Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit man Lebensmittel als Bio-Produkte bezeichnen darf? Und bei welchen Lebensmitteln sollte man ganz besonders auf Bio-Qualität achten? Leon Mohr, Pressesprecher bei Bioland, hat uns diese Fragen und viele mehr beantwortet.
Herr Mohr, warum sollte man Bio-Produkte kaufen?
Bio-Lebensmittel stehen für eine Landwirtschaft, die Umwelt, Klima, Böden und Tiere schützt und damit unsere Lebensgrundlagen bewahrt. Beim Bio-Anbau wird beispielsweise auf chemisch-synthetische Pestizide und leicht lösliche mineralische Stickstoffdünger verzichtet. Das hilft dabei, Böden fruchtbar zu halten, Gewässer zu schützen und die Artenvielfalt zu fördern.
Außerdem ist die ökologische Landwirtschaft damit deutlich weniger abhängig von fossiler Energie. Denn diese wird in großen Mengen gebraucht, um Stickstoffdünger herzustellen. Der Ökolandbau setzt stattdessen auf Leguminosen wie Ackerbohnen, Erbsen, Klee und Luzerne. Sie binden mithilfe von Knöllchenbakterien Stickstoff direkt aus der Luft und stellen ihn dem Boden als natürlichen Dünger zur Verfügung.
Welche Kriterien müssen nach der EU-Öko-Verordnung generell erfüllt sein, damit man Lebensmittel als Bio-Produkte bezeichnen darf?
Die EU-Öko-Verordnung legt verbindliche Mindeststandards für Bio-Produkte fest, die dort detailliert geregelt sind. Dazu gehört unter anderem der Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide und mineralische Stickstoffdünger sowie der Ausschluss von Gentechnik in der Produktion. Außerdem ist der Einsatz von Zusatzstoffen stark eingeschränkt. Es sind nur rund 50 Stoffe zugelassen, während es in der konventionellen Lebensmittelproduktion etwa 300 sind. Auch die Tierhaltung ist klar geregelt und sieht mehr Platz, Auslauf und eine artgerechtere Haltung sowie Bio-Fütterung für Nutztiere vor. Zusätzlich müssen alle Betriebe mindestens einmal jährlich durch unabhängige, staatlich zugelassene Kontrollstellen überprüft werden. Nur wenn diese Anforderungen erfüllt sind, dürfen Lebensmittel als Bio gekennzeichnet und mit dem EU-Bio-Siegel vermarktet werden.
Die Richtlinien für Bioland-Produkte gehen, wie etwa auch bei Demeter oder Naturland, über die EU-Mindeststandards hinaus. Was bedeutet dies konkret?
Die Bio-Anbauverbände haben eigene Richtlinien entwickelt, die in vielen Bereichen strenger sind als die EU-Mindeststandards. Bei Bioland betrifft das beispielsweise Tierhaltung, Biodiversität, Pflanzenschutz und Verarbeitung. Bioland war zudem der erste Verband, der eine Biodiversitätsrichtlinie eingeführt hat, um zusätzliche Maßnahmen für den Artenschutz auf den Betrieben zu verankern.
Bioland-Höfe müssen als Gesamtbetrieb ökologisch wirtschaften. In der Tierhaltung gelten strengere Vorgaben für Platzangebot, Auslauf und Fütterung. Zusätzlich zur staatlichen Bio-Kontrolle gibt es bei Bioland und anderen Öko-Verbänden eine Tierwohlkontrolle, die ebenfalls einmal jährlich durchgeführt wird.
In der Verarbeitung von Bioland-Produkten sind noch weniger Zusatzstoffe erlaubt als nach EU-Bio-Recht: rund 20 zugelassene unbedenkliche Zusatzstoffe statt etwa 50. Und Bioland ist auf Deutschland und Südtirol beschränkt. Wer beim Einkauf Bio und Regionalität verbinden möchte, findet hier eine klare Orientierung.
Wie sieht es mit dem Pestizid-Einsatz aus?
Im ökologischen Landbau sind chemisch-synthetische Pestizide grundsätzlich verboten. Stattdessen setzen Bio-Betriebe vor allem auf vorbeugende Maßnahmen wie vielfältige Fruchtfolgen, robuste Sorten, gesunde Böden oder den Einsatz von Nützlingen gegen Schädlinge. Wenn Pflanzenschutz notwendig wird, dürfen nur wenige, überwiegend natürliche Mittel eingesetzt werden. Ziel ist es immer, Eingriffe möglichst gering zu halten und natürliche Kreisläufe zu stärken.
Welche Ackergifte kommen in Deutschland eigentlich zum Einsatz?
Generell werden in Deutschland trotz politischer Ankündigungen zur Reduktion weiterhin zahlreiche chemisch-synthetische Pestizide eingesetzt, darunter Herbizide gegen Unkräuter, Fungizide gegen Pilzkrankheiten und Insektizide gegen Schädlinge. Bekannte Wirkstoffe sind etwa Glyphosat im Bereich der Herbizide oder verschiedene Insektizide aus der Gruppe der Pyrethroide. In den vergangenen Jahren wurden zudem insbesondere Neonicotinoide intensiv diskutiert, da sie mit Risiken für Bestäuber wie Bienen in Verbindung gebracht werden.
Inwiefern können diese bedenklich für die Umwelt sein und gibt es hierzu Studien? Und was können zu hohe Rückstände von Pestiziden bei Menschen anrichten?
Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass Pestizide Auswirkungen auf Ökosysteme haben können. Diskutiert werden unter anderem negative Effekte auf Insekten, Bodenorganismen, Gewässer und die Artenvielfalt insgesamt. Auch für Menschen, die ihnen regelmäßig ausgesetzt sind, können diese Stoffe gesundheitlich relevant sein. Das zeigt sich unter anderem daran, dass seit 2024 das „Parkinson-Syndrom durch Pestizide“ in Deutschland als Berufskrankheit für Landwirte, Gärtner und Winzer offiziell anerkannt ist.
Auch bei führenden Lebensmitteleinzelhändlern in Deutschland wird regelmäßig Obst und Gemüse zurückgerufen, da die gesetzlichen Grenzwerte für Rückstände von Pestiziden überschritten wurden. Werden Obst und Gemüse denn nicht offiziell kontrolliert, bevor sie den Weg in die Geschäfte finden?
Doch, Lebensmittel werden kontrolliert, sowohl durch staatliche Behörden als auch durch Eigenkontrollen des Handels und der Produzenten. Allerdings handelt es sich nicht um eine Vollkontrolle jeder einzelnen Lieferung. Die Kontrollen erfolgen stichprobenartig und risikoorientiert. Dass Rückstände durch Eigenkontrollen entdeckt werden, zeigt zugleich, dass das Kontrollsystem grundsätzlich funktioniert. Im Bio-Bereich kommen neben den allgemeinen Lebensmittelkontrollen noch die verpflichtenden jährlichen Öko-Kontrollen hinzu.
Können ungespritzte Bio-Produkte trotzdem Schadstoffe im Boden aufnehmen?
Bio-Produkte sind deutlich weniger mit Schadstoffen wie Pestiziden belastet, das zeigen zahlreiche Studien. Daher ist es besonders bei Lebensmitteln, die roh und mit Schale verzehrt werden, für viele ein Kauf-Argument für Bio-Produkte. Durch Abdrift können ausgebrachte Pestizide von konventionellen Flächen auch auf ökologische Flächen gelangen. Das ist ein großes Risiko für Bio-Landwirtinnen und -Landwirte, da sie dann gegebenenfalls ihre Produkte nicht mehr als Bio-Produkte vermarkten können. Umso wichtiger ist es, dass in solchen Fällen die Haftung klar beim Verursacher liegen muss. In der Praxis ist das leider oft nicht der Fall.
Welche Vorteile hat es für das Tierwohl, wenn man Bio kauft?
Bio-Tiere haben am meisten Platz, Zugang zu Außenbereichen und mehr Möglichkeiten für arttypisches Verhalten. Außerdem ist der Einsatz von Antibiotika im Bio-Bereich stärker eingeschränkt. Einige Praktiken, die im konventionellen Bereich erlaubt sind, sind in der Öko-Tierhaltung verboten, etwa das Kupieren von Schwänzen bei Schweinen. Die allermeisten Bio-Kühe stehen auf der Weide und haben daher besonders viel Raum, ihren natürlichen Verhaltensweisen nachzugehen.
Wie viele Bio-Erzeuger gibt es in Deutschland ungefähr und wie viele gehören zu Ihrem Verband?
In Deutschland wirtschaften mittlerweile knapp 35.600 Betriebe ökologisch. Bioland ist dabei der größte Öko-Anbauverband in Deutschland und Südtirol mit rund 7.700 landwirtschaftlichen Betrieben. Mit den Bioland-Partnern aus Verarbeitung, Gastronomie und Handel kommt Bioland auf insgesamt gut 10.000 Mitgliedsbetriebe. Um die anhaltend hohe Nachfrage, vor allem nach Bio-Produkten aus Deutschland, zu bedienen, ist es aber wichtig, dass noch deutlich mehr Betriebe in Deutschland auf Ökolandbau umsteigen. Hier liegt es an der Politik, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Wie kann man sich das vorstellen? Verkaufen die meisten der unabhängigen Erzeuger ihre Produkte selbst in Hofläden, produzieren sie Produkte für verschiedene Lebensmittelmarken oder haben manche auch eine eigene Marke?
Das ist sehr unterschiedlich. Viele Bio-Betriebe setzen auf Direktvermarktung über Hofläden, Wochenmärkte oder Abokisten. Andere beliefern Verarbeiter wie Molkereien oder Bäckereien und wieder andere direkt den Lebensmitteleinzelhandel. Es gibt auch zahlreiche Betriebe mit eigener Marke oder regionalen Spezialitäten. Die Bio-Branche ist insgesamt sehr vielfältig und mittelständisch geprägt.
Muss man heute noch in einen Bioladen gehen oder findet man in Supermärkten mittlerweile genauso gute Bio-Produkte?
Bio-Produkte findet man heute flächendeckend in allen Einkaufsstätten. Die hohe Nachfrage hat Bio aus der Nische herauswachsen lassen und für viele Menschen leichter zugänglich gemacht. Auch besonders hochwertige Bioland-Produkte finden sich heute nicht mehr nur im Fachhandel, sondern auch im klassischen Lebensmitteleinzelhandel, bei Vollsortimentern, im Discounter und bei Drogerien. Die Nachfrage bei Verbraucherinnen und Verbrauchern entwickelt sich übrigens weiterhin positiv: 2025 gab es einen Umsatzrekord und ein Umsatzwachstum von 6,7 Prozent.
Bei welchen Lebensmitteln sollte man besonders darauf achten, sie in Bio-Qualität zu kaufen, und bei welchen ist es unbedenklicher?
Wer besonderen Wert auf nachhaltige und hochwertige Lebensmittel legt und mit seinem Einkauf Umwelt, Klima, Arten und Gewässer schützen will, ist in allen Produktbereichen mit Bio gut versorgt. Besonders bei Produkten, die konventionell stark mit Pflanzenschutzmitteln behandelt und oft roh verzehrt werden, etwa Beeren, Äpfel oder Blattgemüse, ist das für viele ein Kauf-Argument. Aber auch bei tierischen Produkten entscheiden sich viele Verbraucher bewusst für Bio, weil dort das Tierwohl eine besonders wichtige Rolle spielt.
Oft gelangen schädliche Stoffe auch durch Verpackungen in Lebensmittel. So waren in der Vergangenheit zum Beispiel schon häufig Tomaten in Dosen mit dem gesundheitsschädlichen BPA belastet, das sich aus der Beschichtung im Inneren löst, oder Butter mit Mineralöl. Beachten Ihre Erzeuger bestimmte Dinge bezüglich Verpackungen?
Das Thema Verpackungen gewinnt auch im Bio-Bereich zunehmend an Bedeutung. Viele Hersteller achten darauf, problematische Stoffe möglichst zu vermeiden und Verpackungen insgesamt nachhaltiger zu gestalten. Dazu gehören beispielsweise BPA-freie Beschichtungen, recyclingfähige Materialien oder der Verzicht auf unnötige Umverpackungen.