Die Netflix-Serie „Unfamiliar“ erzählt nicht nur eine spannende Geschichte über Liebe, Verrat und Rache, sie setzt auch die Hauptstadt in Szene.
Es ist Abend. Über eine Brücke rauscht der Verkehr. Ein Mann setzt sich auf eine Parkbank am Spreekanal in der Nähe des Spittelmarkts. Er legt eine Pistole mit Schalldämpfer neben sich auf die Bank. Dann entfernt er sich mit einem Messer eine Kapsel aus dem Bauch, nimmt die Pistole und schießt sich ins Bein. Dann wählt er auf seinem Handy eine Nummer – am anderen Ende geht ein Restaurantbesitzer ran, der gerade seiner Tochter ein Festmahl zum 16. Geburtstag serviert. Der Restaurantbesitzer schaut seine Frau an, macht sich auf den Weg zum Spittelmarkt – der Nervenkitzel beginnt, und Berlin wirft sich in Pose.
Berlin als perfekte Kulisse
So fängt eine aktuelle Netflix-Miniserie an, mit der sich der Streamingdienst alles andere als ins Knie geschossen hat. „Unfamiliar“, die Geschichte eines ehemaligen Agentenpärchens, dass in Berlin in der Gastronomie ein neues Leben angefangen hat und nebenher ein Safe House betreibt, in dem verwundete Geheimnisträger auf der Flucht diskret behandelt werden, hat einen Traumstart hingelegt. In 35 Ländern ist die von Lennart Ruff und Philipp Leinemann inszenierte Staffel mit sechs Episoden und einer Laufzeit von fünfeinviertel Stunden auf Platz eins der bei Netflix gestreamten Serien gelandet.
Eine dunkle Vergangenheit, aus der ein russischer Top-Agent und eine ehemalige Verbündete in Berlin auftauchen, Liebe, Verrat, alte Lügen, die zu neuen Problemen führen, Misstrauen, Gewalt und ein Maulwurf mit Decknamen „Seestern“ beim Bundesnachrichtendienst (BND) – die Mischung sorgt weltweit für Aufmerksamkeit. Und Berlin: Die Stadt spielt neben Susanne Wolff und Felix Kramer, die das ehemalige Agentenpaar Meret und Simon Schäfer verkörpern, Samuel Finzi (der den russischen Spion mimt) und Henry Hübchen (in der Rolle eines pensionierten BND-Mannes) die Hauptrolle in „Unfamiliar“.
Auch weil es dem Produktionsteam gelungen ist, an einem Schauplatz zu drehen, der höchste Sicherheitsstandards hat: dem riesigen BND-Komplex in der Chausseestraße 96, also mitten in der Stadt. Auch wenn der BND nicht in der obersten Liga der Geheimdienste spielt, gilt der riesige Bau als einer der größten Geheimdienstkomplexe der Welt. Der 2019 eröffnete moderne Komplex erstreckt sich über mehrere Straßenzüge, ist durch hohe Zäune gesichert. Für die „Unfamiliar“-Produktion galten strenge Sicherheitsauflagen, heißt es. Genauere Angaben dazu macht der Streamingdienst nicht. Die Agenten-Zentrale ist zwar mindestens so oft im Bild wie der Fernsehturm, aber nicht der einzige gut in Szene gesetzte Berliner Ort.
Der Washingtonplatz mit dem „Cube Berlin“, den viele Reisende kennen, die den Hauptbahnhof in Richtung Regierungsviertel verlassen, kommt in einigen Szenen vor. Das würfelförmige Bürogebäude mit zehn Stockwerken soll zeigen: Ort der Handlung ist eine moderne Weltstadt.
Ein Ort aus der Vergangenheit wird zur Kulisse für eine Schießerei: der Flughafen Berlin-Tegel. „Das 1974 eröffnete Terminal mit seinem markanten Sechseck liegt verlassen da, der Kontrollturm ragt wie ein Relikt der West-Berliner Nachkriegszeit in den Himmel. Jahrzehntelang war Tegel das wichtigste Tor der jahrzehntelang geteilten Stadt, seit 2020 ist der Betrieb eingestellt. Wo einst Maschinen starteten, bleibt nun ein Agent blutend auf der breiten Zufahrtsstraße zurück“, beschreibt ein Beobachter die Szene.
Ebenfalls ein Relikt aus der Vergangenheit, in dem einige wichtige Szenen gedreht worden sind, ist das NAG-Gebäude in der Ostendstraße 1–8. Es wurde 1917 vom Architekten Peter Behrens für die Nationale Automobil-Gesellschaft (NAG) entworfen und beherbergt heute Büroflächen und Forschungseinrichtungen. In der Serie ist es die russische Botschaft. Während selbst viele Berlinerinnen und Berliner das Gebäude allenfalls von außen kennen und das Innere nicht verorten können, ist die Oberbaumbrücke als eins der Wahrzeichen der Stadt sehr bekannt. Sie kommt etwa dann ins Bild, wenn sich der alte Geheimdienstmann Gregor Klein mit seinen beiden Ex-Agenten auf einem Spree-Touristenschiff trifft.
Für Schauspieler ein Heimspiel
Wie am Flughafen Tegel wird es auch am Strandbad Wannsee blutig, als alte Rechnungen beglichen werden sollen und neue Strategien im Wortsinn nah am Wasser gebaut haben. Auf der Museumsinsel wird schließlich enthüllt, wer unter dem Decknamen „Seestern“ für die Russen in der BND-Zentrale spioniert.
Es sind aber nicht nur die Drehorte, es sind auch Menschen aus der Theater- und Filmszene, die vielen Berlinerinnen und Berlinern vertraut sind. Susanne Wolff, die Ex-Agentin, die sich die Frage stellt, was überhaupt in ihrem Leben keine Lüge war, hat zwischen 2009 und 2016 als festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater gearbeitet. Felix Kramer, der ihren Mann spielt, wurde im Berliner Ortsteil Mahlsdorf geboren. Er studierte 1999 bis 2003, also nach der Wiedervereinigung, an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, bevor er Berlin verließ und zuerst in Stuttgart, dann in Hamburg am Theater war.
Und da ist natürlich Henry Hübchen, geboren im West-Berliner Bezirk Charlottenburg, groß geworden im Ostteil der Stadt. Auch er studierte dort an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, war von 1974 bis 2002 festes Ensemblemitglied an der Volkbühne, wo er auch über diese Zeit hinaus aktiv blieb. Einem breiten Publikum wurde Henry Hübschen durch seine Rollen in Filmen und Auftritten in der DDR-Krimireihe „Polizeiruf 110“ bekannt. Von 2003 bis 2005 übernahm er im „Polizeiruf 110“ eine feste Rolle als Schweriner Kriminalhauptkommissar Tobias Törner.
Agenten-Erfahrung hat Henry Hübschen unter anderem bereits durch die beiden „Kundschafter des Friedens“-Filme von Robert Thalheim (2017 und 2025) gesammelt. Während er in seiner Rolle eines ehemaligen Agenten der Hauptabteilung A, also des Auslandsgeheimdienstes des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, sein komödiantisches Talent ausspielt, geht es in „Unfamiliar“ humorlos und blutig zur Sache.
Und dann ist da noch der Berliner Schauspieler Aaron Altaras, den ein Castingteam in der Heinz-Galinski-Grundschule für seine erste Fernsehrolle in „Mogelpackung Mann“ (2004) entdeckte. Aaron Altaras ist in „Unfamiliar“ Mark Sinclair, der Mann der sich in der ersten Szene ins Bein schießt.