„Father Mother Sister Brother“ wurde bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Nun kommt der neue Film von Regie-Ikone Jim Jarmusch in die deutschen Kinos und beschert Einblicke in drei Familiengeschichten.
Jim Jarmusch hat wieder eine Party gefeiert. Eine eher ruhige diesmal. Keines dieser wilden Regie-Feste wie etwa mit seinem letzten großen Film „The Dead Don’t Die“. Jim Jarmusch schickt uns 110 Minuten lang ins Familienleben anderer.
Drei Geschichten erzählt der Mann, der zu Recht als Kult-Regisseur gilt, diesmal: Sie kreisen um die Beziehungen erwachsener Kinder zu ihren Eltern und untereinander. Jedes der drei Kapitel spielt in der Gegenwart, jedes in einem anderen Land: „Father“ ist im Nordosten der USA angesiedelt, „Mother“ in Dublin und „Sister Brother“ in Paris. „Es ist eine Reihe von Charakterstudien, ruhig, beobachtend und ohne Wertung – und zugleich eine Komödie, durchzogen von feinen Fäden der Melancholie“, beschreibt der Weltkino-Filmverleih das Werk.
Kleine Details perfekt platziert
Jim Jarmusch selbst beschreibt „Father Mother Sister Brother“ so: „Es ist eine Art Anti-Actionfilm; sein subtiler und ruhiger Stil ist sorgfältig aufgebaut, um kleinen Details Raum zu geben, sich zu entfalten – fast so, als würden Blumen behutsam in drei zarten Arrangements platziert. Die Zusammenarbeit mit den meisterhaften Kameraleuten Frederick Elmes und Yorick Le Saux, dem brillanten Editor Affonso Gonçalves sowie weiteren regelmäßigen Weggefährten erhebt das, was mit Worten auf einer Seite begann, zu einer Form von reinem Kino.“
Zu den kleinen Details, von denen Jim Jarmusch spricht, gehört eine Rolex, die in jeder der drei Geschichten am Handgelenk eines Protagonisten oder einer Protagonistin hängt. Es sind drei Skater, die auf einer amerikanischen Landstraße, in Paris und in Dublin durchs Bild rollen. Es sind Gespräche über Wasser. Und in allen drei Geschichten fällt irgendwann die Redewendung „Fertig ist die Laube“.
„Father Mother Sister Brother“ ist also kein Blockbuster-Popcorn-Kino. Wer die stille Wucht dieses Films genießen will, sollte sich nicht ablenken lassen. Volle Aufmerksamkeit – die Besetzung dieses Films macht es dem Publikum da einfach. Tom Waits verkörpert den Vater, der in der nordamerikanischen Abgeschiedenheit lebt und ein Geheimnis hat, um das sein Sohn (Adam Driver) und seine Tochter (Mayim Bialik) bei einem ihrer sehr seltenen Besuche nur herumstolpern.
Tom Waits ist die wohl überraschendste Besetzung in diesem Film. Als Schauspieler wirkte er bereits in Serien und über 20 Filmen mit und arbeitete dabei mit namhaften Autorenfilmern wie Terry Gilliam, Francis Ford Coppola, Hector Babenco, Martin McDonagh und Robert Altman zusammen. Bekannt und gefeiert wurde er bisher auch als Singer-Songwriter, Performer, Komponist, Film- und Theaterschauspieler sowie als Dichter. Neben seiner unverwechselbaren Stimme zeichnen sich Waits’ mehr als 20 Alben durch außergewöhnliche Orchestrierungen und Arrangements aus, die traditionelle europäische und amerikanische Musikformen auf unkonventionelle Weise miteinander verbinden.
Bewährtes Stammpersonal
Mit Jim Jarmusch arbeitete er 1986 zusammen. In „Down by Law“ spielte er Zack, einen Radio-DJ, der gerade wieder einen Job hingeschmissen hat und sich nach einem heftigen Streit von seiner Freundin trennt. Adam Driver gehört dagegen fast schon zum Stammpersonal von Jim Jarmusch. In „Paterson“ (2016) hat er die Hauptrolle gespielt, in „The Dead Don’t Die“ (2019) saß er als Deputy-Sheriff neben Bill Murray im Streifenwagen. Zuletzt hat er in Francis Ford Coppolas „Megalopolis“ und in Michael Manns „Ferrari“ geglänzt. Für seine Rollen in Noah Baumbachs „Marriage Story“ und Spike Lees „BlacKkKlansman“ wurde er für den Oscar nominiert. Einem breiten Publikum wurde er in seiner Rolle als Kylo Ren in der Star-Wars-Sequel-Trilogie bekannt. Mayim Bialik ist vor allem bekannt für ihre Hauptrolle als Blossom Russo in der NBC-Sitcom „Blossom“ aus den frühen 90er-Jahren und für die Rolle der Amy Farrah Fowler in der gefeierten CBS-Serie „The Big Bang Theory“.
Die Mutter in der zweiten Geschichte wird von Charlotte Rampling verkörpert. Sie ist Anfang Februar 80 geworden – und niemand könnte wohl besser die Unnahbare spielen. Cate Blanchett und Vicky Krieps schlüpfen in die Rolle ihrer Töchter, die einmal im Jahr zum rituellen Nachmittagstee antanzen.
Indya Moore und Luka Sabbat, die beiden Unbekanntesten in der Besetzungsliste, erforschen die Untiefen der Ehe ihrer Eltern in „Sister Brother“. Auch Luka Sabbat hat bereits mit Jim Jarmusch gearbeitet – ebenfalls in „The Dead Don’t Die“.
Skater, Rolex, schwierige Familienverhältnisse, irgendwas mit Wasser – fertig ist die Laube. Das war den 82. Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen wert. Darf man darauf mit Tee anstoßen? „Father Mother Sister Brother“ beantwortet solche Fragen in aller Ruhe.