Freddie Mercury wäre am 5. September 80 Jahre geworden. Als einer der ersten Rockmusiker schlug der auf Sansibar als Farrokh Bulsara geborene ehemalige Sänger von Queen eine Brücke zur klassischen Musik. Olaf Neumann sprach mit Weggefährten und Künstlern, die von Mercury inspiriert wurden.
Freddie Mercury legte mit dem zweiten Album seiner Band Queen den Grundstein für den Aufstieg in die internationale Superstar-Elite. „Queen II“ enthielt mit „Seven Seas of Rhye“, geschrieben von ihm selbst, einen pompösen Rocksong, der den charakteristischen Sound der Band bereits eindrucksvoll vorwegnahm: gitarrenbetonter Rock, subtile mehrstimmige Gesänge und Harmoniezitate aus der klassischen Musik verschmolzen zu einem ebenso eigenständigen wie unverwechselbaren Stil.
Begleitet von Brian May an der Gitarre, John Deacon am Bass und Roger Taylor am Schlagzeug entwickelte sich Mercury rasch zu einer der spektakulärsten Live-Persönlichkeiten der Rockmusik. Im Herbst 1973 sollten sie als Vorgruppe von Mott the Hoople durch England touren. Die Hauptband probte in einem alten, ungeheizten Kino. Alle trugen dicke Mäntel. Dann kamen Queen herein – geschniegelt in ihren Konzertkostümen. Freddie Mercury rannte über die Bühne, als stünde er bereits im Rampenlicht. Dabei war es nur eine Probe.
Und vor echtem Publikum setzte Queen konsequent auf Größe statt Zurückhaltung: Blitze, Rauchbomben, Trockeneis und ohrenbetäubende Lautstärke gehörten ebenso zur Show wie Mercurys charismatische Präsenz. Bis 1991 gelangen den Briten nicht weniger als 20 weltweite Superhits, darunter „Bohemian Rhapsody“ (1975), „Somebody to Love“ (1976), „We Will Rock You“ (1977), „We Are the Champions“ (1977), „Radio Ga Ga“ (1984) oder „The Show Must Go On“ (1991).
Im Sommer 1975 stieß Peter Hince als 20-Jähriger fest zu Queen, die gerade das Album „A Night at the Opera“ aufnahmen. Als Chef der Roadcrew kümmerte er sich persönlich um Freddie Mercury, der sich selbst „Mr. Fahrenheit“ nannte. Hince erzählt: „Sie waren brillant im Studio und konnten es mit dem Tontechniker, den sie hatten, optimal nutzen. Die Zeit, die sie mit Aufnahmen verbrachten, war enorm. Im Laufe der Jahre änderten sich das und der Stil der Musik, aber sie hatten immer diesen absoluten Perfektionismus. Vor allem ‚Bohemian Rhapsody‘ dauerte so lange, und niemand aus der Crew wusste, was es war, weil wir immer nur verschiedene Teilstücke hörten. Aber als sie die schließlich zusammenfügten, wussten wir, dieser Song war wirklich anders.“
„Er war ein guter Diplomat, aber auch eine echte Diva“
Je größer ihr Erfolg wurde, desto stärker wurde jedoch der Druck. Ihre Plattenfirma wollte, dass sie ein weiteres großes Album machen und damit um die Welt touren. Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre war Queen schließlich die größte Band der Welt – und die Erwartungen waren enorm geworden. „Und das Feiern nahm zu, nur um den Stress abzubauen“, erinnert sich Hince. „Sie waren Menschen wie du und ich und hatten Familien oder Partner. Trotz der Partys gab Freddie auf der Bühne immer alles, um das Publikum für sich zu gewinnen – auch an Tagen, an denen es ihm nicht gut ging.“
Die Vermutung liegt nahe, dass vor allem Mercurys Exaltiertheit den Erfolg von Queen ausgemacht habe. Peter Hince sieht das jedoch anders: „Eigentlich waren es alle vier. Freddie war die treibende Kraft, auch wenn er stets betonte, nicht der Boss, sondern nur der Sänger zu sein. Wenn es mit den Songs einmal nicht so gut lief, konnte der clevere Freddie die anderen überzeugen und die Situation entschärfen. Er war ein guter Diplomat, der das große Ganze im Blick behielt, konnte aber manchmal auch eine echte Diva sein.“
Auf die Frage, wie sich eine Queen-Show auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs anfühlte, gerät Hince ins Schwärmen. Die Konzerte seien „elektrisierend“ gewesen. Sobald die Band auf der Bühne ihre volle Dynamik entfaltet habe, sei die Spannung im Saal förmlich greifbar gewesen. Die Energie der Band sei in den besonderen Momenten unmittelbar auf das Publikum übergesprungen. Mit den perfekt durchinszenierten Stadionproduktionen heutiger Popstars sind die damaligen Auftritte von Queen kaum vergleichbar. Moderne Shows beeindrucken zwar mit computergesteuerten Effekten, riesigen Videowänden und präziser Technik. Doch der eigentliche Kern des Rock ’n’ Roll – die Unmittelbarkeit, die Rohheit und die explosive Energie – ist damals stärker zu erleben gewesen. Gerade diese Verbindung aus musikalischer Präzision, spontaner Energie und spektakulärer Inszenierung hat Queen den Ruf eingebracht, Abend für Abend eine außergewöhnliche Show zu liefern. Es sei, so Peter Hinces Fazit, schlicht eine andere Ära gewesen.
Ihre beiden allergrößten Shows spielte Queen 1985 bei Rock in Rio vor jeweils 300.000 Zuschauern. „Wir verfügten über ein fantastisches Live-Soundsystem und den besten Toningenieur, und ich war die ganze Zeit auf der Bühne“, erinnert sich der ehemalige Roadie. „Direkt neben Freddies Klavier stehend hörte ich vor allem das und seine Stimme.“ Freddie Mercury hat ihn auf der Bühne ständig überrascht. „Man wusste nie, wie er auf das Publikum reagieren würde. Ständig machte er etwas Theatralisches, um die Leute bei der Stange zu halten.“
Hielt Krankheit fast bis zum Tod geheim
Zu den eindrucksvollsten Erinnerungen zählt für Peter Hince der Auftritt von Queen beim „Live Aid“-Konzert am 13. Juli 1985 in London. Man kann es in seinem Buch „Queen hautnah“ (Hannibal Verlag) nachlesen. Da allen Bands dieselbe Spielzeit zur Verfügung stand, gab es im Wembley-Stadion weder aufwendige Lichtshows noch Spezialeffekte oder Nebelmaschinen. Stattdessen konzentrierten sich Queen ganz auf ihre Musik. Mehrere Tage lang probte die Band ihren rund 20-minütigen Auftritt, bis jeder Übergang und jeder Einsatz perfekt saßen. Die Erfahrung aus früheren Stadionkonzerten zahlte sich aus: Am Tag der Performance gelang es Freddie Mercury und seinen Bandkollegen, ihre gesamte Bühnenenergie zu entfesseln. Rückblickend, sagt Hince, sei es beeindruckend, auf welch außergewöhnlichem Niveau die Band damals spielte.
„One Vision of Queen“ heißt die Tribute-Show, die auch in Deutschland große Erfolge feiert. Wie gut Marc Martel (49) den Part von Freddie Mercury meistert, wurde ihm von Brian May und Roger Taylor persönlich bestätigt. Die beiden verbliebenen Queen-Mitglieder hatten den Kanadier 2011 für die offizielle Tribute-Show „The Queen Extravaganza“ ausgewählt. Zudem wirkte er am erfolgreichen Biopic „Bohemian Rhapsody“ mit. Nur in puncto Brustbehaarung kann der Sänger mit dem Original nicht ganz mithalten.
Ist die extreme dynamische Bandbreite von Freddie Mercury in komplexen Stücken wie „Bohemian Rhapsody“ eigentlich gefährlich für eine ungeübte Stimme? „Das hängt davon ab, wie genau Sie sie singen wollen“, erklärt Martel. „Wenn Sie versuchen, mit ihm mitzuhalten, würden Sie wahrscheinlich innerhalb weniger Stunden Ihre Stimme verlieren. Es braucht eine Menge technisches Training, um wirklich gut zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass Mercury – genau wie ich – sein Ohr auf Sänger gerichtet hat, die ihn faszinierten, und versucht hat, sie zu imitieren. Er beherrschte die Kunst, verschiedene Musikstile zu verschmelzen – Klassik, Oper, Rock und Pop in einem einzigen Song. Solche Künstler kann man nicht vergessen.“
„Mr. Fahrenheit“ starb am 24. November 1991 in seinem Londoner Haus an den Folgen einer durch Aids verursachten Lungenentzündung. Peter Hince erinnert sich noch genau an den Moment, als Mercury seine HIV-Infektion öffentlich machte. „Es war am Tag vor seinem Tod. Wir hatten alle eine Ahnung, wollten die Realität aber nicht akzeptieren. Dass er krank war, war schon lange klar. Wir haben es einfach verdrängt, weil er für uns dieser mächtige, superstarke Mann war, der alles besiegen konnte – was auch immer es war. Leider hat er es nicht geschafft. Das war ein ziemlicher Schock.“
Mit toten Rockstars lässt sich oft noch mehr Geld verdienen als zu deren Lebzeiten. 2024 verkauften die überlebenden Bandmitglieder ihren gesamten Musikkatalog für die Rekordsumme von rund 1,27 Milliarden US-Dollar (etwa 1,18 Milliarden Euro) an Sony Music.