FORUM-Autor Andreas Burkhardt war mit dem Schiff unterwegs, um Spitzbergen zu umrunden. Ein Bericht von unerwarteten Schwierigkeiten mit Treibeis und einer glücklichen Landung auf Jan Mayen.
Pah, von wegen Klimawandel und eisfreies Polarmeer!“, bemerkt Dr. Lutz trotzig, während wir auf dem windigen Vorschiff stehen, eingehüllt in rot-gelbe Outdoor-Jäckchen des Tourunternehmers, die Augen geradeaus gerichtet, nordwärts, suchend das Unbekannte, Unerreichte, suchend die Gefahr, sofern dieses Wort in unseren aufgeklärten Zeiten überhaupt noch vertretbar ist. Aber da ist nichts am Horizont, was hoffen lässt. „Erinnert doch alles“, fügt Dr. Lutz wissend hinzu, „an gute alte Seefahrergeschichten: Packeis, so weit das Auge reicht, nirgends eine Durchfahrt!“ Seit Tagen quält sich unser Schiff, die „MS Fram“, durch die Passagen. „Very close drift ice“, sehr dichtes Treibeis – so hatte es auch die Arktis-Wetterkarte im Bugraum prognostiziert. Schließlich zieht auch noch, wir sind rund zehn Seemeilen von der alten Walfangstation Smerenburg entfernt, Nebel auf. Kapitän Ole Johan Andreassen muss eine Entscheidung treffen. Die wird nicht jedem Passagier schmecken. Einige sind weit gereist, kommen aus Australien und Neuseeland. Und alle haben sehr viel Geld hingelegt für diese Reise durch „Arktische Inselwelten“. Auf der Brücke der „Fram“ gibt Andreassen das Kommando zum Abdrehen. Die Sicherheit hat oberste Priorität: „Neuer Kurs“, erschallt es durch die Lautsprecher, „Südost, nach Sør-Spitsbergen, von dort, sofern es das Eismeer zulässt, nach Edgeøya.“ Ende der Durchsage. Und Ende des Frohsinns.
Abgelegene Wetterstation
Es ist diesen Sommer wirklich wie verhext. Das Eis hat den Norden Spitzbergens, und das gab es in den Vorjahren nie, fest im Griff. Die Umrundung des so ungeheuer mächtigen norwegischen Insel-Archipels wird nicht stattfinden. Das sind die Risiken einer „Expeditionsreise“, gegen die Launen der Natur gibt es keine Garantie. Nicht einmal den berüchtigten 80. Grad nördlicher Breite werden wir, was vier Jahre zuvor mit der „Nordstjernen“, einem anderen Hurtigrutenschiff, noch mühelos gelang, erreichen. Nicht die Walrossinsel Moffen, nicht das trostlos-imposante Gråhuken am Woodfjorden, über das der Schriftsteller Manfred Hausmann schrieb: „Diese Küsten kennen kein Erbarmen.“ Nicht die schwer zu befahrende Hinlopenstreet sehen. Auch nicht das legendäre Nordaustlandet. Legendär auch wegen „Haudegen“, einer abgelegenen deutschen Wetterstation der Wehrmacht, deren Männer hier noch bis September 1945 ausharrten und Krieg spielten, nicht wissend, dass der Krieg schon vier Monate vorbei war.
Spitzbergen, norwegisch Svalbard (= kühle Küste), ist ein Naturschauspiel. Es steckt voller Überraschungen und Widrigkeiten. Und gerade diese Widrigkeiten machen die Inselgruppe im Nordatlantik so spannend. Überall die Gefahr von Eisbären. Einfach mal so in der Wildnis wandern gehen? Keine gute Idee. „Selfies mit Eisbären sind verboten!“, lautet ein Running Gag. Mit Gewehren ausgerüstete Guides als Begleiter sind Pflicht. Auch bei Kajaktouren im Isfjord. Oder man besitzt selbst einen Waffenschein. Nur in der Inselhauptstadt Longyearbyen lässt sich frei spazierengehen, wenngleich sich auch hierhin gelegentlich Eisbären verirren. Die Gefahr ist real, kein Reisender sollte das auf die leichte Schulter nehmen.
Magische Landschaft durch die Nordlichter
Die Eis- und Gletscherlandschaft Spitzbergens gehört zum Magischsten in der Polarregion, vor allem in den Monaten der Nordlichter. Wer sie zu Lande erkunden möchte, kann in Longyearbyen eine der vielen Exkursionen buchen. Beliebte Ziele sind die russische Bergarbeitersiedlung Barentsburg und die Geisterstadt Pyramiden. Oder die nur per Schiff erreichbare Forschungsstation Ny Ålesund, von wo aus Roald Amundsen mit dem Luftschiff „Norge“ 1926 als Erster erfolgreich zum Nordpol startete. Der Ankermast der „Norge“ überragt noch heute wie ein Mahnmal die geschichtsträchtige Siedlung. Ferner werden Snowmobiltouren an die Ostküste und diverse Schlittenhundtouren angeboten. Alles hat seinen Preis. Billig gibt es auf Spitzbergen nicht. Aber beim Kalkulieren der hohen Reisekosten sollte man sich am besten selber austricksen. Eine autosuggestive Frage hilft dabei: Wie wäre ich vor 1975 – und damit vor Eröffnung des Flughafens nahe Longyearbyen – nach Spitzbergen gekommen? Nur per Schiff. Und in der Regel nur als Teilnehmer einer Expedition. Keine Frage, das war extrem aufwändig und kostspielig. Und nur wenigen Erlauchten vorbehalten.
Nur per Schiff gelang auch eine furchtlose Frau nach Spitzbergen. Ihr Name: Christiane Ritter. Mit einem deutschen Ozeanriesen von Hamburg bis Ny Ålesund, von Ny Ålesund mit dem Passagierdampfer „Lyngen“ bis zum Woodfjorden. Man wüsste von der Wienerin wenig bis nichts, hätte sie nicht ein Buch über ihre Überwinterung geschrieben: „Eine Frau erlebt die Polarnacht“. Im Sommer 1934 folgte Ritter ihrem Mann, dem Abenteurer Hermann Ritter, ins ewige Eis. Hermann Ritter vegetierte in „Gråhuken“ in einer spärlichen Hütte mit dem jungen Norweger Karl. Beide Männer lebten von der Jagd auf Eisbären, Polarfüchse, Möwen, Schneehühner. Christiane kam dazu, versah Hausfrauendienste, zeichnete, wehrte, auf sich allein gestellt, Eisbärenbesuche ab, trotzte der Einsamkeit und der Finsternis, hielt das Erlebte im Tagebuch fest, während die Männer in der gottverlassenen Einöde bei -35° Celsius tagelang unterwegs waren, um das Gewehr in Stellung zu bringen. 2017 gelang es mir, Christianes Tochter Karin in Wien ausfindig zu machen und zu besuchen. Wir sichteten seltenes Material, ich schrieb akribisch mit. Christiane Ritter war stolz auf ihren Bucherfolg, sie sammelte Rezension um Rezension ihres Bestsellers, blieb im Austausch mit ihren Lesern. Die Arktis-Pionierin starb, hochbetagt, 2000 in Wien.
Kapitän Andreassen versucht sein Bestes, erreicht mit der „Fram“ im Osten Spitzbergens den gigantischen Negribeen-Gletscher, um auch dort an Grenzen zu stoßen. Erneut dichtes Treibeis! „Es besteht die Gefahr, vom Eis eingeschlossen zu werden“, warnt einer der Offiziere. Die „Fram“ wendet, fährt zurück. Anlanden mit Zodiacs (Schlauchbooten, Anm. d. Red.) in der Mohnbukta, wo wir Eisbären sichten – endlich, es ist mein dritter Aufenthalt auf Spitzbergen, gelingen Fotos aus relativer Nähe. Dann eine geplante zweite Kajaktour, die wegen „schlechtem Wetter“ abgeblasen wird, dabei regnet es nur. Zuweilen erinnert die „Expeditionsreise“ an eine Kaffeefahrt mit Erregungseinheiten. Die meisten Passagiere sind weit über 60. Wir nehmen Platz in der Nähe der Bar. Wir schauen durch die Panoramafenster und kehren Spitzbergen den Rücken. Was ist nur aus unseren Abenteuern geworden? Heute schippert man durch die unwirtliche Polarwelt im Ohrensessel, gemütlich mit einem Drink in der Hand. Früher hat man sich diese Breiten erarbeiten müssen, im Schweiße des Angesichts. Und der Tod war ein ständiger Begleiter.
Ein 2.000 Meter hoher und aktiver Vulkan
Neue Etappe: die norwegische Insel Jan Mayen, 246 Seemeilen östlich von Grönland, Wetter- und Militärstation, läppische 18 Einwohner. Dort anzulanden, das wär’s! Der Kapitän ist verhalten optimistisch: „Ich fahre seit 2012 unregelmäßig an Jan Mayen vorbei, unregelmäßig, weil es nicht immer zum Programm gehört. Wir konnten seit dieser Zeit nur zweimal anlanden. Es ist ein großes Glück.“ Jan Mayen mit dem 2.277 Meter hohen aktiven Vulkan Beerenberg (auch: Bärenberg) ist sturmumtost und bietet Schiffen kaum Schutz.
Nach zwei Tagen auf See tauchen Buckelwale in stattlicher Zahl neben und vor dem Schiff auf. Und am Horizont schält sich für Augenblicke eine Silhouette aus dem Nebel. Es ist der mächtige Kratergipfel des Beerenbergs. Die Maschine stoppt. Tenderboote werden zu Wasser gelassen. Endlich Glück, obwohl die Wolken tief hängen! Wir können anlanden auf Jan Mayen. Zur Feier des Tages nehmen wir ein Bad im Nordmeer, am Lavastrand der kargen Insel. Bei sportlichen 4,5° Celsius Wassertemperatur.