Die Ereignisse in Venezuela verändern die Machtbalance der Welt. Es geht um deutlich mehr als „nur“ das südamerikanische Land. Es gibt Verbindungen zum Iran, der über die Jahreswende heftige Demonstrationen erlebt, aber auch nach Moskau und Peking.
Seit Langem hat kein Ereignis die Welt so aufgewühlt wie der erzwungene Fall des sozialistischen Regimes in Venezuela und die Gefangennahme seines Machthabers Nicolás Maduro durch die USA. Zu Recht! Die dramatischen Ereignisse in dem heruntergewirtschafteten südamerikanischen Ölstaat werden wohl enorme Auswirkungen auf die Machtbalance der Welt haben – insbesondere auf Europa.
Rückblick: Die Regierenden in Caracas haben den imperialen Interessen Russlands und Chinas seit Jahrzehnten ein freizügiges Terrain geboten. Obwohl zehntausende Kilometer entfernt, diente Venezuela besonders einem der rabiaten Mitspieler im antiwestlichen Dreieck Moskau-Peking-Teheran als Flankenschutz für politische, ideologische und kommerzielle Einflussnahme: dem Iran.
Anti-westliches Dreieck Moskau-Peking-Teheran
Das sanktionierte Mullah-Regime profitierte von venezolanischen Öl-Swaps, Luftverkehrsverbindungen und Umgehungsmöglichkeiten für Sanktionen sowie politischen Schutz. Westliche Geheimdienste haben Venezuela wiederholt als freundliches Terrain für iranische Proxy-Aktivitäten identifiziert: „Diese Beziehung war nie ideologisches Theater, sondern ein Überlebenspakt,“ schildert „Israel Unwired“, ein Netzwerk zur Verbreitung von Online-Videos über Israel.
Gerade die große Entfernung zum Nahen Osten hat Venezuela so wertvoll für die Achse der Mullahs gemacht – es lag außerhalb der unmittelbaren Reichweite Israels. So taugte es ideal als logistische Rückendeckung für iranische Interessen: „Venezuela hat die Rolle eines Backoffice gespielt – still, beugbar und nützlich, um den Druck auf Israel aufrechtzuerhalten, ohne einen Schuss aus dem Libanon oder Gaza abzufeuern“, berichtet Israel Unwired.
Auch Iran selbst steht seit der Jahreswende 2025/26 mit landesweit aufflackernden Protesten im Brennpunkt. Dabei geht es nicht nur um das Schicksal einer Unfrieden stiftenden Nation, sondern um ein geopolitisches Weltbündnis. Die Ereignisse rund um das Mullah-Regime beeinflussen die verfinsterte Nahost-Region, die Handelswege zwischen Asien und dem Mittelmeer und die Dynamik des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Damit ist die komplette Sicherheitsarchitektur Europas betroffen.
Die jetzt aufgeflammten inneriranischen Proteste könnten das Aus bedeuten für die bislang gepflegte enge strategische Annäherung der Mullahs an Russland. Was vor Jahren als Zweckgemeinschaft zwischen zwei international isolierten Staaten begann, hat sich inzwischen zu einer explosiven Beziehung entwickelt. Die Sprengkraft reicht weit über den politischen Wandel im Iran selbst hinaus.
Seit Langem beobachtet man in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten die intensiver gewordene Zusammenarbeit zwischen Moskau und Teheran. Die Europäische Union hat mehrfach die militärische Unterstützung kritisiert, die Russland im Krieg gegen die Ukraine aus dem Iran erhält. Das Land zwischen Kaspischem Meer und Golf-Region produziert Kampfdrohnen, Militärzubehörteile und etliche Komponenten für die russischen Angriffe gegen Kyjiw.
Um den wegen seiner Atomambitionen ohnehin bestraften Iran weiter einzuhegen, hat die EU iranische Personen und Organisationen sanktioniert, die an der Übertragung von Kriegstechnologien beteiligt sind. Diese Maßnahmen reichen bis hin zu Betätigungsverboten für große Fluglinien wie Saha Airlines, Mahan Air und Iran Air. Für iranische Politiker, Militärs und Wissenschaftler gelten Restriktionen wie das Einfrieren ihrer Vermögenswerte und ein EU-Einreiseverbot.
„Diese Personen sind jeweils für die Weitergabe und die Lieferung von UAV aus iranischer Herstellung und damit zusammenhängenden Komponenten und Technologien über transnationale Beschaffungsnetze an Russland zur Verwendung in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine verantwortlich“, heißt es in der offiziellen EU-Erklärung.
Westliche Geheimdienstkreise hatten 2024 entdeckt, dass Russland hundertfach Kurzstreckenraketen vom Typ Fath-360 aus dem Iran bezogen hat – trotz Warnungen des Westens. Die raketengetriebenen Geschosse mit 150 Kilogramm schwerem Sprengkopf haben die enorme Geschwindigkeit von mehr als 3.200 km/h. Mit ihrer Verwendung schont Russland seine eigene Munition und greift ukrainische Frontlinien sowie Ziele im Hinterland an.
Pekings Sorge um Präzedenzfall
Ein weiteres Beispiel für Irans antieuropäische Aktivitäten sind die Drohnen vom Typ Šāhed 136 (übersetzt: „Märtyrer“). Das unbemannte Einweg-Luftfahrzeug kann wegen einfacher Konstruktion und geringer Kosten in großen Mengen eingesetzt werden. Russland setzt es spätestens seit 2023 massiv gegen zivile Ziele in der Ukraine ein. Die Drohne wird unter Lizenz in hohen Stückzahlen auch in Russland produziert und weiterentwickelt.
All das hat Moskaus Kriegsfähigkeit erheblich verstärkt und Europa vor neue strategische Fragen gestellt.
Auch China hat sowohl in den Iran als auch in Venezuela stark investiert, „angetrieben von Energiesicherheit, Einfluss und langfristiger Konkurrenz mit Washington“ (Israel Unwired). Dabei setzte es auf Stabilität, Vorhersehbarkeit und Rückzahlung. „Regionale Explosionen“ mit Interventionen der USA hat es versucht zu vermeiden. Pekings scharfe Reaktion auf die Festnahme Maduros wirkt auf Analysten weniger wie Loyalität, sondern eher wie Sorge um einen Präzedenzfall. Für China ist die Luft in Venezuela nun dünn – und bald auch im Iran?
Immer wieder wird spekuliert, Israel könnte mit Duldung der USA erneut einen Angriff zur Auslöschung iranischer Militärkapazitäten fliegen. Russland selbst scheint davon auszugehen, denn Moskau ruft wiederholt zur „Zurückhaltung“ auf: „Wir glauben, dass es notwendig ist, von allen Schritten abzusehen, die die Spannungen in der Region verschärfen könnten, und wir glauben, dass in erster Linie ein Dialog mit dem Iran nötig ist“, wiegelt Kremlsprecher Dmitri Peskow ab.
Aber Russland trägt nicht gerade zur Beruhigung bei, wenn es, wie jüngst geschehen, gemeinsam mit Teheran drei Satelliten in den Orbit bringt. Das sei eine „rein wissenschaftliche Mission“, erklärte der iranische Außenminister Abbas Araghchi. Doch Geheimdienstforscher Adrian Hänni vom Leibniz-Institut für Zeitgeschichte in München sieht jetzt „mehr Augen am Himmel“ – eine verbesserte Fähigkeit des Irans, „Bedrohungen zu entdecken“.
Vor diesem Hintergrund gärt in Israel nach dem spektakulären Schlag gegen Luftabwehr und Atomanlagen des Iran im Juni 2025 weiter eine Debatte darüber, wie mit der Rüstungsproduktion des ärgsten Feindes umzugehen sei. Klar ist: Die Regierung in Jerusalem betrachtet iranische Raketen- und Drohnentechnologie als existenzielles Sicherheitsrisiko. Sie hat daher wiederholt Militäraktionen gegen iranische Stellungen in der Region durchgeführt, aber – trotz der Aktion 2025 – noch keinen ganz großen Vernichtungsschlag.
Das direkte Ausschalten iranischer Produktionsstätten durch Israel wäre laut Experteneinschätzung ein riskanter Schritt. Er könnte zu einer massiven regionalen Eskalation führen. Russland wäre direkt tangiert, wenn es von iranischem Rüstungsnachschub abgeschnitten würde.
Europa steht indessen vor einem Dilemma: Einerseits seine immer noch bestehenden Pflichten gegenüber den USA und Israel, andererseits die Warnung vor einem unkontrollierten Flächenbrand im Nahen Osten. Allerdings ist Europa heutzutage nirgendwo mehr ein ernsthaft mitmischender Player, mag man sich das in den 27 EU-Hauptstädten und in Brüssel auch noch so sehr einreden. Das skrupellose Vorgehen von US-Präsident Donald Trump hat die Schwäche Europas eindrucksvoll bestätigt.
Global verwobene Machtgeflechte
Während außenpolitisch die Spannungen steigen, erlebt der Iran im Innern eine der größten Protestwellen seit Jahren. Der massive Verfall der Währung, hohe Inflation, wirtschaftliche Not und gesellschaftliche Frustration haben zu landesweiten Demonstrationen geführt. Sie breiten sich derzeit kontinuierlich aus und haben offenbar mehr als 30 Städte erfasst. Die Proteste begannen als soziale Unzufriedenheit, entwickelten sich aber schnell zu offenen Forderungen nach politischem Wandel und Systemkritik.
Berichte internationaler Medien beschreiben junge Demonstranten, die zunehmend direkt den obersten Machthaber Ayatollah Khamenei angreifen und mit Parolen gegen das theokratische Regime protestieren. Tote und Festnahmen werden gemeldet. In Sozialen Medien betonen viele Aktivisten, dass sie „keine Zukunft“ mehr unter der aktuellen Führung sehen. Das gilt als ein Hinweis darauf, dass die Proteste längst nicht nur ein soziales, sondern ein politisches Momentum darstellen.
In diesem politischen Umfeld tritt eine Persönlichkeit besonders hervor: Reza Pahlavi. Der im Exil lebende Sohn des letzten Schahs von Iran ist die bekannteste Oppositionsfigur gegen das islamische Regime. Seit Jahrzehnten fordert der gemäßigte Exil-Politiker einen friedlichen Übergang zu Demokratie und Freiheit.
Pahlavi lebt in den USA. Er steht in engem Austausch mit Oppositionellen, Aktivisten und westlichen Kontakten, wenngleich seine tatsächliche Einflusskraft im Inland umstritten bleibt. Die Vision des Politologen und dreifachen Töchter-Vaters für einen neuen Iran hat Pahlavi mehrfach in deutlichen Worten formuliert. In einem seiner jüngsten Aufrufe bezeichnet er die aktuelle Situation als „unseren Berliner-Mauer-Moment“ – eine Anspielung auf das Ende der kommunistischen Regime in Osteuropa: „Die Fundamente der 46-jährigen Tyrannei erzittern“.
Der ehemals designierte Kronprinz des Pfauenthrons (Schahzade) ruft seine Landsleute zur Einheit auf. Der 65-Jährige betont die Notwendigkeit eines säkulären, demokratischen Iran. Und er stellt klar, dass er „keine Rückkehr zur Monarchie“ beabsichtige. Seine Rolle sei die als Vermittler eines nationalen Übergangsprozesses. Die Basis: Territoriale Integrität, individuelle Freiheit und Trennung von Staat und Religion.
In einer Rede im Juni 2025 betonte Pahlavi, der Iran befinde sich am Rand des Zusammenbruchs: „Das islamische Regime ist besiegt, taumelt am Rande des Zusammenbruchs und darf nicht weiterexistieren“. Er warnte die internationale Gemeinschaft davor, dem Regime durch Verhandlungen „eine Lebensader“ zu geben.
In seinen Appellen richtet sich der ausgebildete Kampfjet-Pilot explizit auch an Teile der Sicherheitskräfte. In einer Twitter-Botschaft vom 2. Januar 2026 fordert er die Menschen auf, „zusammenzugehen und Iran zurückzuerobern“. Sie sollten in großer Zahl die zentralen Straßen der Städte füllen – erst dann werde die Repression der Sicherheitskräfte nicht mehr standhalten.
Begleitet wird dieser Ruf von Unterstützern im Exil: Bei einer großen Oppositionskonferenz in München betonte Pahlavi, mehr als 50.000 Angehörige von Militär, Polizei und staatlichen Institutionen hätten signalisiert, sie wollten den Regimewechsel unterstützen. Er forderte zugleich alle Dissidentengruppen auf, sich um eine gemeinsame Vision für die Zukunft Irans zu einen. Seiner Ansicht nach werde „nur die Überwindung des Regimes und die Einrichtung einer demokratischen Republik“ dem Land dauerhaften Frieden und Sicherheit bringen.
Zu Wort gemeldet hat sich die hochbetagte Ehefrau des Schahs, der am 16. Januar 1979 aus dem Iran fliehen musste. Die einstige Königinmutter und Kaiserin Farah Pahlavi verkündete in einer seltenen Botschaft an ihr Volk: „Diese Zeit wird als Wendepunkt in Erinnerung bleiben, als das iranische Volk seine Zukunft wieder selbst in die Hand genommen hat. Ich rufe die Sicherheitskräfte dazu auf, sich dieser Bewegung des Volkes anzuschließen. Das Licht wird über die Dunkelheit siegen.“
Befürchtung um Machtvakuum im Iran
Die Rolle Pahlavis ist für Europa doppelt relevant: Zum einen symbolisiert er den wachsenden innenpolitischen Druck auf das iranische Regime und die Hoffnung vieler Demonstrierender auf Veränderung. Zum anderen wirft seine Präsenz Fragen auf, wie westliche Demokratien mit Oppositionellen außerhalb klassischer diplomatischer Strukturen umgehen sollten.
Einige europäische Politiker warnen weiterhin vor einem angeblich drohenden chaotischen Machtvakuum in Iran. Andere betonen, Europas Unterstützung für Menschenrechte und demokratische Entwicklung im Iran sei nicht nur moralisch geboten, sondern strategisch klug. Trump hingegen ist klar: Er schert sich nicht um den Rest der Welt und schlägt einfach zu. Europa ist entsetzt und staunt – mehr passiert nicht.
Für Europa bleibt das oben bereits beschriebene Dilemma: Einerseits steht die EU in der Kritik, den Iran zu sehr zu „beschwichtigen“, statt das Volk zu unterstützen. Das hatte auch Pahlavi selbst beklagt, als die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock im Frühjahr 2025 seine Teilnahme an der Münchner Sicherheitskonferenz nach anfänglicher Zusage blockierte. Andererseits wollen viele europäische Staats- und Regierungschefs eine Eskalation vermeiden, die in einem iranischen Machtvakuum oder Bürgerkrieg enden könnte.
Am Beginn des Jahres 2026 zeigt sich also, wie sehr Europas geopolitische Lage mit den Entwicklungen im Iran und in Venezuela verflochten ist. Die strategische Kooperation zwischen Russland, China, dem Iran und bislang Venezuela ist eine erhebliche Herausforderung für die europäische Sicherheitsordnung. Sie verlängert womöglich die Dynamik des Ukraine-Krieges und entflammt erneut die Frage von Rüstungsexporten und Sanktionen.
Ist nun nachhaltiger Wandel nah? Kann Europa den Lauf der Dinge überhaupt beeinflussen? Die Antwort auf diese Frage hängt nicht zuletzt davon ab, wie Europa und die internationale Gemeinschaft künftig zwischen Machtpolitik, Mensch, Menschenrecht und strategischer Perspektive navigieren werden. Nie wurde deutlicher, dass die Machtgeflechte der Welt dieser Tage alle miteinander verwoben sind.