Es wird ein Jahr grundlegender Weichenstellungen. In den USA stehen die Midterms an, in Deutschland bringen fünf Landtagswahlen Richtungsentscheidungen. Klima und KI bleiben zentrale Herausforderungen.
Die äußeren Bedingungen für den Start in das zweite Viertel des 21. Jahrhunderts sind klar. Drei große Entwicklungen, die im vergangenen Jahr an fast schon dramatischer Dynamik gewonnen haben, stehen weiter auf der Agenda. Bei allen geht es im Kern um die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen: in globalen Beziehungen, in unserer Gesellschaft und im Umgang mit den technologischen Entwicklungen.
Die Herausforderung besteht im Befund: Eine regelbasierte internationale Ordnung wird von Autokraten außer Kraft gesetzt, freiheitlich-demokratische Systeme stehen von außen und innen unter Druck, und die gesellschaftlichen Auswirkungen der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz sind erst in Ansätzen absehbar.
Auf globaler Ebene geht es um Krieg und Frieden an vielen Ecken der Welt, auch wenn US-Präsident Trump „acht oder neun Kriege beendet“ haben will. Im Nahen Osten hat Stufe zwei des vielgelobten Friedensplans zum Jahreswechsel nicht einmal begonnen, die Bombardierung der Ukraine geht im Februar ins fünfte Kriegsjahr. US-Flugzeugträger und Kampfschiffe stehen vor Venezuela. Es gibt mehr hochgefährliche Kriegs- und Konfliktherde als zuvor.
Wie wollen wir zusammen leben?
Der globale Machtpoker wird die Fortsetzung von 2025 unter etwas geänderten Bedingungen. In den USA hatten sich zuletzt Verwerfungen innerhalb der Trump-Administration abgezeichnet. Ausgang offen. Vor den Midterms (November 2026) ist eher damit zu rechnen, dass Trumps Politik noch erratischer wird. In Putins Russland hatten sich zuletzt zunehmende wirtschaftliche Schwierigkeiten abgezeichnet. Was Putin aber nicht von den Zielen seines Eroberungsfeldzuges abhält, eher im Gegenteil. China wird weiter lauern, welche günstigen Zeitfenster sich für eigene Aktionen auftun. Anzeichen für eine machtpolitische Konstellation, die für etwas mehr Ruhe sorgen könnte – Fehlanzeige.
Der renommierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler hatte für eine einigermaßen stabile Weltordnung ein Modell skizziert, in dem nicht drei (USA, China, Russland) dominieren, sondern fünf starke Player. Bis sich womöglich etwas in Richtung dieser Skizze entwickelt, ist vorher eher mit einer Zunahme der Interessen- und Machtkämpfe zu rechnen.
Dazu gehört auch, ob Europa eine entscheidende Rolle mit Gewicht findet. Im zweiten Halbjahr 2025 hat sich abgezeichnet, dass eine Gruppe der „Willigen“, zu der auch das Nicht-EU-Mitglied Vereinigtes Königreich gehört, Anstrengungen unternommen hat, die Stimme Europas zu Gehör zu bringen. Der Ukraine-Gipfel in Berlin war ein vernehmliches Signal, aber nur wenige Tage später hat der Gipfel in Brüssel gezeigt, wie schwer sich die Gemeinschaft nach wie vor tut. Zwar wurde die Unterstützung der Ukraine abgesichert, aber lediglich mit dem Plan B, also ohne direkt das eingefrorene russische Vermögen zu nutzen. Und die Verschiebung der Unterzeichnung von „Mercosur“, das die größte Freihandelszone der Welt bringen würde, war alles andere als ein Glanzstück. Eine Unterzeichnung Anfang des Jahres wäre auch ein starkes Symbol gegen die erratische Zollpolitik aus den USA.
In Deutschland steht die Politik 2026 ganz unter dem Druck von gleich fünf Landtagswahlen. In Rheinland-Pfalz ist ein Regierungswechsel nicht ausgeschlossen, aber insgesamt hat sich das Land bislang als politisch ziemlich stabil erwiesen. In Baden-Württemberg ist ein Wechsel dagegen ziemlich wahrscheinlich. Damit würde auch eine Ära gleich doppelt zu Ende gehen: für Ministerpräsident Winfried Kretschmann ganz persönlich, für die Grünen die Phase, in der die Sorge um Klima- und Umweltschutz die Partei beflügelte, sodass es erstmals und bislang einzigartig einen Ministerpräsidenten der Grünen gab, und sogar das Kanzleramt schien in greifbarer Nähe. Klima ist aber nicht mehr Sorge Nummer eins, und die Parteienlandschaft hat sich gründlich verändert. Deshalb werden vor allem die Wahlen in Sachsen-Anhalt und danach in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern für besondere Aufmerksamkeit sorgen. Schon die letzten Wahlen in ostdeutschen Bundesländern haben zu Konstellationen geführt, die eine Regierungsbildung extrem schwierig machten.
Die Wahlen sind auch ein erstes offizielles Zwischenzeugnis für die schwarz-rote Bundesregierung und Bundeskanzler Friedrich Merz. Sie werden aber auch Auskunft geben, wie sich der global verbreitete Trend zu autoritären Parteien und Kandidaten, der sich auch in bislang funktionierenden Demokratien ausgebreitet hat, in der Bundesrepublik weiterentwickelt.
Die AfD selbst redet von einem Zweikampf der AfD gegen den Rest. Analytiker wie Albrecht von Lucke sehen eher, dass es sich auf eine Auseinandersetzung zwischen CDU und AfD fokussiert.
Inhaltlich haben Diskussionen um Rente und Bürgergeld/Grundsicherung vorgezeichnet, welche gesellschaftspolitischen Debatten mit einigem Zündstoff auf der Agenda stehen. Es geht um finanzielle Verteilungskämpfe, aber vor allem um gesellschaftlichen Zusammenhalt, damit einmal mehr um die Frage, wie wir zusammenleben wollen.
Existenzielle Fragen: KI und Klima
Über der Agenda notwendiger Reformen steht der Umgang mit der demografischen Entwicklung. Die Rentenkommission will bis Mitte des Jahres Vorschläge vorlegen. Große Reformen sind auch bei Gesundheit und Pflege unumgänglich. Und die Fragen um Migration/Integration sind durch Grenzkontrollen und Abschiebungen keineswegs geklärt.
Letztlich wirft auch die populäre Forderung nach Bürokratieabbau einige Fragen auf: Weniger belastender, zeitaufwendiger und teurer Verwaltungskram tut zwar not, aber wenn das durch die Einschränkungen von Rechten erreicht werden soll, wird es kritisch. Als große übergeordnete Themen bleiben Klimaschutz und der Umgang mit KI. Beides sind zentrale und existenzielle Herausforderungen.
In Sachen Klimaschutz ist nach jahrzehntelangen Diskussionen klar, auf welche Folgen wir zusteuern, wenn es nicht gelingt, entscheidende Kipppunkte zu vermeiden, und wenn sich der Trend aus 2025 fortsetzt, bereits erreichte Zielvereinbarungen aufzuweichen.
Bei Künstlicher Intelligenz sind zumindest zwei entscheidende Trends auszumachen. Zum einen die grundlegende Machtfrage. Eine Facette davon ist in Chinas Überwachungs- und Social-Credit-System zu sehen. Eine andere hat beispielsweise das skrupellose Vorgehen von DOGE, der einst von Elon Musk geführten „Effizienz-Behörde“ in den USA, vor Augen geführt. Im sogenannten Streit um Meinungsfreiheit in Europa geht es um nichts anderes, als dass Tech- Milliardäre auch in Europa ungehindert agieren wollen, technologisch und ideologisch.
Weitreichend sind auch die Folgen von KI-Anwendungen für Menschen. Untersuchungen zeigen, dass bei Nutzung von ChatGPT zur Erledigung von Aufgaben Gehirnaktivitäten um bis zur Hälfte reduziert sind und Menschen anschließend nicht korrekt wiedergeben können, was sie mit Hilfe der KI geschrieben haben. Gleichzeitig belegen Studien, dass KI größeres Vertrauen entgegengebracht wird als den Kolleginnen und Kollegen – wissend, dass KI auch „halluzinieren“ kann, also falsche oder erfundene Antworten gibt. Will sagen: Die Diskussionen darüber, ob und wie und mit welchen Folgen wir KI anwenden und einsetzen wollen, stehen vielfach erst am Anfang, während die technologische Entwicklung selbst in rasantem Tempo weitergeht.
An Herausforderungen fehlt es nicht. Und weil sich alle Entwicklungen gleichzeitig abspielen, dürfte es auch nicht weniger anstrengend werden als voriges Jahr. Wenig verwunderlich also, wenn Zukunftsforscher (und Politikberater) wie zum Beispiel Robert Peters analysieren: „Viele empfinden heute Zukunft nicht als Verspechen, sondern als Überforderung.“ Das aber sei „kein Naturgesetz“. Womit 2026 ein Jahr zentraler Weichenstellungen für die Zukunft wird.