Auch wenn es ums Essen und Trinken geht, gibt es in Berlin nichts, was es nicht gibt – von Currywurst bis Edelschuppen, vom äthiopischen Restaurant bis zu zypriotisch-griechischen Tavernen.
Berlin ist nicht nur eine Stadt, in der die Küchen der Welt ein zweites Zuhause gefunden haben, sie ist auch Trendsetterin, wenn es um eine sich verändernde Ess- und Gastronomiekultur geht. Wobei in einer einzigen Straße in Charlottenburg besonders viel in Bewegung geriet.
In der Kantstraße 130b wurde 1923 das „Tientsin“, das erste chinesische Restaurant Deutschlands, eröffnet. In Hamburg gab es zu dieser Zeit zwar auch chinesische Lokale, es handelte sich aber nicht um Speiserestaurants, sondern um Hafenbars. Auch wenn es um die Currywurst geht, melden die Hamburger sich gelegentlich als Erfinder. Dafür gibt es allerdings keine Belege – außer etwa Kindheitserinnerungen. Offiziell erfunden wurde die Currywurst am 4. September 1949 von Herta Heuwer in der Kantstraße 101. Und auch der Döner kam über Berlin nach Deutschland. Kadir Nurman und Mehmet Aygun haben für sich in Anspruch genommen, in Berlin den Deutschen erstmals das leicht veränderte Gericht aus ihrer türkischen Heimat schmackhaft gemacht zu haben. Belegt ist, dass Kadir Nurman 1972 Deutschlands ersten Dönerkebab an seinem kleinen Stand gegenüber dem Bahnhof Zoo verkauft hat – also am Ende der Kantstraße. Nurmans Dönerbude gibt es nicht mehr, das „Tientsin“ auch nicht. Und wo einst Herta Heuwer ihre Currywurst zubereitet hat, ist heute ein Asia-Markt.
Die Klassiker: Döner und Currywurst
Man findet im Kiez rund um die Kantstraße Köstlichkeiten für fast jeden Geschmack, bekannt ist die Straße aber als „Chinatown“. Gut 50 asiatische Restaurants unterschiedlichster Ausprägungen und Preiskategorien haben sich hier angesiedelt. Für Liebhaberinnen und Liebhaber der asiatischen Küche ist die Kantstraße also ein Muss.
Ein Muss ist auch ein Döner. Wer glaubt, dass man Döner ja überall in Deutschland kriegt und deshalb in Berlin die vielen Dönerläden links liegen lassen kann, macht womöglich einen Fehler. Einen guten Döner kriegt man in Berlin an fast jeder Ecke. Eine besondere Variante ist der Gemüsedöner, bei dem mit Fleisch, Salat und je nach Geschmack Käse auch gebratenes Gemüse ins Fladenbrot kommt.
Länger als ein paar Stunden in Berlin gewesen zu sein, ohne eine Currywurst gegessen zu haben, ist machbar, aber nicht sinnvoll – zumal es vielerorts inzwischen auch eine vegane Variante des Klassikers gibt. Wer sich – vielleicht sogar an einem Tag – durchprobieren will, der ist im Osten gut aufgehoben. In der Schönhauser Allee, direkt am U-Bahnhof Eberswalder Straße, steht eine der traditionsreichsten Currywurst-Buden Deutschlands: „Konnopke’s Imbiß“. Als Max Konnopke 1930 mit 29 Jahren von Cottbus nach Berlin kam und sich entschloss, „Wurstmaxe“ zu werden, war die Currywurst noch nicht erfunden. Mit seiner Frau Charlotte verkaufte er ab dem 4. Oktober sieben Tage die Woche von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens Bockwürste, Knacker, Wiener und Krakauer im Prenzlauer Berg. 1960, ein Jahr vor dem Mauerbau, entdeckt Günter, der Sohn von Charlotte und Max, im Westteil der Stadt etwas, das im Osten bisher kein Thema war: Bei Konnopke gibt es nun die erste Currywurst in Ostberlin.
Toast Hawaii vom Spitzenkoch
Ein paar Meter weiter, in der zur Kulturbrauerei gewordenen ehemaligen Schultheiss-Brauerei, ist das Frannz. Dort kann man tanzen und Konzerte besuchen, aber unter anderem auch eine wundervolle Currywurst essen. Zur Currywurst, sagt der Berliner Brauer Oliver Lemke, passt am besten ein IPA, also ein stark gehopftes India Pale Ale. Das bekommt man im Frannz – aber natürlich auch bei Lemke selbst. Um von Konnopke aus „Das Lemke“ unter den S-Bahn-Bögen am Hackeschen Markt zu erreichen, muss man sich nur ein paar Minuten in die Tram M1 setzen.
Auch der Berliner Spitzenkoch Tim Raue hat seine eigene Currywurst kreiert – mit einer besonders fruchtigen Soße. In seinem Sphere-Restaurant in der Kugel des Fernsehturms am Alexanderplatz widmet er sich auch anderen traditionellen Gerichten der Berliner Küche: Im höchstgelegenen Restaurant der Stadt würde man es nicht unbedingt vermuten, aber dort werden – auf hohem Niveau natürlich – unter anderem Toast Hawaii, Soljanka mit Schrippe, ein Berliner Schnitzel, Blutwurst und Broiler (als halbes Hähnchen) serviert. „Ich möchte Berlin und Brandenburg nicht nur geschmacklich auf den Teller bringen, sondern auch meine Geschichte erzählen – von meiner Großmutter Gerda und den Aromen meiner Kindheit“, erklärt Tim Raue die traditionellen Gerichte auf der Karte. Ein Kontrastprogramm zu Tim Raues Sphere im Himmel über Berlin ist das „Varga Hennecke“, ein kleines Restaurant im Kellergeschoss der Oderberger Straße 14 in Prenzlauer Berg. Dort bekommt man nicht nur ein gutes Steak und Spaghetti Carbonara, die daran erinnern, was Spaghetti Carbonara eigentlich sind –
auch der Käseteller ist eine Freude. Traditionelle Berliner Küche gibt’s unter anderem auch beim „Schusterjungen“ in Prenzlauer Berg, bei „Max und Moritz“ in Kreuzberg, in der Charlottenburger „Schildkröte“ und bei der „Dicken Wirtin“. Alle diese Lokale sind ein Stück Berliner Geschichte. Eine ganz besondere erzählt aber das „Diener Tattersall“ am S-Bahnhof Savignyplatz in Charlottenburg: Der englische Pferdeauktionär Richard Tattersall gründete in London eine Reitschule mit Pferdevermietung, seitdem hießen solche Einrichtungen „Tattersalls“. Die Reitschule Beermann entstand als „Tattersall des Westens“ 1893 in Berlin – mit einer Gastronomie für die Reiter: „Hier pausierte Kaiser Wilhelm II. mit seinen Kürassieren oder die Damen der Gesellschaft genehmigten sich nach dem Ausritt zur Erfrischung ein Gläschen Champagner“, heißt es in der Unternehmenschronik. Nach dem Krieg zog die Kneipe – nun ohne Reitschule – Künstlerinnen und Künstler an und wurde zum Kiez-Kult.