Rosengarten, Langkofel, Marmolata und Co. bilden im Fassatal in den Dolomiten eine imposante Bergkulisse. Jedes Jahr im August sorgt das Musikfestival „I Suoni delle Dolomiti“ für Hochgenuss. Zu den naturbelassenen Bühnen gelangt das Publikum nur zu Fuß.
Die Dolomiten. Sind es Steine oder sind es Wolken? Sind sie wahr oder ein Traum? So sinnierte einst der italienische Schriftsteller Dino Buzzati über den zwischen Bozen und Sexten gelegenen Südausläufer der Alpen. Der wurde zu Recht von der Unesco zum Weltnaturerbe geadelt, versetzen doch die teils dramatisch aufragenden Berge Besucher wie Bewohner immer wieder in Erstaunen. Die 1995 initiierte Konzertreihe „I Suoni delle Dolomiti“ („Die Klänge der Dolomiten“) fügt der Top-Optik noch eine akustische Komponente hinzu, schließlich werden hier die Berge des nordöstlichen Trentino zur Bühne eines einzigartigen Musikfestivals. „Fast alle 18 Konzerte finden auf über 2.000 Metern Höhe statt“, sagt dessen künstlerischer Leiter, Mario Brunello. Der 64-Jährige kennt sich nicht nur mit der Leitung von Festivals aus (er organisiert mehrere), sondern vor allem mit dem Cello. Beim „Suoni“ hat der Virtuose seit der Premiere jedes Jahr einen Auftritt und sprüht immer noch vor Begeisterung: „Mal pfeift der Wind, mal ist es vollkommen still, mal ziehen dunkle Wolken auf, mal brennt die Sonne herab, aber es ist immer magisch.“
Das Festival, 2025 vom 27. August bis zum 4. Oktober terminiert, ist eine Erfolgsgeschichte. „Mitunter kamen bis zu 5.000 Leute pro Konzert“, erinnert sich Brunello. Das jedoch war zu viel des Guten, man wechselte vom touristisch turbulenten Früh- in den moderateren Spätsommer. „Nun sind es pro Aufführung etwa 300, maximal 1.000 Zuhörer – überwiegend echte Fans, die mitunter von weither anreisen.“ Es treten ja auch berühmte Künstler auf, heuer etwa die Star-Sopranistin Lana Kos oder der Liedermacher Roberto Vecchioni. „In den 30 Jahren performten beim ,Suoni‘ an die 1.300 Musiker, wobei wir noch weit mehr Anfragen haben!“ An der Gage kann es nicht liegen. Die gibt es nämlich nicht, auch weil der Eintritt kostenlos ist. „Den Zutritt muss man sich erarbeiten. Das gilt für Besucher wie für Künstler, die ihre Instrumente huckepack bergauf schleppen und beim Auftritt auf technische Annehmlichkeiten verzichten.“
Eröffnung in 2.080 Meter Höhe
Der Lohn für die schweißtreibenden Stunden des Aufstiegs sind feine Jazz-, Klassik- oder Weltmusikkonzerte an unkonventionellen und von Brunellos Team sorgsam ausgesuchten Orten: auf Hochalmen, bei Schutzhütten, zu Füßen von Felswänden. Das Publikum lauscht auf Decken, manche auch mit einer Art „Audio-Weste“, deren auf taktilen Audiosystemen basierende Technologie Hörbehinderte partizipieren lässt (dieselben vier Veranstaltungen sind auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkung möglich).
Ein laut Brunello „weiteres von so vielen Highlights“ ist die Eröffnungsvorstellung am 27. August auf 2.080 Meter Höhe, bei der unter dem Namen „Theophil Ensemble Wien“ Profimusiker der Wiener Philharmoniker auftreten. Und dann ist da natürlich das musikalische Trekking, bei dem Brunello mit rund 40 Teilnehmern durch die malerische Landschaft der Brenta-Dolomiten wandert. „Wir haben jeden Tag rund vier Stunden reine Gehzeit und mehrere hundert Meter Anstieg vor uns. Dazu geben das Quartetto Prometeo und ich zwei Konzerte an geheimen Orten.
Die Darbietung am dritten Tag ist dann für alle zugänglich, es wird das Quintett op. 163 von Franz Schubert sein.“ Gut zu wissen: Das Event, das vom 12. bis zum 14. September stattfindet, ist als einziges reservierungs- und kostenpflichtig, was nicht zuletzt auf die Hüttenübernachtungen samt Verpflegung zurückzuführen ist. Stark auch, dass alle fünf Musiker ihre Instrumente selbst durch die Berge tragen. Ob es bei Brunello womöglich wieder ein Cello von Giovanni Paolo Maggini sein wird? Der von 1580 bis 1632 lebende Geigenbauer, einer der berühmtesten überhaupt, steht jedenfalls bei vielen Profis hoch im Kurs – damals wie heute.
Viele Hütten sorgen für Stärkung
Im 17. Jahrhundert entdeckten übrigens noch viele weitere große Geigenbauer die Region, insbesondere das Fleimstal, das sich im Süden ans Fassatal anschließt. „Großmeister Stradivari“, weiß Brunello, „kam selbst in den Wald von Paneveggio, um das beste Holz auszusuchen.“ Aufgrund der außerordentlichen Qualität der „Resonanztannen“ entstanden die Namen „Tal der Harmonie“ und „Geigenwald“. Der ist heutzutage Teil des tälerübergreifenden Naturparks „Paneveggio – Pale di San Martino“, ein Wander-Dorado inklusive Murmeltierhöhlen, Enzianwiesen und Bergpanoramen zum Niederknien.
Gipfelstürmer, aufgepasst: Der 76 Kilometer lange „Dolomiti Trek-King“ führt rund ums Fassatal. Wobei es auch kürzer geht. Und komfortabler. Zu vielen Aussichtspunkten und Höhenwegen schweben Bergbahnen, die mitunter bis Anfang November surren. Brunellos Empfehlung: „Eine Fahrt auf den 2.950 Meter hohen Sass Pordoi ermöglicht sensationelle Ausblicke!“
Ob beim Wandern, Klettern oder Mountainbiken: Das dichte Hüttennetz sorgt für Stärkung. Und das – schließlich ist das Fassatal für seine authentische wie kreative Küche weit bekannt – in durchwegs hoher Qualität. „Die ‚Rifugio Fuciade‘ am Fuße der Costabella-Bergkette erreicht gar Sterneniveau“, findet Brunello. Kulinarische Offenbarungen locken erst recht ins Tal: in Canazei, Pozza di Fassa und Moena, das auch „Fee der Dolomiten“ genannt wird. In dem wahrhaft zauberhaft gelegenen Ort, der sich als Mitglied der „Alpine Pearls“ ganz der Nachhaltigkeit verschreibt, lebt fast jeder Dritte der knapp 9.000 Talbewohner. Dort befasst sich auch die Ausstellung „La gran vera“ auf drei Etagen mit dem Ersten Weltkrieg und den Frontstellungen in den Dolomiten.
Erkenntnis: Das Fassatal blieb im Gegensatz zur Umgebung unversehrt. Das Tal des Friedens! Eine weitere Besonderheit: Es ist das einzige Tal im Trentino, in dem noch Ladinisch gesprochen wird. Wer mehr zu der rätoromanischen Sprache, zur Kultur und Tradition wissen will, findet Aufklärung im Ladinischen Museum in Vigo di Fassa, Außenstellen ermuntern zu einem ausgiebigen volkskundlichen Rundgang.
Am Ende jeder Wanderung, und das gilt auch für die Rückkehr von einem Konzert in den Bergen (oder einer Kirche, wohin man womöglich wetterbedingt umziehen muss), kann man sich in warmem Wasser entspannen. Möglichkeiten bestehen einige. So locken im Indoor-„Aquapark Vidor“ in Pozza di Fassa auf 4.000 Quadratmetern Rutschen und Pools. Ruhiger geht es in den Saunen und Dampfbädern der „QC Terme“ und der „Terme Dolomia“ zu. Deren Thermalwasser gilt dank schwefel- und mineralhaltiger Zusammensetzung als einzigartig im Trentino und ist seit jeher wegen seiner heilenden Wirkung bekannt. Für manche klingt das wie Musik in den Ohren.