In der Region um den See in Kärnten treffen nicht nur Österreich, Italien und Slowenien aufeinander, sondern auch Outdoor-Fans auf eine attraktive Infrastruktur. Ein Selbstversuch beim Wasserfallwandern, E-Mountainbiken auf spannenden Trails und beim Kajaken in „Kärntens Everglades“.
Träne Gottes, Kärntens Karibik, Südsee: Für den Faaker See kursieren jede Menge Beinamen. Kein Wunder, sein intensives Türkisblau ist wirklich besonders. Laut Raphael Marko verdankt das der 220 Hektar große See feinsten Kalkkristallen, welche die Worounitza von den steilen Hängen des Mittagskogels mitbringt und die das Sonnenlicht reflektieren. Dabei deutet der Enddreißiger auf den 2.145 Meter hohen Gipfel, der sich markant aus der Karawanken-Bergkette im Süden des Sees erhebt. „Auf den fahren wir zwar nicht rauf“, lacht der durchtrainierte Bartträger, aber „a bisserl antesten tun wir ihn schon.“ Und zwar mit den E-Mountainbikes, die er auf seinem Pick-up mitgebracht hat und unserer Dreierkombo nun aushändigt. „Mit Bio-Rädern wäre es zwar noch sportlicher, aber das wollen mittlerweile die wenigsten Gäste.“
Was die meisten wollen: moderne Räder mit Motorunterstützung (check!), mit denen man im wahrsten Sinne des Wortes mehr er-fahren kann. Vor allem die Trails, für die die Region Villach/Faaker See/Ossiacher See mittlerweile ziemlich bekannt ist. Unter dem Namen „lake.bike“ entstanden in den vergangenen Jahren nämlich 45 abwechslungsreiche, offiziell genehmigte Mountainbike-Trails mit über 200 Kilometern Länge. Und das unter starker Beteiligung von Raphael.
Treiben lassen auf den Serpentinen
„Ich zeig euch unser Herzstück, das Trailcenter Faaker See am Baumgartnerhof. Da bekommt ihr einen guten Eindruck, was wir geschaffen haben. Einen tollen Blick auf den See kriegt ihr obendrein.“ Was wir vorab kriegen: Helme und eine Kurzeinweisung in die Räder samt per Knopfdruck verstellbaren Sätteln. Wann man die wie einstellt („Beim Runterfahren kommen sie runter!“), wann man bremst („Vor und nicht in der Kurve!“) und wann man besser steht statt sitzt („Eigentlich während der gesamten Abfahrt!“): All das erfahren wir vor dem ersten Trail, den wir nach entspannter Fahrt durch lichte Kiefernwälder und einigem Bergauf erreichen. Außerdem erzählt Raphael vom Gesamtkonzept, an dem er maßgeblich mitgearbeitet hat. Von den Basecamps, Unterkünften von Campingplatz bis Wellnesshotel, die speziell auf Radfahrer eingerichtet sind. Von Radverleihern und vom Shuttlebus, den größere Radgruppen bestellen können. Und von den Touren und Trails, die im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien ganze Familien aufs Rad bringen, weil sie für jedes sportliche Niveau und jeden Geschmack die passende Strecke bieten.
Genug der Theorie, ab in die Praxis! Auf einem schmalen Weg, der auch von Wanderern begangen werden könnte, geht es neben einem Flüsschen sanft bergab. Es macht Laune, zwischen Wurzeln und durchaus auch größeren Steinen die „eigene Spur“ zu finden. Auch weil die dicken Reifen und der breite Lenker beim Balancieren helfen. „Mehr davon!“, schallt es Raphael entgegen, als wir kurz stoppen. „Könnt ihr haben. Auf zum Baumgartnerhof!“
Der ehemalige Skihang oberhalb des namensgebenden Gehöfts hat sich seit 2019 in einen wahren Trailhang verwandelt – mit mehreren Strecken. Erst mal strampeln wir via „Upgartner“ etliche Kehren bergauf, dank Motor unproblematisch. Dann geht es auf dem „Flowgartner“ 160 Höhenmeter und 2,2 Kilometer hinunter. „Die Serpentinen sind so angelegt, dass ihr euch einfach treiben lassen könnt“, ermutigt uns Raphael. Gehört, getan. Ab in die Spur! Immer wieder wechselt der Untergrund von lockerem Waldboden zu kompakter Erde, die Kurven sind teilweise so geschmeidig, dass das Gefühl aufkommt, auf einer unsichtbaren Welle zu reiten. Was sicher auch an den sichtbaren Bodenwellen liegt. Auf jeden Fall ist er da, der Flow! Und der Faaker See immer vor Augen. Stark.
Etwas anders, weil auf natürlichem Waldboden „designt“, gestaltet sich der „Lowgartner“, noch so ein Einsteiger-Kandidat (für Fortgeschrittene und Profis warten Dutzende weitere Strecken in der Umgebung). Er schlängelt sich parallel zur Straße durch den lichten Wald bergab, auch er ist spannend und super in Schuss, pardon: geshaped. Nachvollziehbar, dass für die Benutzung seit Mai ein – natürlich online zu erwerbendes – Tagesticket von knapp zehn Euro fällig wird. Wie das überprüft wird? Raphael und Co. machen ab und an Stichproben. Ansonsten setze man auf die Ehrlichkeit der Community.
Open-Air-Event in der Burgruine
Gratis, aber alles andere als umsonst ist unser Asphaltabstecher zur geschichtsträchtigen Burgruine Finkenstein, die in den Sommermonaten zur Burgarena avanciert, dank einmaligem Theaterrund für etwa tausend Besucher. Und wer ist hier nicht schon alles aufgetreten! Die Palette reicht von Wolfgang Ambros bis Willy Astor, 2026 kommen Suzi Quatro, Nik P. und viele mehr. Hier an einem lauen Sommerabend zu sitzen, im Vordergrund ein namhafter Künstler auf der Bühne, im Hintergrund die Burg Landskron, der See und Villach? Also ehrlich, schöner kann ein Open-Air-Event kaum sein.
Der Nachmittag wird abgerundet mit weiteren Naturtrails, tollem Essen im Baumgartnerhof (Spezialität: Kärntner Nudeln) und Pläneschmieden für Tag zwei, für den Ossiacher See. Klar könnten wir rund ums dortige Trailcenter erneut in die Pedale treten, locken doch weitere 17 Trails und mit dem im Sommer am Südufer eröffneten lake.bike Family Playground ein 6.000 Quadratmeter großer Mix aus Bike-Action, Spiel und Naturerlebnis. Doch zum einen sind Schauer angesagt, die den Untergrund rutschig machen, und zum anderen steht uns der Sinn nach Abwechslung. Schließlich bietet die Region auch in puncto Wandern großes Kino. Angesichts Dutzender Optionen fällt es fast schwer, sich zu entscheiden. Die Finsterbachfälle oberhalb von Sattendorf machen das Rennen. Stark, wie sie in drei bis zu 20 Meter hohen Kaskaden runterrauschen. Erfrischt durch so manche Gischt und beschwingt von der sich nun Bahn brechenden Sonne zieht es uns weiter hinauf. Ein schöner Weg, erst moderat bis Ossiachberg, dann steiler, vorbei an alten Lärchen und moosbewachsenen Felsen hinauf zur rund 1.500 Meter hohen Kanzelhöhe unterhalb der Gerlitzen. Wir streifen dabei immer wieder den Prolitzen-Trail, auch er Teil des lake.bike-Universums, streifen. Das „Pro“ trägt der nicht ohne Grund im Namen: Er ist steil, also wirklich steil, und voller Steine, Rinnen und Wurzeln. Oder wie es im Szenesprech heißt: „Gespickt mit Gaps, Drops, Rock Garden und Steilkurven.“
Vom türkisfarbenen See ins märchenhafte Schilf
Im Übrigen ist es – und das ist ein Unterschied zu „bahnlastigen“ und dadurch teureren und viel stärker frequentierten Bikeregionen – die einzige MTB-Strecke rund um Villach, zu der eine Gondel führt. Konkret ist es die Kanzelbahn. Praktisch: Uns bringt sie, nach einem erfrischenden Getränk, wieder runter zum Ossiacher See. Gut so, denn wir haben noch einen Termin am Faaker See nebenan. Dort treffen wir uns mit Melanie am Kajakcenter. Jeweils zu zweit im Boot paddeln wir über den fast windstillen See, der uns erneut mit seiner türkisen Farbe begeistert. Noch mehr Freude kommt auf, als wir an dessen Südwestende in einen natürlichen Kanal einfahren, der sich plötzlich im Schilfmeer auftut.
„Willkommen in den Everglades!“ Melanie grinst. Und beschwichtigt: „Keine Angst, Alligatoren gibt es hier keine!“ Dafür aber einen mäandrierenden Wasserlauf, der durch das dichte Schilf führt. Da sieht man immer nur das nächste kurze Stück. So geht es Kurve um Kurve, insgesamt sind es mehr als zwei Dutzend, wobei sich die Fahrrinne, in der gerade so zwei Paddler aneinander vorbeikommen, ab und an zu einem Becken erweitert.
So auch am „Kanal“-Ende, „wo wir auf einer Wiese eigentlich immer ein Picknick machen“, erzählt Melanie. „Aber heute“, und dabei deutet sie zum dunkelwolkig gewordenen Himmel, „sollten wir rasch umkehren. Wir brauchen ja noch eine Dreiviertelstunde zurück.“ Weise, denn keine 100 Meter vor dem Ziel fängt es an zu tröpfeln, bald zu schütten. Was im Restaurant des Dorfhotels „Seeleitn“ nebenan freilich nichts ausmacht. Zumal es bereits nach einer halben Stunde wieder trocken ist. Genau richtig für einen abendlichen Schwumm im klaren See – auch wenn im letzten Licht der Dämmerung das satte Türkis längst verschwunden ist.