Die VSG Altglienicke schrammte haarscharf an der Sensation im DFB-Pokal vorbei. Gegen den VfL Wolfsburg unterlag der Regionalligist erst im Elfmeterschießen. Und das in einem Ausweichstadion.
Offiziell heißt es das „Stadion auf dem Wurfplatz“. Gemeinhin wird es als Herthas Amateurstadion bezeichnet. Es liegt im historischen Olympiapark – nicht weit weg vom eigentlichen Olympiastadion in Berlin. Das ist seit 1985 fester Ort der Endspiele um den DFB-Pokal. Zunächst bis 2030 wird das so bleiben mit dem Gesang „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“. Das kleine Stadion war fünf Tage vor der 1. Runde im DFB-Pokal am vorletzten Montag des August bereits ausverkauft. 5.400 Tickets waren es am Ende. Bei den Heimpartien der U23 von Hertha BSC herrscht dort meist nicht die große Drängelei. Am Montag hatten hier aber auch nicht die Nachwuchskicker des Zweitligisten aus Charlottenburg Heimrecht, sondern ein anderer Viertligist: Die Volkssportgemeinschaft Altglienicke, besser als VSG Altglienicke bekannt. Als Außenseiter mit dem Heimspielrecht der „Amateure“ empfing man den VfL Wolfsburg in der ersten Runde des Pokals.
Sonnenberg vergibt Entscheidung
Die „Wölfe“ aus der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH gehören nach den Prognosen vieler Konkurrenten und der Spezialisten aus der Fachwelt zu den Top-Aufstiegsfavoriten in die oberste Liga. Sie kamen mit Fabian Reese, dem einstigen Liebling der Hertha-Fans, der im Elfmeterschießen Nerven zeigte. Dreimal führte der Regionalligist in 120 packenden Minuten und hatte auch im Elfmeterschießen die Nase vorn. Doch Sven Sonnenberg verschoss den fünften. Es ging bei Null los. Am Ende siegte der Favorit: „Drei Gegentore sind zu viel. Die Moral war top, aber wir haben viel Glück gehabt. Wir waren der Favorit und haben uns am Ende durchgesetzt“, sagte Wölfe-Trainer Tobias Strobl.
Gleiches zum Favoritenstand gilt für die Berliner aus der Regionalliga Nordost. Namhafte Verstärkungen für den ohnehin gut besetzten Kader der vergangenen Saison ließen Teile der Öffentlichkeit raunen. Das Ziel heißt: Die seltene Chance beim Schopfe packen, die Klasse als Meister mit direktem Aufstiegsrecht in Richtung 3. Liga zu verlassen. In der folgenden Saison sieht es bereits wieder anders aus; es gilt dann die schwierigere Aufstiegsregelung. Anthony Brooks (33), unter anderem Ex-Herthaner und Wolfsburger, 45-facher Auswahlspieler der USA, und Tolga Cigerci (34), ebenfalls früherer Herthaner und Profi in Istanbul bei Galatasaray und Fenerbahce, Aufstiegsheld bei Energie Cottbus zur 2. Liga, sind dazugekommen. Lennart Czyborra (27), der in Polen, Österreich und Italien spielte, überrascht mit seinem Wechsel ebenso. Alle sind aber Spieler mit Bezug zu Berlin, also spielt wohl neben dem finanziellen Aspekt auch der familiäre eine Rolle bei ihren ein wenig überraschenden Veränderungen.
Über die Grenzen von Berlin und Brandenburg hinaus hat der Club aus Berlin-Altglienicke mit seinem Heimrecht beinahe 60 km entfernt von der Hauptstadt Bekanntheit erlangt; eine Notlösung. Denn bekanntlich gibt es seit der Saison 2025/26 für die ambitionierten Kicker nur die Möglichkeit, im Stadion des FSV Union Fürstenwalde/Spree die Heimspiele auszutragen. Die Flucht nach Brandenburg als Ultima Ratio. Seit dem Abriss des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions in Prenzlauer Berg steht in der gesamten Stadt keine Spielfläche auf Dauer zur Verfügung, die den Vorgaben des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV) genügen könnte (Flutlicht, Trennung der Fanszenen, ferner Qualität von Kabinen und Spielfläche). Zwar gibt es das Poststadion in Moabit und die zur EM 2024 mit einigem Kapitaleinsatz teilsanierte Anlage im Mommsenstadion. Kapazität: 11.500 und tauglich für die 3. Liga. Die genannten Plätze sind aber bereits von anderen Ballspiel-Clubs und Leichtathleten belegt. Zu diesem Umstand haben sich die Vertreter (und Olympiakritiker) der VSG vor Kamera und Mikrofon schon einige Male geäußert und ihre Enttäuschung über den Sport in der Hauptstadt nicht verbergen können. Die Position in der Stadt als Nachfolger der anderen, früher ebenfalls als „schlafende Tiger“ eingestuften, ambitionierten Vereine wie BFC Dynamo und Viktoria 89 haben die Volkssportler bereits jetzt übernommen.
Mattuschka wehrt sich gegen Vorwürfe
Bevor es zum Duell der Berliner Mannschaft mit Aufstiegsambitionen gegen den Zweitligisten – und früheren Deutschen Meister der Bundesliga (2009 unter Trainer Felix Magath) – VfL Wolfsburg am vergangenen Montag kam, gab es andere Kost: In einem vorgezogenen Landespokalspiel der 1. Runde am Mittwochabend zuvor war ein unterklassiges Team der Gegner. Es heißt Borussia Pankow, war Vertreter der Kreisliga A und Gastgeber auf dem „Pichel“ an der Pichelsdorfer Straße in Berlin-Pankow an der Grenze zum alten Bezirksteil von Wedding. Die Altglienicker waren haushoher Favorit gegen eine Mannschaft, die fünf Klassen unter dem Regionalligisten zu Hause ist. Aber immerhin seit einiger Zeit auf einem schönen Kunstrasen neuester Generation mit ausreichendem Flutlicht spielen darf. Licht, das die etwa 250 Besucher der Partie an diesem bewölkten und nieseligen Abend bereits im ersten Abschnitt erfreulich finden dürften. Das Resultat steht für alle Beteiligten nicht an erster Stelle. Pankows Trainer Thorsten Schröder (seit drei Jahren Coach des Teams) ist nach Abpfiff glücklich: „Großartig, wir sind nach dem 0:9 (Halbzeit 0:3, Anm. d. Red.) bei den Gegentoren einstellig geblieben. Das war, neben der Devise, nicht zu mauern, eine unserer Vorgaben. Außerdem hat sich auf beiden Seiten niemand verletzt, was zu Saisonbeginn noch wichtiger ist“, sagt Schröder. Seine Mannschaft, die Bezirksliga-Absteiger ist, zählt sich zu den Teams, die berechtigte Hoffnung auf den Wiedereintritt in die höhere Klasse haben. Vor einer Verschmelzung bereits 1960 als BSG Traktor Blankenfelde gegründet, war der Verein wenige Kilometer weiter nahe der Stadtgrenze zu Schildow zu Hause. Die als ein volkseigenes Gut bezeichnete Agrarfläche gab den Anstoß für „Traktor“. Heute ist man bei Borussia Pankow froh, mit allen Mannschaften am „Pichel“ eine Heimat gefunden zu haben.
Bis man bei der VSG Altglienicke eine echte Heimat – dann im besten Fall als Mitglied der 3. Liga – gefunden hat, wird wohl noch einiges Wasser die Spree in Höhe Fürstenwalde Richtung Berlin fließen müssen. Die Voraussetzungen finanzieller Art für weitere Professionalisierung scheinen vorhanden. Namhafte Mitstreiter wie Torsten „Tusche“ Mattuschka, Altglienickes Sportchef und Union-Legende (mit Lied der Union-Fans), sowie Björn Brunnemann, Ex-St.-Paulianer und ebenfalls Ex-Unioner, haben hier bereits heute die richtigen Voraussetzungen, spricht man von höheren Klassen. Mattuschka kann auch ein eigenes Lied davon singen, wie es möglich wurde, aus der Siebtklassigkeit nach oben zu kommen.
„Wir haben in der Liga keinen schlechten Start gehabt. Nun müssen wir etwas Geduld für unsere angeschlagenen Top-Neuzugänge Cigerci und Brooks aufbringen“, sagt Trainer Dan Twardzik. Er weiß, dass sein Team von allen gejagt wird.