Fred S. steht exemplarisch für Menschen, die sich wegen mangelnder Abgrenzungsfähigkeit zum Außen weitestgehend zurückgezogen haben. Der Preis der Einsamkeit ist hoch. Wie der lange Lebensweg dahin verlief, und was er dabei fühlt, hat er uns erzählt.
Da Einsamkeit immer noch ein schambesetztes Thema ist, sind auskunftsfreudige Menschen, die über das belastende Gefühl sprechen möchten, nur schwer zu finden. Fred S., der lieber anonym bleiben möchte, hat bezüglich seiner Probleme, mit anderen in Kontakt zu bleiben, nur wenig Selbsterklärungsnöte – im Gegenteil, fragt man nach seiner Motivation, sich weitestgehend zu isolieren, sprudelt es nur so aus ihm heraus.
Der Mittfünfziger versucht seine Worte vor jeder Aussage wohl abzuwägen, kennt er doch nur allzu gut die Abwehr jener Menschen, die seine Zweifel als Anklage verstehen. „Eine Reha-Maßnahme-Dozentin gab mir die Rückmeldung, dass sich andere von mir distanzieren würden, weil ich ihre Art zu leben nicht nur angreife, sondern das Ausblenden von Problemen, die mit den Lebenskonzepten einhergehen, unmöglich mache.“ Schon die Art des Formulierens, mit Bedacht und Eloquenz, schreckt viele Zeitgenossen ab, fühlen sich die meisten mit der Barrage an Wörtern und Relativsätzen überfordert. Das weiß Fred S. zwar, aber seine Begeisterung für die deutsche Sprache, gepaart mit den beruflichen Positionen in verschiedenen Kommunikationsbranchen, haben den Mann geformt. Er bringt ohne Mühe auf den Punkt, worin das grundsätzlich Trennende zwischen ihm und der Mitte unserer Gesellschaft besteht: „Es sind die systemerhaltenden Zwecklügen, das Erkennen, dass nicht das beste Argument sticht, sondern der mit dem Großmaul das Sagen hat, das Nachplappern von Losungen, die nicht einmal selbst erarbeitet sind. Mein innerer Protest prägte sich sehr früh aus. Als Jugendlicher war es für mich fühlbar, dass die elterlichen Vorstellungen von einem erfolgreichen Lebensweg nichts taugten. Zwar war ich ein respektierter Schüler mit Nischenbegabungen in Sprache, Kunst und allem, was nichts mit Zahlen zu tun hat, meine Versetzung ab der 10. Klasse dennoch gefährdet. Weil ich nicht einsah, warum es nötig ist, sich mit Kurvendiskussion zu beschäftigen, wenn man im späteren Leben ohnehin jeglicher Berechenbarkeit aus dem Weg gehen möchte.“
„Skripte, denen ich nicht folgen wollte“
Unberechenbarkeit als Lebenskonzept drückte sich in Form des Einstiegs in die lokale Punkszene aus. Ab dem sechzehnten Lebensjahr standen ihm die rotgefärbten Haare gut und den Eltern die Ihrigen zu Berge. Die Lehrerschaft begriff nicht, was die Transformation ausgelöst hatte. Vater und Mutter hingegen wussten, dass etliche innerfamiliäre Konflikte durch Freds Interesse für radikale Außenseitermusik befeuert wurden und er Freunde innerhalb einer Szene suchte, die sich gegen die Spießergesellschaft in Kohls Deutschland richtete. Das war die Hardcore-Punk-Szene im nahegelegenen Homburg. „Das Mantra von ‚Rede nicht so laut, was sollen bloß die Nachbarn denken‘ und die Zwänge von Schule, Tanzkurs, Händchenhalten, studieren, sich mit einem Job finanziell binden, heiraten, Haus bauen und so weiter, das waren Skripte, denen ich nicht folgen wollte. Ich wusste es nicht, aber mein spät diagnostiziertes ADHS-Syndrom suchte stattdessen per Schlagzeugspiel, Pogo-Tanzen und Schlägereien mit Nazis Kanäle des Ausagierens.“ Die Prügeleien sollten nicht wiederkommen, die Dancemoves fanden mit einem späten Interesse fürs andere Geschlecht in Clubs statt, in Bands der lokalen Szene trommelte er mit 20 Jahren semi-professionell. Insofern waren die Jahre, in denen Fred S. studierte (dann doch!), positiv überschattet von gesellschaftlichen Veränderungen, die den inneren Punk domestizierten. Per Auszug und WG-Bezug, durch Englandaufenthalt und musikalische Eskapaden hielt er seine Problemfamilie auf Abstand.
„Ab einem Punkt war ich total überfordert“
„Zwischen dem 18. und 40. Lebensjahr hatte ich ein hohes soziales Aufkommen. Ich war sogar eine Zeit lang professioneller DJ und hing mit der Wiener Szene international ab. Dennoch gab es immer wieder Irritationen bei Jobs als Verkäufer in einem Plattenladen, als Booker und Promoter eines Labels, als Eventmanager und Schreiber für diverse Medien. Ab einem bestimmten Punkt war ich von den Begehrlichkeiten um mich herum total überfordert. Mein Vater starb, ich zog nach Berlin wegen einer Frau, was in einer Notfallklinik für Menschen mit akuter Depression endete. Eine Krankheit, die in meiner Familie weit verbreitet ist“, gibt Fred S. zu Protokoll. Zu viele stabilitäterzeugende Säulen fielen plötzlich weg. Doch anstatt die Heimreise anzutreten, zog er ein weiteres Mal nach Österreich, wo er als Werbetexter anheuerte. Trotz mentaler Probleme, die immer wieder das Leben überschatteten, ging es beruflich steil nach oben. Was Fred S. nicht bedachte, waren der immense Verkaufsdruck, die irren Wünsche der Kunden und damit der permanente Stress, der im Marketing als Lebensgefühl gefeiert wird. Kreative Menschen, die meistens sensibel für Schwingungen sind, scheitern in der Regel an den sogenannten Kreativberufen. Eine weitere Widersprüchlichkeit, die man ertragen soll.
„Was mich immer wieder beruflich belastet und auch private Konsequenzen des Rückzugs nach sich gezogen hat, ist die Absurdität, der man sich unterwerfen soll. Zu viele Male habe ich mir anhören müssen, ‚es hilft ja nicht …‘. Und es gibt nicht wenige – ich nenne sie mal Systemstabilisatoren – also Mitmenschen, die dabei nichts fühlen, wenn sie wegen ‚tagesaktueller Notwendigkeiten‘ Leute ausbrennen lassen. Wahrscheinlich haben diese ein ziemlich grobgeschnitztes Menschen- und Gesellschaftsbild, wo man sich mit Härte durchsetzt.“ Was die Taubheit und das Getöse um einen herum noch weiter aufgedreht hat, ist der Siegeszug von Social Media. „Zuerst habe ich mich neugierig der digitalen Kommunikation zugewandt. Musste ich auch aus beruflichen Gründen. Schnell merkte ich aber, dass die Gleichmacherei mit dem Anstieg des Onlinegebarens weiter anstieg. Der Druck, sich selbst als Ware feilzubieten, die Angst, etwas zu verpassen, das Suchtpotenzial der Online-Tools und Apps und die Hingabe, mit der Menschen ihre Zeit verplempern, haben mich kolossal in die Isolation getrieben. 2014 schaute ich noch lachend den Film ,Idiocracy‘. Und keine fünf Jahre später erschien mir die Gesellschaft um mich herum völlig idiotisch, auch dank einer wachsenden Politisierung der Nutzer.“ Fred S. führt weiter aus: „Mit der Corona-Pandemie kam schließlich ein Punkt, an dem ich auf der Arbeit wegen Überforderung zum zweiten Mal zusammenklappte, also völlig handlungsunfähig und wie gelähmt vorm Rechner saß.“ Inzwischen war der Kreativschreiber Content-Marketing-Manager einer Audioequipment-Firma, die bereits vor der Pandemie ums Überleben kämpfte.
„Der Gipfel des vergifteten gesellschaftlichen Klimas war für mich die Entzweiung übers Impfen. Davor die Diskussion um den menschengemachten Klimawandel, die Flüchtlingskrise, das Aufkommen der AfD. Ich sah in Echtzeit, wie ehemalige Freunde ideologische Grenzen zogen und sich verbal unterhalb jeder Gürtellinie bekriegten“, so Fred S. Also machte er alle Schotten dicht – wegen immer wiederkehrender Depressionen krankgeschrieben, konnte er das umso leichter, als es zu den ersten Lockdowns kam. „Für mich war die gesellschaftliche Lahmlegung gar nicht belastend, endlich fühlten sich andere mal so wie ich meine letzten zehn Lebensjahre lang“, gibt Fred S. offen zu. Mittlerweile ist die Peergruppe aus Studentenzeiten den Weg der Unausweichlichkeit weiter gegangen, hat sich gut angepasst, mit Nachwuchs und Job dem Kreislauf aus Anspannung und Entspannung unterworfen. „Die Isolation ist weniger das Problem für mich als das Gefühl der Einsamkeit durch kulturelles Unbehagen. Ich bleibe lieber zu Hause, als ständig irritiert zu sein. Natürlich weiß ich, dass man sich Resilienz erarbeitet, indem man sich Situationen aussetzt, die man im analogen Leben immer wieder hat: An Konflikten und Meinungsverschiedenheiten wächst man. Ich bin auch nicht konfliktscheu, habe mich mit meinem Mundwerk und auch körperlich schon durchsetzen müssen. Das war allerdings vor der Onlineseuche, so wie ich die Smartphone-Sucht nenne.“ Mit dem Aufkommen von Künstlicher Intelligenz hat sich das Problem der Befremdung für Fred S. verschärft.
Wenn er auf die Straße geht und sieht, wie gefühlt 90 Prozent der ihn umgebenden Mitmenschen auf ein kleines Kästchen starren, würde er am liebsten auf der Ferse kehrtmachen und sich verstecken. So weit fühlt sich Fred S. von der Welt, die sich um Podcasts und weiteren Medienkonsum dreht, entfernt. „Ich kann meine Beklemmungen schwer in Worte fassen. Wissend, dass die Leute gar keine Kontrolle über ihr Doomscrolling mehr haben, weil ich es selbst schon übertrieben habe und dabei merkte, wie ungeduldig ich wurde, wenn der nächste Dopaminhit ausblieb, habe ich fast schon Ekelgefühle, wenn ich einkaufen gehen muss.“ Dabei will er niemanden verurteilen, das macht Fred S. deutlich. Es gehe ihm weniger um die süchtigen Opfer als um eine Industrie, die die Schwächen der Menschen ausnutze. „Ich habe mich auch deshalb zurückgezogen, weil so viele Leute nur noch über Politik quatschen, nicht einmal auf einem Niveau, wie es bei Lanz und Co. jeden Abend durchexerziert wird. Keine Ahnung, ob es an meinem Alter liegt, aber ich fand die Zeiten, in denen man sich mehr um seine kleine Welt gekümmert hat, ohne sich konstant um die Probleme der großen weiten Welt kümmern zu sollen, besser. Wenn Sie so wollen, habe ich Anpassungsprobleme, klinisch ausgedrückt, Depressionen“, sagt der Magister der Politikwissenschaften. Fred S. hat schon etliche Versuche, mit Verhaltenstherapie gegenzusteuern, unternommen. Dabei hat er Strategien gelernt, die ihm helfen sollen, sich auf das eigene Tun und die Beeinflussbarkeit von Dingen zu konzentrieren.
Zu viel Bauchweh mit dem Bauchgefühl
In Selbsthilfegruppen erfährt er sich in der Regel als Moderator, immerhin schafft er es seit kurzer Zeit, dank der ADHS-Erkennung, einer solchen regelmäßig beizuwohnen. „Leider hat das Landesamt für Soziales (LAS) mein letztes Ersuchen um Unterstützung für die Teilhabe am sozialen Leben nicht einmal mehr beantwortet. Wahrscheinlich sind die personell überlastet. Das zeigt mir, wie viele Menschen mittlerweile mit Einsamkeit kämpfen, sei es, wie ich, aufgrund psychischer Überlastung oder wegen Sucht. Das Ertragen absurder Vorstellungen, es möge so weitergehen, wissend, dass wir uns erst am Anfang heftiger Eruptionen befinden, hat halt seine Grenzen.“ So hofft Fred S., immer noch als idealistischer Mensch, das Pendel der Unvernunft möge irgendwann wieder in seine Richtung zurückschlagen, und wähnt sich auf der Seite jener, die wegen zu viel Bauchgefühl Bauchweh bekommen und deshalb den Rückzug angetreten haben.