Auf der Méditerranée à vélo, einer Teilstrecke des europäischen Fernradwegs Eurovelo 8, kann man die südfranzösische Küste auf die sportliche Tour entdecken. Und den touristischen Hotspots einfach davonradeln.
Eine schöne Vorstellung: sich an südfranzösischen Stränden den Wind um die Nase wehen lassen, Weinberge und kleine Dörfer durchstreifen, hier eine Fischsuppe, dort eine Zitronentarte löffeln, und das Ganze auf zwei Rädern. Tatsächlich verspricht genau das der Eurovelo 8, der europäische Mittelmeerradweg. Er ist eines von unzähligen EU-Projekten, das sich statt mit Abgasnormen oder dem Idealmaß von Gurken mit der Erschließung der Küsten für nachhaltigen Tourismus beschäftigt. Vor mehr als einem Jahrzehnt ins Leben gerufen, soll er das ganze europäische Mittelmeer umkreisen. 7.350 Kilometer, von Cádiz bis Izmir. Theoretisch eine tolle Idee. Und praktisch?
Wir wollen es mit dem französischen Abschnitt probieren, der von Menton bis Le Perthus in den Pyrenäen führt. Statt Eurovelo 8 sprechen die Franzosen lieber von „La Méditerranée à vélo“ – dem Mittelmeerradweg. Auf der Website wird die 850 Kilometer lange Strecke genau beschrieben, mit Angaben zur Beschaffenheit der Strecken und GPS-Tracks zum Herunterladen. Insgesamt sind es 15 Etappen mit 30 bis 105 Kilometern. Wobei es mitunter auch durchs Hinterland geht, mit einem Abstecher in die Alpen der Haute Provence in 1.000 Metern Höhe. Darauf wollen wir uns nicht unbedingt einlassen und es stattdessen mit einer Teilstrecke versuchen, die möglichst nah am Wasser verläuft. Wie in Okzitanien im Südwesten Frankreichs.
Guter Startpunkt ist Sète, ein sympathisches Hafenstädtchen südlich von Montpellier, das gut mit dem Zug erreichbar ist. Das Meer ist hier schon mal allgegenwärtig. In Form von Kanälen schwappt es mitten in die Stadt. Lokale am Wasser laden zu Austern, Muscheln und Goldbrassen ein. Davor liegen Fischkutter und Ausflugsdampfer vor Anker, im Hintergrund erheben sich altehrwürdige Paläste, an denen die Zeit gekratzt hat. Schön anzusehen, aber kein Blingbling, kein mondäner Lifestyle wie an der Côte d’Azur.
Ein paar Meter vom Zentrum entfernt gibt es einen kleinen Fahrradverleih, wo wir vorab die E-Bikes reserviert haben. Schnell macht Monsieur den Vertrag fertig, übergibt uns Ladegeräte, je zwei schwere Schlösser – oder wollen Sie noch ein drittes? – und Flickzeug einschließlich zwei Schläuchen. Dann rollen wir los. Nach den letzten Häusern von Sète geht es durch die Dünenlandschaft des Bassin de Thau, einer 18 Kilometer langen Lagune. Links und rechts spärlich bewachsene Sandhügel, dahinter liegt bleischwer das Meer. Bedrohlich wie der dunkelgraue Himmel. Als könnte sich jederzeit tiefsitzender Groll in Form eines Wolkenbruchs entladen. Zum Glück bekommen wir nur ein paar Tropfen ab und erreichen nach eineinhalb Stunden Agde.
Mitten durch das Städtchen fließt der breite, träge Hérault. Am Ufer reihen sich schwimmende Restaurants aneinander – im „Mare Nostrum“ essen wir unsere erste köstliche Fischsuppe mit viel Rouille, geriebenem Käse und Croutons. Im Zentrum steht die etwas düstere Kathedrale aus dem frühen Mittelalter. Gleich daneben, am Place Molière, hat man versucht, die Gegend mit Galerien zu beleben. Eine von ihnen gehört der Schmuckkünstlerin Géraldine Luttenbacher. Ihre Ringe, Ketten und Armbänder sind tatsächlich filigrane Kunstwerke, die weit über das Dekorative hinausgehen. Sie hat bereits in Paris und sonstwo ausgestellt. Was hat sie ausgerechnet nach Agde verschlagen? „Der Charme des Städtchens hat es mir angetan“, erzählt sie. „Doch leider ist es abends ziemlich tot.“ Deshalb wohnt sie lieber in Sète und kommt fast täglich mit dem Zug her.
Die Betreiber des „Hotels Yséria“ fühlen sich dagegen sehr wohl. Wie viele andere sind sie aus dem Norden Frankreichs nach Okzitanien gezogen und dankbar für das angenehme Klima. „Sie müssen sich unbedingt das Château Laurens ansehen“, empfehlen sie. Nie würde man in der bodenständigen Gegend etwas so Verrücktes vermuten wie dieses Schloss, mit dem ein reicher Spinner versucht hat, seine Reise-Impressionen aus vielen Ländern in einer bizarren Mischung aus ägyptischen und römischen Tempeln mit Jugendstilelementen einzufangen.
Gegen Hausboote um die Wette fahren
Die skurrilen Bilder wirken noch eine ganze Weile nach, als wir später durch Feuchtwiesen und hohe Schilfgürtel in Richtung Canal du Midi strampeln. Plötzlich fahren wir mit Hausbooten um die Wette, die über das Welterbe der Unesco schippern. Die Kapitäne grüßen von Deck und nehmen es aber gelassen, dass sie von den Radfahrern überholt werden. Nervös werden sie erst, wenn sie zur Schleusentreppe von Fonséranes kommen, wo es neun Schleusen und 21 Meter Höhenunterschied zu überwinden gilt und unzählige Schaulustige dabei zusehen.
Nach dem Spektakel wird es für uns wieder ganz einsam, als sich der Radweg durch unscheinbare Dörfer schlängelt. Colombiers, Poilhes, Capestang, eines archaischer als das andere. Im letzten suchen wir uns schließlich ein Nachtquartier – in der Nebensaison kein Problem. Der freundliche Besitzer von „Coté Nuit“ lässt uns die Räder im Hausflur unterstellen und hat mit dem „Vauban“ auch die richtige Restaurant-Empfehlung parat: Wo sonst würden wir so raffiniertes Seeteufel-Curry auf Lauch-Risotto bekommen?
Am nächsten Morgen glitzert das Wasser des Canal du Midi wie Tausende Silbertaler in der Sonne. Doch gleichzeitig fegt ein heftiger Wind über Weinreben und Pinienhaine rechts und links vom Weg hinweg. Wir müssen ordentlich strampeln und in Narbonne eine Pause einlegen. Wieder eine Stadt mit einem Canal, dem Canal de la Robine, der mitten durch das Zentrum mit der mächtigen Kathedrale und dem Bischofspalast fließt. Am Ufer herrscht buntes Markttreiben, ein paar Tomaten kullern uns fast vor die Räder. Dahinter laden alle möglichen Terrassen zu Moules-frites – Miesmuscheln mit hausgemachten Pommes frites – ein. Noch eine noisette – Espresso mit etwas Milch –, dann steigen wir wieder in den Sattel und durchqueren die riesige Seenregion des Étang de Bages-Sigean.
Zwischen Sumpflandschaften und ehemaligen Salinen verläuft nur noch ein schmaler Radweg, gesäumt von knorrigem Buschwerk und Kiefern, die der Wind in die Knie gezwungen hat. Außerdem ist die Gegend Heimat vieler Flamingos, die sich in der Abendsonne tummeln. Fast zu schön, um wahr zu sein! Zumal kurz darauf am Horizont hässliche Türme und die Reste einer Ölraffinerie auftauchen. Auch wenn sich das Hafendorf Port-la-Nouvelle mit seinen 13 Kilometer langen Stränden als familienfreundlicher Badeort verkauft – aus der Ferne wirkt er wie von allen guten Geistern verlassen. Immerhin werden wir im kleinen „Hôtel du Port“ freundlich empfangen. Auch hier schließt der Wirt unsere Räder fürsorglich in der Garage ein. Und das Tagesmenü mit fantastischer Dorade entschädigt für die nicht sonderlich komfortablen Zimmer.
Zurück in umgekehrter Richtung mit dem Zug
Die letzte Etappe beginnt dann mit einer Bahnfahrt. Der Weg nach Leucate ist, wie wir hören, kaum befahrbar. Also steigen wir mit dem Rad in den Zug – was in Regionalzügen völlig unkompliziert und kostenlos ist – und sind ein paar Minuten später am Bahnhof Leucate-La Franqui. Drei Kilometer entfernt liegt dann Leucate-Village – ein wahres Bilderbuchdorf. Pastellfarbene Häuser, Cafés, an der zentralen Place de la République huldigt die Statue einer Frau mit triumphaler Geste der couragierten Françoise de Cezelly, die 1590 bei einem Angriff der Spanier ihren Mann opferte, um die Stadt zu retten.
Im gleichnamigen Strandort unten am Meer geht es weniger heroisch zu. Von nun an reihen sich am Radweg moderne, mehr oder weniger gesichtslose Feriensiedlungen aneinander. Leucate Plage, Le Barcarès, Saint Cyprien – im Hochsommer tobt hier der Massentourismus. In der Nebensaison wirkt alles nur noch überdimensioniert. Aber es rollt sich vorzüglich auf dem weitgehend asphaltierten, gut ausgeschilderten Eurovelo 8. Eher als gedacht erreichen wir Argelès-sur-Mer, die letzte Station, bevor es in die Pyrenäen und nach Spanien hinauf geht. Bei einem Glas kühlem Rosé lassen wir den Blick noch mal über die weiten, menschenleeren Sandstrände, das Meer und die Berge im Hintergrund schweifen, bevor wir in den Zug nach Sète steigen. Dann ziehen zwei Stunden lang die zurückgelegten Etappen in umgekehrter Richtung an uns vorüber. Es hätten gern ein paar mehr sein dürfen. Und wie es wohl wäre, auf der spanischen Seite weiter zu radeln?