Tropische Korallenriffe sind unwiederbringlich zerstört. Die noch intakten können nur gerettet werden, wenn Anstrengungen unternommen werden, die Erwärmung der Weltmeere aufzuhalten. Doch einst ambitionierte Staaten wie Deutschland scheinen Klimaschutz für verhandelbar zu halten. Ausgerechnet jetzt.
Die Studie „Global Tipping Points Report 2025“ schließt von diesem ersten Kipppunkt im globalen Klima darauf, dass bei einer durchschnittlichen Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius weitere Klimakipppunkte überschritten werden könnten. Tempo ist angesagt, wenn wir nicht bei 2,8 Grad Celsius Erderwärmung gegenüber vorindustriellen Zeiten und im Katastrophenzustand als neuem Normal landen wollen – weil Klimaschutzmaßnahmen nicht konsequent eingehalten und ausgebaut werden. Verantwortliche und Regierende schlagen Rollen rückwärts auf den eingeschlagenen Pfaden zum Begrenzen von Emissionen. Und sei’s auch „nur“ in verbalen Abwägungsverlautbarungen, die beim einen oder anderen Verunsicherung und Stillstand verursachen.
Was hier getan wird, reicht nicht
Das notwendige Wissen, das uns „Stopp“ signalisiert, ist gesicherter denn je verfügbar. „Tropische Gewittersysteme und Zyklone konnten in früheren Klimamodellen kaum realistisch abgebildet werden. Heute erreichen Erdsystemmodelle Auflösungen im Kilometerbereich und liefern deutlich präzisere Simulationen, etwa zu Starkregen, Sturzfluten oder Sturmintensitäten“, sagt Professor Joaquim Pinto vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Troposphärenforschung (IMKTRO) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). „Diese Verbesserungen – künftig unterstützt durch KI-basierte Modelle – helfen uns, Unsicherheiten weiter zu verringern. Für tropische Gewitter in Afrika zeigen sich leider höhere Niederschlagsintensitäten, für Zyklone stärkere Winde und vor allem mehr Regen.“
Anpassung allein, etwa mit teuren Klimawandel-Dämmen in den Küstenregionen Deutschlands, reicht nicht. Der Ausstoß von Emissionen muss schneller gestoppt werden. Das Erdsystem lässt nicht mit sich verhandeln. Die Vereinten Nationen warnen in ihrem „Emissions Gap Report 2025“ davor, dass die Erderwärmung das 1,5-Grad-Maximalziel schon bald auch im mehrjährigen Mittel überschritten haben dürfte – nicht nur „ausnahmsweise“, wie jetzt phasenweise und örtlich schon zu bemerken ist. Einige Staaten spielen auf Zeit, die wir nicht mehr haben. Sie gehen nachlässig mit den national festgelegten Beiträgen (Nationally Determined Contributions, NDC) der Vertragsparteien des Pariser Klimaschutzabkommens und deren entschlossener Umsetzung um. Auch Deutschland und die EU.
„Es gibt keine Entwarnung“
Obwohl die erneuerbaren Energien weltweit rasant ausgebaut und immer wirtschaftlicher werden, steigt beispielsweise der globale Kohleverbrauch auf ein neues Rekordniveau. Fossile Lobbys feiern ein Comeback, auch mit Gas, obwohl es politische Abhängigkeiten in brisanten, globalen Konstellationen noch verschärft. Eine Leitautorin des aktuellen „EU Climate Action Progress Reports“ beschreibt die Situation mit „Alle Systeme blinken auf Rot“. Die Wissenschaft hatte wichtige Erkenntnisse geliefert, die dazu führten, dass am 12. Dezember 2015 die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in Paris auf der Weltklimakonferenz (COP21) das historische Klimaabkommen beschlossen. „Heute wissen wir noch viel mehr über das Klimasystem – und es gibt keine Entwarnung“, sagt Prof. Dr. Andreas Fink vom IMKTRO. „So konnten wir in den letzten zehn Jahren auch mehrere potenzielle Kipppunkte besser identifizieren und ihre Wechselwirkungen grob abschätzen – etwa beim Absterben von Warmwasserkorallen oder dem Abschmelzen des grönländischen Eisschilds. Wir nähern uns hier kritischen Schwellen, teils haben wir sie womöglich schon überschritten.“
Besonders im Blick steht auch die atlantische Umwälzströmung, deren Abreißen gravierende Folgen für das Klima in Europa hätte. Finks Fazit nach zehn Jahren, in denen die Klimaforschung ihr methodisches und inhaltliches Verständnis des Erdsystems verbessert und ihre Erkenntnisse kontinuierlich kommuniziert hat: „Heute kann niemand mehr sagen, er oder sie habe von diesen Risiken nichts gewusst.“ Bis kurz vor Beginn der 30. UN-Klimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém hatte lediglich ein Drittel der fast 200 Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention seine aktualisierten Nationalen Beiträge eingereicht.
In ihnen beschreiben die Staaten, wie sie in den kommenden Jahren auf die Erfüllung des Pariser Klimavertrages hinarbeiten wollen. Die EU-Umweltminister und -Umweltministerinnen einigten sich verspätet darauf, den Ausstoß bis 2040 um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 senken zu wollen. Sie legten für das Jahr 2035 einen Zielkorridor von 66,25 bis 72,5 Prozent Minderung fest. Doch sollen bis zu fünf Prozent der Minderungsvorgabe durch den Zukauf internationaler Klimaschutzzertifikate abgedeckt werden.
Prof. Dr. Niklas Höhne, Leiter und Geschäftsführer des New Climate Institute und Special Professor „Mitigation of Greenhouse Gas Emissions“ an der Universität Wageningen in den Niederlanden, kritisiert das: „Der wissenschaftliche Beirat der EU zu Klimafragen hat eindeutig empfohlen, 90 Prozent zu reduzieren und das wirklich auch zu Hause zu tun. Und die jetzige Entscheidung ist sehr viel weniger ambitioniert.“ Für ihn sei diese Entscheidung ein klarer Rückschritt in der Klimapolitik der Europäischen Union. Hier würden Dinge zurückgefahren, die vorher schon beschlossen waren. „Und das belohnt eigentlich diejenigen, die sich ein bisschen zurückgelehnt haben und gehofft haben, das fossile Geschäftsmodell noch lange weitermachen zu können“, sagt Höhne. „Und ja, es bestraft diejenigen, die sich darauf verlassen haben, dass es hier einen klaren Pfad gibt, hin zur Klimaneutralität. Und das finde ich sehr schade.“
Dr. Lambert Schneider, Forschungskoordinator für internationale Klimapolitik vom Öko-Institut in Berlin, hat nachgerechnet: „Das heißt, dass in 2040 die EU tatsächlich ungefähr 50 Prozent mehr Treibhausgase ausstoßen kann, als sie das ohne diese Zertifikate machen würde. Es sind fünf Prozent in Bezug auf das Basisjahr 1990 und das heißt eben im Jahr 2040 50 Prozent mehr Emissionen in der EU.“
China bessert sich stetig
Anders China. Dort gehe es im Gegensatz zu den USA eher nach vorne. „Immer, wenn etwas Neues passiert, dann hat man auch eine Chance, dort Vorreiter zu sein“, sagt Höhne. Und bei Elektromobilität habe China schon vor 15 Jahren entschieden, dass man das machen wolle. Und das Land sei jetzt Marktführer mit sehr guten und sehr günstigen Autos. Ähnlich bei den erneuerbaren Energien: „80 Prozent der Solarpaneele und 60 Prozent der Windkraftanlagen werden in China produziert. Damit ist man auch voll vorne dabei“.
Der Klimaforscher geht davon aus, dass Chinas Emissionen aufgrund von Elektromobilität bald schon nicht mehr steigen und sogar sinken würden. „China hat sich auch als eines der wenigen großen Länder ein neues Ziel gesetzt, das international vorgetragen hat. China hat auch Klimaschutz und weniger CO2-Emissionen in den Fünf-Jahres-Plan geschrieben.“
Für andere Länder stelle sich nun die Frage: „Wollen sie sich eher in Richtung Trump orientieren, der rückwärtsgewandt ist, auf die Bremse tritt und an der Vergangenheit festhält? Oder wollen sie sich mehr in Richtung China orientieren, die aus meiner Sicht tatsächlich in Richtung Klimaschutz gehen?“
Höhnes Fazit zu den neuen EU-Zielen: „Die EU hat sich mit der Entscheidung von heute ein bisschen in Richtung Trump bewegt. Also auf die Bremse getreten.“