Beim Wohnungsbau geht es weiterhin nicht entscheidend voran. Im Gegenteil: Die Neubau-Fertigstellungen liegen unter denen vor einem Jahr. Die Gründe dafür sind vielfältig und die Politik ist nicht ganz unschuldig, so die Baubranche.
In vielen deutschen Städten gibt es seit zwei, drei Jahren ein Phänomen, das sich viele Anwohner nur schwer erklären können. Bauzäune werden aufgestellt, und ein altes Haus, meist aus der Nachkriegszeit, wird abgerissen. Nach einigen Tagen wird dann teilweise noch eine Baugrube ausgehoben, womöglich sogar ein Schild mit der Ankündigung vom anstehenden Wohnungsbau aufgestellt. Dann passiert über Monate oder Jahre gar nichts mehr. Anstelle eines Hauses umzäunte Brache mit vielleicht einer Baugrube, im Winter vollgelaufen mit Regenwasser.
Verlassene Baugruben
Die Vermutung, dem Bauherrn könnte da bereits nach der Baulandfertigstellung das Geld ausgegangen sein, trifft in vielen Fällen so nicht zu. „Da gerade in den innerstädtischen Bereichen wegen der hohen Grundstückspreise kaum Einzelinvestoren in der Lage sind, das zu finanzieren, sind es Kapitalgesellschaften, die solches Bauland überhaupt aufkaufen können“, erläutert „Bau-Papst“ Prof. Dietmar Walberg den Sachverhalt. Diese würden ohnehin von den zuständigen Baubehörden bevorzugt, um sicherzugehen, dass eben nicht über Jahre solche innerstädtischen Brachen entstehen, weil das Geld ausgegangen ist. „Ein Trugschluss“, so der Leiter des schleswig-holsteinischen Bauforschungsinstituts ARGE in Kiel.
„Wegen der Baukosten-Explosion in den vergangenen fünf Jahren lohnt es sich nicht, jetzt tatsächlich mit dem Bau zu beginnen, da die Erstellungspreise von mittlerweile über 5.000 Euro pro Quadratmeter nicht mit bezahlbaren Mieten zu realisieren sind“, so Walberg. Anstelle dessen wird das ganze Projekt noch mal überdacht, aus Miet- werden dann im Zweifel Eigentumswohnungen und Handelsflächen. Dann geht das Genehmigungsverfahren wieder von vorne los. „Durch die Baulandfertigstellung haben sich die Investoren mehr oder weniger das Grundstück gesichert“, so Walberg. An den extrem gestiegenen Gesamtkosten ist nicht nur die hohe Inflation von 2022 bis 2024 schuld, die die Baumaterialen verteuert hat. „Dazu kommen die angeglichenen Tariflöhne, was ja absolut berechtig ist, die Erhöhung des Mindestlohns.“
Das alles wäre noch zu verkraften, wenn da nicht die Normen für Wärme- und Trittschalldämmung und Klimaschutz wären. Die Hoffnung vom letzten Sommer, dass die neue Bauministerin Verena Hubertz (SPD) nun schnell die „Normenflut“, so die Bauindustrie in einem Brandbrief, eindämmen würde, hat sich nicht erfüllt. „Da ist nicht eine einzige Norm seit ihrem Amtsantritt zurückgenommen worden, da ist gar nichts passiert“, klagt Walberg.
Weniger Fördergelder
Nun könnte es im kommenden Jahr noch schlimmer für den Wohnungsbau kommen. 2027 sollen allein für den Neubau knapp 1,4 Milliarden weniger an Fördergeldern zur Verfügung stehen als dieses Jahr. „Das treffe den ohnehin schwer angeschlagenen Wohnungsneubau enorm und werde ihm einen weiteren, gewaltigen Dämpfer versetzen“, heißt es in dem erwähnten Brandbrief des Verbändebündnisses Wohnungsbau an die Bundesregierung. Dabei würde die „Ad-hoc-Kürzung“ der Bundesregierung bei der Wohnungsbau-Förderung nicht nur laufende Bauvorhaben treffen. Die Neuprojektierung im Wohnungsbau würde damit „zum Erliegen kommen“. Ein Großteil der bereits jetzt avisierten Vorhaben werde vermutlich ganz begraben und die Baugenehmigungen „verschwinden in den Schubladen“, so das Wohnungsbau-Bündnis. „Da hilft es uns allen wenig, wenn es laut Baumonitor 2026 zwar im Tief- oder Straßenbau wieder ein bisschen aufwärts geht, wenn der ohnehin geringe Wohnungsbau im kommenden Jahr komplett abgewürgt wird.“ Dietmar Walberg warnt dabei auch vor dem sozialen Sprengstoff, den die sich verstetigende Wohnungsnot in sich birgt.