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WAS MACHT EIGENTLICH...

1978: Amanda Lear  auf ihrem schillernden Höhepunkt als Disco-Queen
Foto: picture alliance / DALLE APRF

Amanda Lear?

Sie war das It-Girl der 60er-Jahre, war Geliebte von Rockstars, Salvador Dalís Muse, Disco-Queen in den 70ern, TV-Moderatorin, Schauspielerin und Model. Heute malt sie Bilder und stellt sie in Galerien aus. Jetzt hat sie mit „Looking Back“ ein Musikalbum aufgenommen.

Amanda Lear hat um ihre Herkunft immer ein großes Geheimnis gemacht. Ist sie im Jahr 1939 oder 1941 auf die Welt gekommen? Oder doch 1946 oder erst 1950? Und war das in Saigon, in Hongkong oder in Hanoi? Lautet ihr wirklicher Name Alain Maurice Louis René Tap(p)? Wurde sie vielleicht ursprünglich als Junge geboren? Und erst später zur Frau? War ihre Mutter Russin und ihr Vater ein britischer Seemann? All diese Gerüchte hat Amanda Lear höchstwahrscheinlich selbst in Umlauf gebracht, um sich interessant zu machen. Und es hat bestens funktioniert. Sie war in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren eine der schillerndsten Figuren im internationalen Jet-Set. „Dabei war alles doch nur ein Spiel“, wie sie später betonte. „Ich habe das ganze Drum und Dran nie so richtig ernst genommen. Das Meiste von dem, was damals über mich verbreitet wurde, waren Erfindungen von meiner Plattenfirma, meinem Agenten oder mir selbst. Allerdings fand ich die Nummer, ich sei angeblich als Mann geboren, dann doch etwas zu krass. Aber auch dieses völlig haltlose Gerücht hat meinem Image nicht geschadet. Im Gegenteil: Ich wurde als androgyne, etwas verruchte Person ja eigentlich nur noch interessanter.“ 

Durch ihre sehr freizügige Art, mit diesem Image umzugehen, mauserte sich Amanda Lear zur Kultfigur innerhalb der Transgender-Community.

„Ich wurde immer interessanter“

Der surrealistische Maler Salvador Dalí attestierte Amanda Lear, sie habe „einen wunderschönen Totenkopf und ein fabelhaftes Skelett“. Mit diesem Kompliment war der spanische Exzentriker allerdings ziemlich allein auf weiter Flur. Der Rest der Welt war hin und weg von ihrer Schönheit, ihrem lasziven Sexappeal und den Auftritten als häufig nur sehr leicht bekleidetes Model. Schon bald schmückte sie die Titelseiten von Hochglanzmagazinen und stolzierte auf dem Catwalk für glamouröse Haute-Couture-Labels. Sie ließ sich in sphinxhafter Aura von Fotografen ablichten und trat 1968 in Charles Wilps legendärem Werbespot im „Afri-Cola-Rausch“ an der Seite von Donna Summer und Marsha Hunt auf. Ein Clip wie ein LSD-Trip. Auf dem Cover der Roxy-Music-LP „For Your Pleasure“ (1973) posierte sie in High-Heels und nachtblau schimmerndem Lederkleid – und führte einen lebenden Panther an der Leine. Sie hatte heiße Affären mit Rockstars wie Bryan Ferry, Mick Jagger, Brian Jones und David Bowie. Sie war mit Künstlern wie Andy Warhol und Helmut Newton befreundet, wurde von ihnen hofiert und stilisierte sich mit cooler Grazie zur Pop-Ikone mit Goldrand.

Vor Kurzem veröffentlichte sie ein neues Musikalbum mit dem Titel „Looking Back“
Vor Kurzem veröffentlichte sie ein neues Musikalbum mit dem Titel „Looking Back“ - Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Ihre Sternstunde schlug dann Mitte der 70er-Jahre als Sängerin von Disco-Songs. In den folgenden Jahren wurde sie mit Hits wie „Blood and Honey“, „Queen of China-Town“, „Follow Me“ und „The Sphinx“ – die sie mit ihrer verführerischen, kehligen Rauchglas-Stimme ins Mikrofon hauchte – die Disco-Queen par excellence. Zu dieser Zeit verkaufte sie insgesamt 27 Millionen Tonträger. 

In den 90er-Jahren trat Amanda Lear nur sehr sporadisch in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Sie lebte mit ihrem Ehemann, dem Schauspieler und Kunstsammler Alain-Philippe Malagnac d’Argens de Villèle, den sie bereits 1979 in zweiter Ehe geheiratet hatte, in Südfrankreich und widmete sich wieder verstärkt der Malerei. Die Ehe endete im Jahr 2000 mit einer Tragödie: Malagnac starb bei einem Brand in ihrem gemeinsamen Haus in Saint-Étienne-du-Grès unter ungeklärten Begleitumständen. Man munkelte sogleich, er habe sich selbst das Leben genommen. „Er war die Liebe meines Lebens“, gestand Amanda Lear in der Talkshow von Reinhold Beckmann. „Ich habe lange um ihn getrauert.“ Im Jahr 2001 veröffentlichte sie dann ihr Album „Heart“, das sie ihrem verstorbenen Mann widmete.

Entwickelt sich kreativ weiter

In den Nuller- und Zehnerjahren spielte Amanda Lear vor allem Theater, war aber auch in Filmen und TV-Serien zu sehen. Sie zog sich peu à peu auf ihr Anwesen bei Avignon zurück. „Ich nahm nicht einmal mehr die vielen Einladungen zu Fashion-Events an, die man mir noch jahrelang zuschickte. Irgendwann hatte ich das Interesse daran völlig verloren. Stattdessen verbrachte ich meine Tage lieber mit dem Malen und dem Pressen von meinem eigenen Olivenöl“, meint sie mit einem Lächeln. „Mir wird eben schnell langweilig. Deshalb ist es für mich sehr wichtig, dass ich mich – auch in meinem fortgeschrittenen Alter – kreativ weiterentwickle. Außerdem will ich mich ab und zu auch noch selbst überraschen.“

Im Herbst dieses Jahres hat sich Amanda Lear nicht nur selbst überrascht, sondern auch ihre noch sehr zahlreichen Fans: Sie veröffentlichte ein neues Musikalbum mit dem Titel „Looking Back“. Es ist eine Art Lebensbilanz geworden. Sie mischt darin Chansons, Lounge- und Dance-Musik sowie Blues und Pop auf sehr ansprechende Weise. In ihren selbstgeschriebenen Texten lässt sie auch noch einmal ihre überaus facettenreiche Glitzer-Karriere Revue passieren, zum Beispiel mit dem Song „When I Was Your Favourite Singer“. Das schönste Lied auf diesem Album ist aber wohl das bittersüße „Amour(s)“, in dem es um die Flüchtigkeit aller Gefühle und Beziehungen geht. Zu dieser LP hat sie auch das Cover selbst gemalt. Es ist ein Selbstporträt in Blau und zeigt eine ganz jugendliche Amanda Lear, die uns sanft lächelnd ansieht. Ein feiner Kontrast zu ihren Videoauftritten, anhand derer sie „Looking Back“ auch im Internet promotet. Denn darin präsentiert sie sich immer noch gerne als sündig-sinnliche Entertainerin – nun allerdings wunderbar abgeklärt und mit einem Augenzwinkern. Deshalb glaubt man ihr auch aufs Wort, wenn sie singt: „Und wenn der Vorhang fällt, werde ich weiterhin durch die Dunkelheit strahlen.“ 

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