die richtige Zeit, um meinen besten Fußball zu spielen“, sagte er: „Ich möchte aber vor allem jeden Tag genießen – glücklich zu sein, ist das Wichtigste. Und das bin ich hier.“
In der Vorbereitung sah es noch nicht nach einem neuen Offensiv-Schwung aus, in allen Testspielen gab es bei Union eine Torflaute. Vor allem Burke wirkte noch nicht wirklich integriert, was selbst Baumgart damals mehr oder weniger offen zugab: „Da gibt es immer noch die Situation, dass wir auch gucken müssen, was sind seine Stärken, was kann er gut, was nicht.“ Inzwischen kennt er Burkes Stärken und Schwächen viel besser. Dass dessen größtes Plus die Schnelligkeit ist, das war aber schon vor dem Wechsel nach Berlin-Köpenick bekannt. Für Unions Vizekapitän Rani Khedira ist Burke „der schnellste Spieler, den ich je live gesehen habe“. Speziell trainieren tut der Schotte dies nicht. „Das ist wohl einfach genetisch bedingt“, sagte er schmunzelnd über sein enormes Tempo auf dem Platz: „Meine Mutter war eine tolle Athletin, ich habe viel von ihr. Da hatte ich wohl einfach Glück.“ Er soll aber nicht nur schnell sein und möglichst viele Tore erzielen, sondern auch als Führungsspieler vorangehen. „Ich weiß, was es braucht, um ein Spiel zu gewinnen. Ich will vor allem für die jüngeren Spieler ein Vorbild sein, zu dem sie aufschauen können“, sagte er. Mit Auftritten wie in Frankfurt ist das reine Formsache.