Im Jahr 2022 sollte Brigitte Korzuschek an ihrem linken Knie operiert werden. Als man sie vor der OP testet, wird dabei der MRSA-Erreger entdeckt. Danach beginnt eine lange Suche nach der passenden Klinik. Nach gut einem Jahr wird sie im Uniklinikum Homburg behandelt und operiert.
Jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens mit dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) besiedelt sein. Diese bakteriellen Erreger können gegen das Antibiotikum Methicillin resistent werden. Die Bakterienart Staphylococcus aureus kommt auf der Haut und den Schleimhäuten von vielen gesunden Menschen vor. Meist siedeln sich die Bakterien in Nasenvorhof, Rachen, Achseln und Leisten an. Erst einmal stellt dies für die Menschen kein Problem dar, denn per se machen die Erreger nicht krank. Erst über eine Eintrittspforte, wie etwa eine offene Wunde, dringen sie in den Körper ein. Wichtig zu wissen, ist, dass Erkrankungen mit multiresistenten Erregern nicht schwerer verlaufen können oder gefährlicher sind als solche mit empfindlichen Erregern. Diese können mit anderen Antibiotika therapiert werden. In Europa sind laut dem Robert Koch-Institut (RKI) die Infektionen durch resistente Erreger bis zum Jahr 2020 angestiegen. Den Angaben des RKI zufolge erkrankten in Europa 2016 rund 680.000 Menschen, 2019 wurden 860.000 Fälle registriert und 2020 waren es noch rund 800.000.
Zu einem vollständigeren Bild über den MRSA-Erreger gehört aber auch, dass er das Leben eines Menschen im wahrsten Sinn auf den Kopf stellen kann. Ein Beispiel dafür, wie es der multiresistente Keim schafft, das Leben eines Menschen umzukrempeln, ist Brigitte Korzuschek aus dem rheinland-pfälzischen Pirmasens. Es ist das zweite Corona-Jahr 2021, als sie an ihrem linken Kniegelenk in der Artus Klinik in Pforzheim operiert werden soll. Infolge von Verschleißerscheinungen muss ein Inlay ausgetauscht werden. Dazu muss man wissen: Da die Rheinland-Pfälzerin lange Zeit ihres Lebens an Arthrose leidet, wurden ihr vor 19 Jahren zwei künstliche Kniegelenke implantiert. Zwar steht der OP-Termin fest, doch es soll anders kommen, als sie denkt. „Ich wurde unter anderem auch auf Keime getestet. Und einen Tag vor der OP hat man mir abgesagt“, erzählt Brigitte Korzuschek. Zur Erklärung wurde ihr gesagt, dass erst operiert werden kann, wenn sie keimfrei ist. Eine weitere Untersuchung ergibt: Nicht nur sie, auch ihr Ehemann Herbert Korzuschek ist mit dem Keim infiziert. Unklar ist, woher der Erreger kam und ob er vom einen auf den anderen übertragen wurde.
Ab diesem Zeitpunkt beginnt für die Frau eine regelrechte Odyssee, wobei sich die Suche nach einem passenden Krankenhaus in der Region oder in den benachbarten Bundesländern als schwierig herausstellt. Ein neuer OP-Termin muss schnell gefunden werden, zumal sie deutlich spürt, dass die Schmerzen im linken Knie zunehmen. Sobald sie aber Kontakt zu Kliniken aufnimmt und erwähnt, dass sie MRSA-Trägerin ist, heißt es immer, dass man sie nicht operiert. Die Deutsche Arthrose-Hilfe, ein Verein, der die Interessen von gelenkkranken Menschen vertritt und in dem sie Mitglied ist, empfiehlt ihr mehrere Klinikstandorte, an denen eine OP für sie infrage kommt. Unter anderem ist auch das Universitätsklinikum des Saarlandes dabei. Doch als sie dort anruft und mit einem Oberarzt der Orthopädie spricht, wird sie mit ihrem Anliegen abermals abgeblockt. In Heidelberg wird sie zwar nach stundenlangem Warten behandelt, aber einen OP-Termin bietet man ihr nicht an. Auch als sie das zweite Mal mit ihrem Ehemann nach Heidelberg fährt und sich in einer Abteilung der gleichen Klinik vorstellt und untersuchen lässt, bringt das für sie keinen Fortschritt. „Damit ich einigermaßen zurechtkomme, haben sie mir eine Orthese gegeben und mich dann wieder nach Hause geschickt.“
Erst als sie sich an ihre in Pirmasens niedergelassene Hausärztin wendet, bewegt sich die dem Anschein nach verfahrene Situation. „Ich habe mich bei ihr erkundigt, was ich machen kann.“ Die Fachärztin rät ihr zu einer sogenannten Sanierung. Daneben werden in der Praxis ihrer Hausärztin jede Woche Abstriche im Mund-Rachen-Raum und in der Leistengegend genommen. Auf eine kurze Euphorie, den Erreger vermeintlich losgeworden zu sein, folgte einer Woche darauf ein herber Dämpfer für das Ehepaar Korzuschek. „Wir haben von ihr erfahren, dass der Erreger mal weg war und dann wieder da war.“ Die Klinik in Pforzheim verordnet ihr über einen Zeitraum von drei Wochen antiseptisches Nasengel, desinfizierende Waschlotion und mehrmals täglich Mundspülungen. Doch nachdem der Keim erst verschwunden ist und sie sich erneut in der Klinik vorstellt, meldet sich ein Labor bei ihrer Hausärztin: Der Erreger ist wieder zurück, lautet die niederschmetternde Nachricht.
Was bedeutet überhaupt Sanierung im Zusammenhang mit multiresistenten Keimen? Um den MRSA endgültig zu entfernen, kann in einem ersten Schritt versucht werden, über eine äußerliche Behandlung von Haut und Schleimhäuten das Ziel zu erreichen. Unter anderem besteht die Möglichkeit, dass die Trägerin beziehungsweise der Träger die Schleimhäute mit einer antibiotischen Salbe behandelt und zum Gurgeln und Waschen desinfizierende Lösungen verwendet. In der Regel dauert diese Behandlungsphase zwischen fünf und sieben Tage. Eine wichtige Rolle spielt auch die Umgebungskontamination. Der Gedanke, der dahintersteht, ist schnell erklärt: Über Gegenstände des täglichen Lebens, wie zum Beispiel Brille, Zahnbürste und Kleidung, kann sich der MRSA wieder ansiedeln. Daher sollten all diese Dinge entweder desinfizierend gereinigt oder entsorgt werden.
Im Fall von Brigitte Korzuschek ist die von ihrer Hausärztin empfohlene Sanierung mit einem hohen Aufwand verbunden. Ihr Alltag folgt einer strengen Routine: Täglich muss sie die Bettwäsche und Kissenbezüge neu beziehen, Handtücher darf sie nur einmal benutzen und jedes Kleidungsstück muss nach In-Kontakt-Kommen gewaschen werden. Die gleiche Prozedur wendet sie an bei der Kleidung, die sie und ihr Ehemann angezogen haben. „Alles muss im Haus desinfiziert werden. Im Prinzip bedeutet das alles, was sie anfassen.“ Schnell merkt sie, dass das schier unmöglich ist. Zugleich nehmen die Schmerzen derart zu, dass sie kaum noch gehen kann. Längere Strecken kann sie nicht mehr zu Fuß zurücklegen. „Wir waren früher gewohnt, viel zu wandern und zu unternehmen. Aber das war nicht mehr möglich.“
„Es ist tatsächlich immer eine Unsicherheit da, mit der ich aber gut leben kann“
Nach mehreren Absagen verschiedener Kliniken, erfährt ihre Lage eine positive Entwicklung: Da sich Brigitte Korzuschek nach den zahlreichen Absagen von Kliniken nicht anders zu helfen weiß, schreibt sie den SWR an und schildert ihre scheinbar ausweglose Situation. Im Juni 2022 gerät die Sache dann ins Rollen. Eine Mitarbeiterin vom SWR meldet sich bei ihr und sagt ihr, dass sie in Homburg operiert werden kann. Danach vergehen wenige Tage, bis sie im Uniklinikum Homburg aufgenommen wird. „Als ich mit Prof. Dr. Landgraeber das erste Mal telefonierte, sagte er mir, dass ich immer als letzte Patientin des Tages behandelt werden würde, weil nach jeder Behandlung immer alles sterilisiert werden und über Nacht einwirken muss.“ Trotz allem zeigt sich der Chefarzt der Orthopädie zuversichtlich.
Es ist Juni 2022, als sie schließlich im Uniklinikum des Saarlandes aufgenommen wird. Allerdings steht sie dort gleich vor der nächsten Hürde: Damit sie operiert werden kann, steht als Erstes eine einwöchige Sanierung an. In der ersten Phase, die fünf Tage dauert, wird sie täglich mit desinfizierenden Lösungen gewaschen, zudem werden Bettwäsche und Kosmetikprodukte gewechselt. Daraufhin werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen Proben genommen, um zu testen, ob der MRSA verschwunden ist. Ein Gedanke lässt sie in dieser Zeit nicht los: „Die Frage, ob sie operieren oder nicht, beschäftigte mich die ganze Zeit über.“ Die Tage bis zur Operation verbringt sie auf Station in einem Einzelzimmer. Während der Zeit in der Isolation kann sie wenig machen, das Zimmer verlassen darf sie ohnehin nicht. Einzige Ausnahme ist, dass sie rauskann zu einem Termin für die Röntgenaufnahme und Punktierung. In der ersten Zeit darf nur das Krankenhauspersonal und Reinigungskräfte zu ihr ins Zimmer. Allerdings dürfen diese nur in Schutzkittel, mit Mund-Nasen-Schutz und Handschuhen das Zimmer betreten, um sich und andere vor einer möglichen Infektion mit dem Keim zu schützen. Als schließlich nach zehn Tagen Behandlung und Isolation der Keim verschwunden ist, kann sie von Prof. Dr. Stefan Landgraeber operiert werden. Da der Austausch des Inlays kein großer Eingriff ist, kann Brigitte Korzuschek nach zwei Tagen die Uniklinik verlassen. Wenn sie auf die Zeit mit dem MRSA-Erreger zurückblickt, sagt die 69-Jährige, dass sie hin und wieder daran denke, ob sie ihn wieder hat. „Es ist immer eine Unsicherheit da, mit der ich aber gut leben kann.“ Zwar weiß sie nicht, wann wieder eine Knie-OP ansteht. Doch Prof. Dr. Stefan Landgraeber, der heute das Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie (ZOUKS) am Uniklinikum Homburg leitet, versicherte ihr seinerzeit, dass sie wieder zurückkommen kann. In der Phase, als sie lange im Unklaren war und nicht wusste, welches Krankenhaus sie aufnimmt und operiert, hat sie sich oft allein gelassen gefühlt. Auf der anderen Seite ist sie auch froh darüber, wie es ihr und ihrem Ehepartner letztlich ergangen ist. Brigitte und Herbert Korzuschek können sich glücklich schätzen, dass der Erreger nicht die Chance hatte, über eine offene Wunde im Körper einzudringen und eine Infektion auszulösen. In der Zeit, in der ihr Leben vom Gedanken an den Keim bestimmt war, hat sich bei ihr eine neue Gewohnheit eingespielt: Getragene Kleidungsstücke hängt sie nicht wieder in den Kleiderschrank zurück, ohne sie vorher gewaschen zu haben. Denn immer schwingt der Gedanke mit, dass der MRSA-Erreger darauf sein könnte.
Was sie sich wünscht, ist, dass man hierzulande offener mit MRSA-Betroffenen umgeht. Kliniken fordert sie daher auf, Menschen, die positiv auf den Erreger getestet wurden, aufzunehmen. Aber nach ihren Worten werden MRSA-Trägerinnen und -Träger „wie Aussätzige behandelt“. „Wenn sie einen normalen OP-Termin haben, werden sie ja auch nicht getestet. Sie gehen ja auch ins Krankenhaus und niemand weiß, ob der Keim da ist und sich weiter ausbreitet.“ Auch muss aus ihrer Sicht auf dem Gebiet der resistenten und multiresistenten Erreger mehr Forschung betrieben werden, denn bekanntlich breitet sich der Keim weiter aus. „Aber das Problem ist, dass es bisher kein neues Antibiotikum gibt, das hilft.“
Trotz der mehr oder weniger unangenehmen Erfahrungen, die sie mit MRSA machte, lebt sie zusammen mit ihrem 74-jährigen Ehemann Herbert ihr normales Leben weiter, sie verreisen und unternehmen viel. „Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Die Zeit, die wir noch haben, müssen wir nutzen“, sagt sie. Und Brigitte Korzuschek und ihr Partner hoffen, dass sie den Keim endgültig losgeworden sind.