Der Moselsteig führt auf 365 Kilometern von Perl an der deutsch-französisch-luxemburgischen Grenze bis zum Deutschen Eck in Koblenz. Auf den Etappen gibt es einiges zu sehen und zu erleben, von historischen Altstädten bis hin zu einzigartigen Ausblicken.
Es sind diese besonderen Momente, die in Erinnerung bleiben. Der Moment, wenn man um eine Kurve biegt oder aus einem Waldstück hervortritt und sich plötzlich ein atemberaubendes Panorama aufbaut. Der Moment, wenn beim Sonnenuntergang der rote Feuerball genau dann die Wasseroberfläche berührt, wenn der Blick glücklicherweise durch die Bäume am Wegesrand auf den Fluss fällt. Oder auch der Moment, wenn nach einem langen und schweißtreibenden Aufstieg eine Bank mit einem tollen Fernblick wartet. Der Moment kann auch ein kühles Getränk oder ein schattiges Plätzchen an einem heißen Nachmittag sein – oder ein Stück frisch gebackener Kuchen.
Momente wie diese – und noch viele mehr – liefert der Moselsteig zuhauf. Da der gesamte Weg jedoch über 365 Kilometer lang ist, entschied ich mich für ein Teilstück an der Mittelmosel zwischen Leiwen und Enkirch mit knapp 90 Kilometern Länge.
Nach Leiwen kommt man direkt durch zwei wunderschöne Ortschaften. Neumagen-Dhron gilt offiziell als der älteste Weinort Deutschlands und Piesport als der größte Weinbauort an der Mosel. Beide Orte liegen malerisch in einer markanten Moselschleife, und aus der Höhe stellt sich erstmals ein Gefühl dafür ein, welche fantastischen Aussichten und Ausblicke in den nächsten Tagen zu erwarten sind. Hinter Piesport geht es durch die Weinberge auf einer wahren Bilderbuch-Passage. So stellt man sich den Moselsteig vor: Auf der einen Seite wachsen die Reben, aus denen später der viel gepriesene Wein gemacht wird. Auf der anderen Seite hat man diesen sagenhaften Weitblick über den Fluss, der sich durch pittoreske Ortschaften schlängelt. Die Baumelbank, eine übergroße Holzbank, ist ein schönes Fotomotiv und lädt zum Verweilen ein – sowie dazu, „Füße und Seele baumeln zu lassen“.
Wer vermutet, dass der Weg durch die Weinberge und am Fluss entlang größtenteils flach verläuft, wird schnell eines Besseren belehrt. Immer wieder geht es steil bergauf, um vom Tal auf die Höhe zu gelangen. Und dann natürlich auch wieder zurück. So werden gern mal 600 bis 800 Höhenmeter pro Tag bewältigt. Die Aufstiege lohnen aber nicht nur für die grandiosen Weitsichten, sondern auf manch einem Hügel thront auch eine mehr oder weniger gut erhaltene Burgruine. Zum Beispiel die Burg Landshut, die etwa einen Kilometer vor Bernkastel-Kues liegt und deren Wahrzeichen sie ist. In die Ruine wurde ein modernes Restaurant mit großer Panorama-Glasfront integriert, das gern für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten gemietet wird.
Nach der Ruhe auf dem Moselsteig ist das emsige Gewusel in den Gassen der Bernkasteler Altstadt überwältigend, ich fühle mich seltsam fehl am Platz. Leute sitzen mit einem Glas Wein in der Hand in einem der vielen Lokale und Weinstuben, schwatzen und genießen den lauen Sommerabend. Da hilft nur eins: sich dazu setzen. Wer auf der Suche nach besonderen Geschichten ist, kehrt im „Spitzhäuschen“ ein, der Weinstube der Familie Schmitz-Herges. Vor über 600 Jahren erbaut, ist es das älteste Fachwerkhaus an der gesamten Mittelmosel. Neben der langen Historie, dem außergewöhnlichen Erscheinen des nach drei Seiten überhängenden mittelalterlichen Fachwerks und dem guten Wein hat es das Spitzhäuschen noch zu weiterer Berühmtheit gebracht: Es ist für einige Sekunden in einem Harry-Potter-Film zu sehen. Diese Tatsache macht das Haus zu einem Besuchermagneten und hat dazu geführt, dass Schaulustige, die nichts verzehren, sondern sich einfach nur im Haus umschauen möchten, einen Euro bezahlen müssen – und dies auch gern tun.
Beim Aufbruch am nächsten Morgen bietet der menschenleere Marktplatz einen seltenen Anblick und gibt die Ruhe zurück, die Wanderer suchen. Diese Randzeiten des Tages verströmen sowieso einen ganz besonderen Zauber. Zum Beispiel, wenn man früh morgens allein im Wald unterwegs ist und überlaut das Vogelgezwitscher hört. Oder auch am Abend, wenn sich dieses sanfte Licht über alles legt und seine besondere Stimmung verbreitet.
Wein spielt eine große Rolle
Eine herausragende Rolle spielt an der Mosel das Thema Wein. In den Ortschaften kommt man immer wieder an Weingütern und Vinotheken vorbei. Diese haben oft sehr unregelmäßige Öffnungszeiten – sind die Betriebe doch meist familiengeführt, sodass die Inhaber nicht den ganzen Tag auf Kundschaft warten können, sondern in den Weinbergen selbst Hand anlegen. Wer Glück hat, trifft jedoch einen Winzer und wird auf einen Schluck hereingebeten. Oder erwischt eine offizielle Öffnungszeit und darf an einer Weinverkostung teilnehmen. So zum Beispiel im Weingut Heinrichshof in Zeltingen-Rachtig, einem traditionsreichen Familienbetrieb, der auf nachhaltigen, naturschonenden Weinbau setzt und regelmäßig von namhaften Weinführern und Wettbewerben für seine charakterstarken Mosel-Rieslinge ausgezeichnet wird.
Die jeweils unterschiedlichen Lagen, Ebenen und Sonnenzeiten geben den Weinen der einzelnen Orte ihre besonderen Noten. Die bekannteste Lage in Zeltingen-Rachtig ist die Zeltinger Sonnenuhr mit südsüdwestlicher Ausrichtung, deren Reben auf Devon-Schieferböden wachsen. Der Nachbarort, das malerische Weindorf Ürzig, ist vor allem für seine extrem steilen Weinberge und den Ürziger Würzgarten bekannt: Im Gegensatz zum sonst üblichen blauen Schiefer dominieren hier eisenhaltiger roter Tonschiefer und vulkanisches Gestein, was dem Riesling ein besonders „würziges“ und exotisches Geschmacksprofil verleiht. Die Spitzenweinlage des Piesporter Goldtröpfchens hingegen ist wie ein natürliches Rundtheater geformt und profitiert von einem mediterranen Mikroklima.
Von Zeltingen-Rachtig wirft man erstmals einen Blick auf die imposante Hochmoselbrücke, die sich in der Ferne über die Mosel spannt. Sie ist eine von insgesamt 51 Brücken über den schiffbaren Teil der Mosel zwischen Koblenz und Perl und mit 1,7 Kilometern Länge und bis zu 160 Metern Höhe eine der höchsten Brücken Deutschlands.
Die Etappe von Ürzig führt nach Traben-Trarbach, dem „Juwel der Mittelmosel“, das um 1900 nach Bordeaux der zweitgrößte Weinumschlagplatz Europas war. Diese Blütezeit prägt das Stadtbild bis heute durch prachtvolle Jugendstil-Architektur und ein weitverzweigtes Netz aus riesigen, teilweise mehrstöckigen historischen Weinkellern – ein wahres Labyrinth unter der Stadt, das bei Führungen besichtigt werden kann.
Nach Traben-Trarbach geht es auf meinem letzten Etappenstück steil bergauf zur Burgruine Grevenburg. Die um 1350 erbaute, ursprünglich prächtige Burg wurde nach zahlreichen Belagerungen 1734 zerstört. Heute befindet sich hier ein schöner Biergarten mit spektakulärem Blick.
Gastfreundliche Menschen
Es gibt regionale Weinspezialitäten, kleine, kreative Gerichte mit regionalen Zutaten und im August ein Burgfest mit Wanderungen und Konzerten. Die Grevenburg ist nur ein Beispiel für ein gelungenes gastronomisches Konzept, denn kulinarisch hat der Moselsteig, neben den leckeren Weinen natürlich, einiges zu bieten. Wer den ganzen Tag auf den Beinen ist, muss schließlich auch gut essen. Und selten schmeckt etwas besser, als nach einem Tag an der frischen Luft mit ordentlich Kilometern und Höhenmetern in den Beinen. Nachmittags kann man sich zum Kaffee oder der Weinschorle gern eine Kugel Eis oder ein Stück selbst gemachten Kuchen gönnen. Abends warten die regionalen Spezialitäten, wie zum Beispiel Winzergräwes, ein traditionelles Gericht aus Sauerkraut und Kartoffelpüree, verfeinert mit Speck und Zwiebeln. Im besonderen Ambiente des Restaurants im Alten Moselbahnhof von Bernkastel-Kues einfach perfekt am Ende einer langen Wanderung.
Auch außerhalb der Ortschaften, fernab von Weinlokalen und Gastronomien, gibt es ausreichend Möglichkeiten, kurz Rast zu machen und neue Energie zu tanken. Entlang des Weges laden unterschiedlichste Sitzgelegenheiten zum Verweilen und Genießen der Aussichten ein. Sehr beliebt sind die sogenannten Panoramaliegen, die vielerorts stehen und die es schwer machen, nach der Pause wieder aufzustehen.
Was mir während der gesamten Tour immer wieder auffällt, ist die unglaubliche Freundlichkeit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen.
Bei der Beschilderung ist manchmal Vorsicht geboten. Normalerweise ist bei jeder Weggabelung anhand der fünf gestapelten Schieferplatten ersichtlich, in welche Richtung es weitergeht. Es kann jedoch vorkommen, dass ein Schild überwuchert, verdeckt oder schlicht nicht mehr da ist. Das führt schnell auf den falschen Abzweig. Und vielleicht wird erst mehrere Kilometer später klar, dass eben jener Abzweig in die falsche Richtung geführt hat. Daher macht es an solchen nicht eindeutigen Stellen Sinn, zusätzlich eine Tracking-App mit dem genauen Routenprofil zur Hand zu haben und kurz nachzuschauen. Das Wandern auf dem Moselsteig bietet auf jeden Fall jede Menge Momente, die unvergesslich bleiben.