Die USA schwanken politisch zwischen Progressiven und Nationalpopulisten. Alex Karp, CEO der US- Sicherheitsfirma Palantir, fordert in seinem Buch „The Technological Republic“ mehr Nationalismus. Prof. Dr. Franz-Alois Fischer plädiert für Nüchternheit vor Empörung: Karps Diagnose sei im Kern richtig.
Herr Professor Fischer, warum wird „The Technological Republic“ so kontrovers diskutiert?
Palantir ist ja seit ein paar Jahren in aller Munde. Gegründet wurde das Unternehmen ursprünglich von Peter Thiel, seit vielen Jahren ist aber Alex Karp CEO. Und gerade in Deutschland ist Palantir in die Kritik geraten – wir reden viel über digitale Souveränität und darüber, wie abhängig wir von amerikanischen Tech-Unternehmen sind, was ja auch stimmt. Das Buch ist eine Diagnose des amerikanischen Systems aus Sicht Karps. Viele Tech-Unternehmer wie er gehen extrem offen mit ihren Ansichten um. Und Alex Karp ist dabei besonders auskunftsfreudig. Er hat dieses Buch veröffentlicht und befeuert die Debatte auch auf Social Media – zum Beispiel mit einem Thesenblatt mit rund 22 Thesen, das in Deutschland sehr kritisch aufgenommen wurde. Und deswegen möchte ich für etwas plädieren, bevor wir inhaltlich einsteigen: nicht sofort in die moralische Ablehnung und in die Hysterie zu gehen. Da sind Dinge drin, bei denen man schlucken muss. Aber ich würde erst mal dafür werben, sachlich und rational zu lesen und zu verstehen, was den Mann eigentlich umtreibt. Wenn wir in Deutschland sofort in moralische Empörung gehen, findet kein Austausch mehr statt – und die Dinge passieren trotzdem.
Das Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, aber welche Thesen halten Sie für zentral?
Das stimmt. Karp ist, auf Amerikanisch gesagt, all over the place. Man fragt sich manchmal, wie er auf den nächsten Gedanken kommt. Trotzdem kann man es sich analytisch zurechtlegen: Ich würde das Buch grob in drei Thesen aufteilen, die man durchaus unterschiedlich bewerten kann. Die erste These: Im Silicon Valley wurden in den vergangenen Jahrzehnten unglaubliche technologische Fortschritte erzielt – und ein Großteil davon wird, so Karp, für völlig trivialen Schwachsinn eingesetzt: für die nächste App, die dem Konsumenten irgendetwas einfacher macht. Da steckt sogar ein bisschen Kapitalismuskritik drin. Karp ist ja von seiner akademischen Sozialisierung her eigentlich ein Linker. Die zweite These: Als Gegenentwurf dazu fordert Karp eine Rückbesinnung auf einen nationalistischen Gedanken. Tech-Entwicklungen müssen rückgebunden werden – aus seiner Sicht natürlich – an die amerikanische Nation, den amerikanischen Staat. Und die dritte, nochmal kontroversere These: Das soll vor allem für militärische Zwecke eingesetzt werden, um die Vormachtstellung der USA – und damit auch irgendwie des Westens – gegenüber China zu erhalten.
Was sind die zustimmungsfähigen Elemente des Buches?
Die Diagnose selbst. Er beschreibt im zweiten Teil des Buches, was er „die Aushöhlung des amerikanischen Geistes“ nennt – eine kulturpessimistische Diagnose, dass der amerikanische Geist mehr oder minder inhaltsleer geworden ist. Wenn ich „amerikanisch“ durch „westlich“ ersetze: Da ist etwas dran. Das ist allerdings keine neue Diagnose. Spätestens seit John Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ Anfang der 1970er-Jahre gibt es einen ganzen Diskurs darüber, wofür eine liberale westliche Demokratie wertemäßig eigentlich steht. Karp ist der Hundertste, der darüber ein Buch schreibt, er zitiert auch Leute wie Michael Sandel. Ich kenne keinen restlos überzeugenden Ansatz, wie man es löst. In geistig-intellektueller Hinsicht wird das seit Jahrzehnten diskutiert. Wir könnten uns rückbesinnen auf griechische Tugenden zum Beispiel, aber wir leben nicht mehr in einer griechischen Polis. Und in politisch-praktischer Hinsicht stellt sich die Frage: Woher soll dieses Wertefundament kommen? Vom Staat? Das halte ich für nicht sinnvoll. Aus der Gesellschaft selbst? Da stellt sich die Frage, ob es in einer liberalen Demokratie noch eine gesellschaftlich vermittelte Gemeinsamkeit gibt. Religion ist schwierig wegen der Religionsfreiheit. Nationalismus hat etwas Anachronistisches. Und was wäre heute eine Version von Gemeinsamkeit, die man schaffen kann? Die Frage nach einem Wertefundament ist sehr drängend. Karps Lösungsvorschläge halte ich nicht für plausibel – aber die Diagnose teile ich.
Üben diese Gedanken dennoch Druck auf unsere Demokratie aus?
Die Gedanken darin – die ja nicht nur von Karp vertreten werden, sondern in ähnlicher Form auch von anderen sehr einflussreichen Figuren wie Elon Musk – üben massiven Druck auf europäische Demokratien aus. Und zwar, weil sie einen Resonanzraum bei vielen Menschen finden. Die wenigsten haben sich damit vertieft beschäftigt, aber sie spüren: Da ist etwas ins Wanken geraten, da fehlt uns ein Wertebezug. Und was ich zusätzlich als sehr große Gefahr sehe: Ein Teil dieser amerikanischen Tech-Unternehmer versucht massiv, über Social Media Druck auf europäische Demokratien aufzubauen. Musk unterstützt Parteien wie die AfD oder den RN in Frankreich, die an einer Destabilisierung der EU interessiert sind. Ich bin ziemlich sicher: Ein Motiv ist, dass die EU als einziger Akteur weltweit ernsthaft versucht, Tech zu regulieren – mehr schlecht als recht, aber sie versucht es. Und damit ist die EU ein Gegner dieser Tech-Unternehmer.
Palantir ist aus der US-Angst nach den Anschlägen vom 9. September auf das World Trade Center geboren. Wie viel von Karps Gedankengut ist angstgetrieben?
In seinem eigenen Mindset wahrscheinlich nicht so stark. Aber natürlich sind die Existenz und vermeintliche Notwendigkeit von Palantir auf diese Verwundbarkeit, die Amerika bei 9/11 erfahren hat, zurückzuführen. Mittlerweile geht es aber weit darüber hinaus. Die eigentliche Angst ist jetzt: Wir werden von China als Weltmacht abgelöst. Das ist ja ein offenes Geheimnis, dass die amerikanische Rolle des vergangenen Jahrhunderts nicht in dieser starken Form weitergehen kann. Der ideelle Einfluss und die Hoffnung, die ganze Welt nach ihrem Vorbild zu demokratisieren, haben sich etwas zerschlagen. Das dialektisch Verrückte daran: Diese Ablösung der USA wird durch Trump noch beschleunigt. Dadurch, dass man ihn zum zweiten Mal gewählt hat, wird genau das vollzogen, was sie eigentlich verhindern wollen. Und natürlich braucht Palantir eine gewisse Angst, um seine Produkte zu verkaufen – das schließt den Kreis.
In sozialen Medien kursiert der Begriff „Technofaschismus“. Können Sie damit etwas anfangen?
Ich kann etwas anfangen mit dem Sentiment dahinter. Es ist ja schon krude, was einem da begegnet: Linksintellektuell sozialisierte Tech-Milliardäre werben dafür, ihre Unternehmen in den Dienst des amerikanischen Militärs zu stellen. Das hätte vor 20 Jahren niemand erwartet. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass wir es gleich mit Technofaschismus zu tun haben. Der Begriff Faschismus ist sowieso sehr diffus. Ich würde lieber von Autokratie sprechen, weil das begriffsschärfer ist. Vor allem halte ich den Begriff für nicht hilfreich, weil er wieder nur zwei Reaktionen zulässt: moralische Empörung, ohne sich mit den Hintergründen zu beschäftigen – oder man schließt sich der Bewegung an. Das ist aus meiner Sicht nicht weiterführend.
Birgt das Buch auch autoritäre Tendenzen?
Ganz sicher. Karp zitiert am Anfang Michael Sandel: „Wo Liberale sich fürchten, Stellung zu beziehen, eilen Fundamentalisten herbei.“ Karp sieht sich selbst als den Liberalen, der Stellung bezieht, damit kein Fundamentalist in die Lücke springt. Aber man kann das auch anders lesen: Karp ist einer dieser Fundamentalisten, die genau in diese Leerstelle hineingehen. Und diese Gefahr ist riesengroß. Wo es keine wertemäßige Sicherheit gibt, hat der Autokrat immer eine Chance. Trump ist in dem Zusammenhang kein Faschist – dafür fehlt es, glaube ich, schon am intellektuellen Hintergrund. Aber er hat autokratische Züge. Autokratische Strukturen treten mehr oder minder automatisch auf, wenn die Gegenmechanismen schwächer werden. Und diese Mechanismen sind zwar nicht weg, aber sie sind schwächer geworden.
Ist das Buch Firmen-PR?
Auch, ja – selbstverständlich. Er schreibt oft über Palantir und hat eine firmenbezogene Agenda. Aber ich würde sagen: Die Tatsache, dass das Firmen-PR ist, sollte nicht dazu führen, es deshalb ad acta zu legen. Viele Bücher, die von Personen des öffentlichen Lebens veröffentlicht werden, sind PR-Bücher. Und bei Karp ist das immerhin offen und transparent – er versteckt das gar nicht.
Abschließend: Was gibt Ihnen das Buch mit auf den Weg?
Mir war wichtig, nicht gleich in moralische Empörung zu verfallen. Auch wenn da Empörendes dabei ist: Es hilft zu verstehen, wie diese Leute ticken.
Und sie tun uns den Gefallen, das ganz offenzulegen. Es hilft auch, Debatten über technologische Veränderungen zu führen, gerade im Hinblick auf KI, die den Sozialstaat vor riesige Herausforderungen stellen wird. Und wie wir mit Militär und Sicherheit umgehen: Wir kaufen derzeit Panzer, aber das Denken beim Aufrüsten scheint im 20. Jahrhundert gefangen zu sein, obwohl wir uns für Drohnen- und KI-Angriffe rüsten müssten.