Die Neue Nationalgalerie zeigt vom 17. Oktober bis zum 1. März die Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“. Es geht darin um die Wege, auf denen die Werke in die Sammlung kamen.
André Breton hat der Wirklichkeit den Mittelfinger gezeigt. „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“, schrieb er. 101 Jahre ist es her, dass er in Paris sein „Manifest des Surrealismus“ veröffentlicht hat. Der Schriftsteller hat den Surrealismus nicht erfunden, er hat ihm durch sein Manifest aber eine Stimme gegeben. André Breton gilt als einer der wichtigsten Theoretiker der surrealistischen Bewegung, zu der auch große Malerinnen und Maler gehören. Deren Werke sind surrealistisch und doch real. Und aus der Realität kommen die Fragen: Wie sind diese Bilder entstanden? Wo kommen sie her? Wie sind sie ins Museum gekommen?
Die Neue Nationalgalerie geht in einer neuen Dokumentation diesen Fragen nach. Sie zeigt in Kooperation mit dem Berliner Zentralarchiv die Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“. Gut 100 Jahre nach dem „Ersten Manifest des Surrealismus“ von 1924 (1930 erschien ein zweites) eröffne die Ausstellung „neue Einblicke in die weitverzweigten Netzwerke dieser internationalen Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts“, erklärt das Museum. Im Fokus stehen dabei sowohl die Geschichte der Werke als auch die Lebenswege von zentralen Künstlerinnen und Künstlern, Händlerinnen und Händlern sowie Sammlerinnen und Sammlern des Surrealismus.
Anhand einer repräsentativen Auswahl von Gemälden und Skulpturen von Künstlerinnen und Künstlern wie Leonora Carrington, Salvador Dalí, Max Ernst, Leonor Fini, René Magritte, Joan Miró oder Dorothea Tanning zeigt die Ausstellung die Ergebnisse des gemeinsam mit dem Land Berlin realisierten zweijährigen Forschungsprojekts zu den Provenienzen der Kunstwerke aus der Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch.
100 Kunstwerke auf Herkunft geprüft
Die Ausstellung mache nicht nur die vielfältigen Wege sichtbar, die die Kunstwerke des Surrealismus vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren genommen haben, sondern verdeutliche auch, „wie sowohl die historischen Zeitumstände als auch persönliche Beziehungen und Netzwerke zur Verbreitung der internationalen Bewegung beitrugen“, erklären die Kuratorinnen und Kuratoren. Das sind Maike Steinkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Neuen Nationalgalerie, Lisa Hackmann und Sven Haase, die beide im Bereich Provenienzforschung am Zentralarchiv arbeiten. Kuratorische Assistenz hat Ricarda Bergmann von der Neuen Nationalgalerie geleistet, wissenschaftliche Assistenz Sara Sophie Biever vom Zentralarchiv.
Seit Januar 2023 werden rund 100 Kunstwerke der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, die bis 1945 entstanden, von diesem Team systematisch auf ihre Herkunfts- und Besitzgeschichte untersucht, um auszuschließen, dass sich von den Nationalsozialisten enteignetes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, darunter befindet. Unter den Arbeiten sind zentrale Gemälde von Künstlerinnen und Künstlern wie Salvador Dalí, Yves Tanguy, Max Ernst, André Masson, Joan Miró und Dorothea Tanning, die das Ehepaar Pietzsch seit den 1970er-Jahren bis in die 2000er-Jahre hinein auf dem internationalen Kunstmarkt über Galerien, Händler und Auktionshäuser erworben hat.
2010 hat das Ehepaar Pietzsch dem Land Berlin ihre hochkarätige Sammlung geschenkt, die der Neuen Nationalgalerie seitdem als Dauerleihgabe überlassen ist. Den Kern der Sammlung bilden Werke des Surrealismus und des Abstrakten Expressionismus der New Yorker Schule. Die Ergebnisse dieses vom Zentralarchiv organisierten Projektes zur Untersuchung und Prüfung der Herkunft der Kunstwerke werden nun im Rahmen der Ausstellung vorgestellt.
Viele Surrealisten waren auf der Flucht
Die Ausstellung zeichnet in drei Sektionen exemplarisch die ereignisreichen Wege der Gemälde und Skulpturen nach, die von Paris über Brüssel und andere europäische Städte über die Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs bis ins mexikanische und US-amerikanische Exil reichten. „Der Kreis der Surrealistinnen und Surrealisten war geprägt durch seine komplexen Beziehungen, in denen sich Freundschafts-, Liebes- und Geschäftsverbindungen häufig überschnitten. Dementsprechend zirkulierten auch die Werke auf informellen Wegen“, erklärt das Kuratorenteam. Die Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht ab 1940 zwang zahlreiche surrealistische Künstlerinnen und Künstler ebenso wie Sammler und Händler zur Flucht. Auch hier waren Beziehungen nützlich. Viele verließen Europa und emigrierten unter anderem in die USA, andere erhielten kein Visum und mussten im unbesetzten Teil Frankreichs untertauchen. Manche konnten ihre Werke mitnehmen, andere mussten sie zurücklassen.
Diese von Ortswechseln geprägte Phase spiegelt sich unmittelbar in den Provenienzen der Kunstwerke wider, hat die Recherche ergeben: „Auf unterschiedlichste Weise belegen die Biografien der einzelnen Objekte Freundschaften und Handelsbeziehungen, ebenso wie Verlust, Verfolgung und Neuanfang. Weit über die Einzelgeschichten der Werke hinaus eröffnen die Objektbiografien den Besucherinnen und Besuchern einen tiefen Einblick in die facettenreichen Netzwerke der surrealistischen Bewegung sowie in die großen politischen Herausforderungen der Zeit.“
Die Sonderausstellung im unteren Sammlungsgeschoss der Neuen Nationalgalerie versammelt eine Auswahl von 26 Werken aus der Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch, darunter Max Ernsts „Düsterer Wald und Vogel“ (1927) und sein „Gemälde für junge Leute“ (1943), André Massons großformatiges „Massaker“ (1931/32), Leonor Finis „Zwei Frauen“ (1939), Joan Mirós „Der Pfeil durchstößt den Rauch“ (1926) oder Dorothea Tannings „Spannung“ (1942).
Es ist die zweite Ausstellung auf der Museumsinsel, die auf Provenienzforschung beruht. In der Alten Nationalgalerie ist noch bis zum 2. November die Ausstellung „Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion ,Entartete Kunst‘“ zu sehen. Zum 100. Todestag von Lovis Corinth beleuchtet die Alte Nationalgalerie in einer konzentrierten Ausstellung das Schicksal der Werke des Künstlers und seiner Frau, der Malerin Charlotte Berend-Corinth, in ihrer eigenen Sammlung.