Zum Saisonauftakt musste FCS-Trainer Argirios Giannikis einige harte Entscheidungen treffen. Am Ende gingen sie alle auf.
Kai Brünker spielt seit drei Jahren für den 1. FC Saarbrücken und hat in dieser Zeit nach eigener Aussage „wirklich alles erlebt“. Vom gefeierten Pokalhelden bis hin zum Buhmann war alles dabei. „In der vergangenen Saison waren wir die absoluten Versager, die schlechteste Truppe, die jemals dieses Trikot getragen hat. Heute haben wir den alten Ludwigspark erlebt“, sagte der Panzer nach dem spektakulären und in dieser Höhe nicht erwarteten 5:2-Erfolg gegen den Top-Favoriten Rot-Weiss Essen. Vor 15.500 Zuschauern gingen die Gäste durch Treffer von Ben Hüning (10.) und Semir Telalovic (30.) mit 2:0 in Führung. Mladen Cvjetinovic (33.) und Christian Kühlwetter (45. Minute) glichen aus. „Man hat in der Halbzeit gemerkt, dass etwas in der Luft liegt“, sagte Brünker, der zu diesem Zeitpunkt zur Überraschung aller das Spiel noch von draußen anschauen musste. „Ich war auch überrascht, aber ich bin fein mit der Entscheidung. Auch jetzt noch. Der Trainer hat sie mir erklärt“, sagte der 32-Jähriger, der zunächst auf der Bank Platz nehmen musste, weil der 18-jährige Alexander Staff den Vorzug erhielt. „Er hat im letzten Vorbereitungsspiel getroffen und sich im Training gut in den Halbräumen bewegt. Es war eine Idee, um den Gegner vor eine Aufgabe zu stellen“, sagte Coach Argirios Giannikis, der geradezu hellseherische Fähigkeiten bewies: „Ich habe Kai die Situation erklärt und ihm auch gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass er eine ganz wichtige Rolle in diesem Spiel einnehmen kann“, erklärte der Trainer.
Coach als Moderator gefragt
Und so sollte es auch kommen. Brünker war eine Viertelstunde auf dem Feld, als er nur noch den Fuß hinhalten musste, als der überragende Florian Pick zuvor am Innenpfosten gescheitert war. „Den macht auch nicht jeder“, sagte Brünker lachend, „danach war das Momentum auf unserer Seite, und wir haben verdient gewonnen.“ Siemen Voet nach 87 Minuten und der eingewechselte Kelsey Owusu in der sechsten Minute der Nachspielzeit schraubten das Ergebnis am Ende auf ein nicht für möglich gehaltenes 5:2. „Wir wissen das einzuordnen. In der 3. Liga ist jedes Spiel eng. Wir sind nicht nervös geworden, als wir zurückgelegen haben. Ich hatte immer ein gutes Gefühl. Am Schluss haben wir es geschafft, das Stadion mitzunehmen“, sagte Verteidiger Cvjetinovic, und Brünker sagte Richtung Fans: „Wir sind die Streichhölzer, die den Laden anzünden müssen.“
So musste Gästetrainer Uwe Koschinat neidlos einen verdienten Saarbrücker Sieg anerkennen und überrascht feststellen: „Wir haben einige Neuzugänge, die heute gesehen haben, welche Wucht in diesen Stadien entstehen kann. Daraus müssen wir die richtigen Schlüsse ziehen.“
Kein Grund zum Abheben
Die richtigen Schlüsse hat sein Gegenüber Giannikis bereits nach der Vorbereitung gezogen. Alle engen Personalentscheidungen gingen am Ende auf. Matteo Bignetti erwies sich trotz zweier Gegentore als moderner Keeper, insgesamt standen sieben Neuzugänge auf dem Platz. Einer von ihnen ragte heraus. Dass der von Mainz 05 ausgeliehene Mittelfeldspieler Daniel Gleiber ein großes Talent ist, war bekannt. Die Eindrücke der Vorbereitung bestätigten das. Gegen Essen brillierte der 21-Jährige mit der Aura eines alten Hasen. „Ich hatte schon das Glück, dass ich in Mainz in einigen Spielen Profiluft schnuppern durfte. Aber heute war es eine besondere Stimmung. Dafür spielt man als kleiner Junge Fußball“, sagte der Techniker und blickte bescheiden voraus: „Wir sind erst einige Wochen zusammen und haben uns schon gut gefunden. Wir sollten von Spiel zu Spiel denken.“
Und da war auch noch Neu-Kapitän Florian Pick. Er war an gleich drei Treffern beteiligt und drückte dem Spiel abermals seinen Stempel auf. „Wir haben eigentlich gut begonnen, waren vielleicht nicht aktiv genug. Wir waren auch etwas überrascht, dass Essen uns den Ball überlassen hat. Die haben kaum was gemacht und trotzdem 2:0 geführt. Aber die Mannschaft hat eine tolle Moral bewiesen und sich belohnt. Jetzt fahren wir selbstbewusst nach Regensburg und wollen dort auch punkten.“
Dass der Jahn in Köln ebenfalls mit 5:2 gewann, macht die Partie noch einen Tick reizvoller. Zudem hat sich der FCS dort immer sehr schwergetan. „Auf solche Statistiken gebe ich nichts. Irgendwann ist immer das erste Mal. Warum sollen wir dort nicht gewinnen?“, sagte Pick, und Brünker fügte hinzu: „Wir wissen, was wir können, aber wir sind uns auch bewusst, dass manche Abläufe noch Zeit benötigen. Aber für die Fans und das Umfeld war der Sieg natürlich ganz wichtig.“
Und so beeilte sich auch Coach Giannikis, einige Dinge einzuordnen: „Man muss als Trainer schwere Entscheidungen treffen, aber die gelten immer nur für ein Spiel. Es ist nichts in Stein gemeißelt. Wir haben schon im letzten Vorbereitungsspiel gesehen, dass wir bereit sind, uns zu wehren und über Widerstände hinwegzugehen. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis heute. Aber am Ende haben wir auch gesehen, dass wir noch genügend Arbeit vor uns haben.“