Sie gilt als trockenste Wüste der Welt: die Atacama im Norden Chiles. Die Bewohner dort kämpfen mit Wassermangel und Touristenmengen – und doch zaubert das wenige Wasser erstaunliche Naturschauspiele in die Landschaft.
Schon im Landeanflug auf Calama, der 150.000 Einwohner- Bezirksstadt der Region, sieht man, was die Reisenden erwartet: endlose Wüstenlandschaften, die sich hoch und bergig bis flach in den Horizont erstrecken und im Abendlicht mal rötlich-braun, mal grau-weiß erstrahlen. Hier, in den Anden, rund zwei Stunden Flugreise nördlich von Santiago de Chile, soll man sich also mehrere Tage aufhalten? Und ob. Es gibt viel zu entdecken hier.
San Pedro de Atacama ist der Geburtsort des Atacama-Volkes, das bereits vor 11.000 Jahren in dieser Region eine ganz eigene Kultur entwickelt hat. Dieses Volk hat sich über das Hochland und die Atacama-Wüste verteilt und sich vor allem in der Oase San Pedro niedergelassen. In diesem Gebiet entwickelte man die Landwirtschaft, die mithilfe eines Terrassensystems an den Berghängen gebaut wurde. Die Menschen ernteten Quinoa, Feigen, Kürbisse, Mais, Baumwolle, Bohnen und Kartoffeln, und weitere Gemüsesorten. Sie widmeten sich auch der Viehzucht und züchteten Alpakas und Lamas. Eine weitere Besonderheit war die Entwicklung von bemalten Töpferwaren, Korbflechterei, Weberei, Holzschnitzerei und Arbeiten mit Bronze und Kupfer.
All das ist erstaunlich, gilt doch Atacama als die trockenste Wüste der Welt. Sie erstreckt sich über 1.200 Kilometer von Chile bis nach Bolivien und Peru und hat, je nach genauer Lage, im Jahresmittel etwa 0,5 bis vier Zentimeter Niederschlag. Nachforschungen von Klimawissenschaftlern wollen ergeben haben, dass es 400 Jahre lang, zwischen 1570 und 1970 so gut wie gar keinen Niederschlag gegeben haben soll.
Zwei Stunden Lang pausenloser Regen
Und doch gibt es zartes Leben hier in der Wüste. Wie zum Beweis, dass das Wetter auch anders kann, ziehen am ersten Abend der Reise dunkle Wolken auf, und es regnet zwei Stunden lang wie aus Kübeln. Der Wolkenbruch setzt den kleinen Ort San Pedro de Atacama, Ausgangspunkt aller touristischen Touren hier, knöcheltief unter Wasser. Noch Tage danach stehen die Pfützen in den Straßen. Und das soll der trockenste Ort der Welt sein? „Das war eine große Ausnahme, wir freuen uns darüber“, sagt Tabea, eine Brasilianerin, die vor Jahren in den Ort kam und ein kleines Hotel und eine Tour-Agentur betreibt. „Das Wasser ist immer ein Problem, deswegen weisen wir die Touristen auch stets darauf hin, dass sie sparsam damit umgehen sollen. Das Wasser kommt hier aus sechs bis sieben unterirdischen Quellen, die wir anzapfen. Daneben gibt es aber auch noch zwei kleine Flüsse, die das Wasser herableiten, das aus den Kordilleren herunterströmt. Das kann man nicht trinken, aber es reicht für andere Zwecke. Wenn es lange nicht regnet, schmerzt uns das sehr.“
Im Ort San Pedro ist es sofort zu spüren: Atacama ist eine der touristischsten Regionen Chiles. Schon 2019, dem letzten Jahr vor der Pandemie, kamen über 200.000 Touristen, im letzten Jahr ist die Zahl noch mal angestiegen. Der Tourismus ist neben der Landwirtschaft die Haupteinnahmequelle der Menschen, und ist Fluch und Segen zugleich.
Das Problem derzeit: Chile hat, nicht nur hier oben im Norden, einen außergewöhnlich trockenen Sommer hinter sich. Das Wasser, das sonst nach dem südamerikanischen Winter aus den Bergen herabströmt, war dieses Jahr so spärlich, dass sich die chilenische Landwirtschaft ernsthaft Sorgen machen muss, gerade um durstige Pflanzen, wie die Avocado, die man hier „Palta“ nennt. Und selbst die Weinbauern, die eigentlich nicht so viel Wasser brauchen, sehen einem eher schwierigen Jahrgang entgegen.
Landwirte in Sorge wegen Dürre
Doch zurück in die Wüste: Von San Pedro de Atacama, ein Ort fast nur mit ebenerdigen Adobe-Lehmziegel-Häusern, kann man eine ganze Reihe von Touren unternehmen. Dutzende von Agenturen balgen sich um jene Touristen, die noch nicht vorab gebucht haben, und auf Abenteuer in der Wüste aus sind. Besonders beeindruckend ist jene in die Hochebene, es geht rauf auf 3.500 bis 4.500 Meter. Hier oben ist das Wechselspiel der Farben von Rotbraun über Weiß der Salzkristalle bis zum Grau der mondartigen Landschaften besonders beeindruckend. Tour-Guide Alberto erklärt, dass sich die Salzseen, die Lagunen vor Millionen von Jahren gebildet haben. Besonders schön ist jener in Aguas Calientes, der See hat „warme Wasser“ von circa zehn bis 15 Grad. Für einen Bergsee so weit oben ist das viel. Hier in der Nähe wurde schon im 19. Jahrhundert Salpeter abgebaut, wichtig als Düngemittel, aber auch für Waffen und Sprengstoff. Salpeter war so wichtig, dass mit Peru und Bolivien sogar Kriege darum geführt wurden. Als im Ersten Weltkrieg Großbritannien zeitweise sämtliche Exporte nach Deutschland über den Seeweg blockierte, suchten deutsche Forscher nach einer Alternative – und erfanden schon bald einen Ersatzstoff. Düngemittel konnten nun für einen Bruchteil der bisherigen Kosten hergestellt werden. Der Salpeter war mit einem Mal völlig obsolet als Exportgut.
Atacama ist ebenfalls bekannt für seine Lagunen, die nicht sonderlich groß, dafür von außergewöhnlicher Schönheit sind. Das helle Blau der Lagunen vermischt sich mit den umliegenden Salzkristallen und den hellbraunen Bergen der Anden zu einem einzigartigen Panorama. Die Laguna Cejar liegt ungefähr 15 Kilometer südlich von San Pedro de Atacama auf 2.300 Meter Höhe. Hier kommen Touristen auf ihre Kosten, die etwas entspannen wollen: Dank 40 Prozent Salzgehalt geht niemand unter, und jene, die das „Floaten“ lieben, tun das hier ausgiebig. Die Salzkonzentration ist hier noch mal zehn Prozent höher als im Toten Meer in Israel – allerdings hat auch die Cejar-Lagune mit demselben Problem zu kämpfen wie im Nahen Osten: Das Wasser droht durch den Klimawandel zu verschwinden – das Salz nimmt sich immer mehr von der Flüssigkeit. Doch das tut der Begeisterung der Besucher keinen Abbruch.
„Floaten“ in der Laguna Cejar
Eine andere Tour führt, frühmorgens schon gegen fünf Uhr, zu den „Tatio- Geysiren“. Sie liegen auf 4.000 Meter Höhe, und wenn die Touristen morgens aus den Kleinbussen aussteigen, müssen sie nicht selten erst mal tief ein- und ausatmen. Die Luft ist klar, aber dünn. Da müssen manche sich erst mal einige Minuten akklimatisieren. Wer gigantisch hohe Fontänen wie in Island erwartet, wird allerdings enttäuscht werden: Die Fontänen sprudeln hier deutlich kleiner, und sind vor allem nicht so hoch. Dennoch wimmelt es bereits bei Sonnenaufgang von rund einem Dutzend kleinen Tourbussen, die das Wasserspektakel beobachten wollen. „Wir müssen noch im Dunkeln aufbrechen, denn selbst hier oben wird es über Tag recht warm, und je höher die Temperaturen, desto mehr verdampfen die Wasserfontänen. In der Mittags- und Nachmittagshitze würde man hier kaum etwas sehen“, erklärt Guide Ronaldo, der hier fast täglich seine überwiegend aus Brasilien und den USA stammenden Gäste hinführt. Zugegeben sind die Fontänen etwas spärlich, jedoch lohnt das frühe Aufstehen, denn der Blick über die Hochebene ist gerade zu so früher Stunde spektakulär. Je weiter der Tag voranschreitet, erhebt sich die Sonne immer mehr und lässt selbst hier oben das Thermometer auf über 20 Grad ansteigen. Eine Jacke und ein Pullover sind für den Morgenausflug jedoch Pflicht.
Die Atacama-Wüste – das ist seit Jahrhunderten ein Spiel mit der Natur – jeder kleinere und größere Ort wurde der Landschaft abgetrotzt, kleine Bäche wurden nutzbar gemacht, Wasser aus den Bergen aufgefangen, Beete für eine bescheidene Landwirtschaft angelegt. Der Tourismus läuft in dieser aufregenden Landschaft fast das ganze Jahr über – und langsam kommt die Infrastruktur an ihre Grenzen. „Wir haben hier fast so viele Touristen, wie vor der Pandemie“, sagt Tabea, die Hotel-Betreiberin, „wir kommen schon klar, und freuen uns über die Touristen, aber noch mehr brächten uns an unsere Grenzen. Nicht nur, aber auch wegen des Wassers“.