Fatbiking ist ein Sport, den Winterdestinationen als coole Alternative zu Skifahren und Co. entdeckt haben – zum Beispiel im Skigebiet Ruka-Kuusamo in Finnland.
Die Kinder können sich vor Lachen kaum halten. Dabei droht das Vorhaben, auf Fatbikes durch die verschneite Taiga-Landschaft zu cruisen, zu scheitern. Ein ums andere Mal versuchen auch Mama und Papa, sich für ein paar Meter im Sattel zu halten. Aber das Vorderrad versinkt bei jedem Versuch weiterzufahren bis zur Nabe im Schnee.
Während sich die Eltern mit einem Bein abstützen, um nicht umzukippen und dabei nun bis zum Knie im Weiß steckenbleiben, finden die beiden Söhne Gefallen daran, samt Bikes theatralisch umzukippen. Toll sind die Abdrücke, die Rahmen und Körper hinterlassen. Aber vorwärts kommen wir so nicht.
Ein kleines Abenteuer
Fatbiking, das wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren in Alaska und anderen Orten der USA erstmals praktiziert; Bastler bauten sich ihre Mountainbikes um. Mit ultrabreiten Reifen wollten sie Rennen auch unter widrigen Winterbedingungen bestehen. Nun setzen immer mehr Wintersportorte in Europa auf den Trendsport (siehe Kasten). Nicht, um sich selbst Konkurrenz zu machen, sondern um den Gästen ein breiteres Spektrum zu bieten, Abwechslung von Liften und Pisten, Ski und Snowboards, wenn ihnen der Sinn nach Mikroabenteuern steht.
Das Motto: Jenseits des Trubels die Natur entdecken. Nur dass man anders als beim Skilanglauf nicht etwa auf Skatingskills angewiesen ist, sondern schlicht Fahrradfahren können muss, und das verlernt man bekanntlich nie. So zumindest die Theorie und das Versprechen des örtlichen Ski-und-Bike-Verleihs in Ruka: Fatbiking, das sei der exotische Winterspaß für die ganze Familie, hieß es. Was immerhin stimmt: Es ist ein Gemeinschaftserlebnis, man verliert sich selten aus den Augen, wie das mitunter auf Skipisten passiert.
Trotz E-Antrieb körperlich aktiv
Aber gerade verlangt uns der fluffige Untergrund – es hat über Nacht mächtig nachgeschneit – Extra-Skills ab, die man zu Hause auf dem Weg zum Bäcker selten braucht. Obwohl die Fahrräder neben den Monster-Pneus einen helfenden E-Motor haben, gleicht die Tour einem Geschicklichkeitsparcours. Tempo halten (sofern es gelingt, überhaupt welches aufzunehmen) und nur wenig lenken. Denn wenn das Vorderrad zu schlingern beginnt, hat man wieder verloren.
Zum Glück haben wir nur Anfängerpech, so widersprüchlich das klingt. Es liegt an der ungewöhnlich großen Menge Neuschnee. Denn normalerweise sind die Wege durch Schneeschuhwanderer immer schon festgetreten, sodass das Biken leichter fällt. Während der Vater gerade noch darüber nachdenkt, ob der Motorschlitten – in der Taiga ein alltäglicher Begleiter und mittlerweile auch Klassiker als Touristenvergnügen –
die bessere Wahl gewesen wäre, ändert sich die Lage. Die Fahrbahn wird besser, wir kommen ins Rollen. Der versprochene Spaßfaktor im Polarwald steigt, auch für die Eltern. Im Zickzack surren wir zwischen den krüppeligen Bäumen umher – und das viel leiser als mit einem Motorschlitten, zudem ohne Abgase. Und warm wird uns – trotz Elektrohilfe ist man körperlich aktiv.
Insgesamt 40 Kilometer an Trails sind im Winter für Fatbikes rund um den Skiberg Rukatunturi ausgeschildert, der mit 41 Pisten eines der größten Skigebiete Finnlands beherbergt. Die Distanzen sind nicht so lang, dass sich nicht auch Familien mit Kindern ins Vergnügen stürzen könnten und ein E-Bike-Akku nicht auf einer Halbtagestour selbst bei klirrenden Minusgraden durchhalten würde (Minus 21 Grad zeigt das Handy am Morgen). Denn das muss er: Entlang der Trails gibt es keine Ladestationen. „Fahrt erst in niedriger Stufe, um Energie zu sparen“, hatte der Mitarbeiter im Verleih geraten. Sicher sei sicher und ansonsten: „Just survive!“
Das Profil der Reifen knirscht im Schnee, als es bergauf geht Richtung „Rukanhuippu“ (übersetzt Ruka-Gipfel); so nennt sich eine Ferienvilla auf einem der höchsten Punkte des Fjells auf knapp 500 Metern. Die Aussicht in die Winterwelt ist nicht alpin, aber ebenbürtig herrlich: Das Licht schimmert zwischen Hellblau und Rosa. Die überall herumstehenden kleinwüchsigen Kiefern tragen dicke weiße Kissen auf ihren Armen. Sie scheinen so bewegungslos, dass der Frost im borealen Klima sie vor Monaten ereilt haben muss und seitdem Stillstand herrscht. Fast schon eine politische Metapher.
Denn der Blick über die im Kälteschlaf versunkene hügelige Seen- und Sumpflandschaft der Taiga holt einen auch auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Sicht reicht bis Russland, zu dem Finnland im Zuge des eigenen Nato-Beitritts die von hier nur 30 Kilometer entfernte Grenze Ende 2023 schloss. Seitdem kommen keine Touristen aus dem Nachbarland mehr ins nahe Skigebiet Ruka-Kuusamo. An sie erinnern derzeit nur die russischsprachigen Schilder in den Verleih-Shops.
Loipen werden gerne genutzt
Mittag machen wir wie die Finnen. Wir stellen die Bikes vor einer Hütte des Skigebiets ab, wo schon jede Menge Ski parken. Drinnen umzüngeln im Kamin die Flammen ein paar Holzscheite, es werden Würstchen aus Rucksack und Plastikverpackung geholt, über dem Rost gegrillt und dazu weiche Brötchen und Ketchup verzehrt. Die Teetassen dampfen. Der Selfservice ist allemal günstiger, als in eines der Pistenrestaurants einzukehren, wo allerdings typisch Finnisches wartet wie Elchfleisch mit Preiselbeeren auf Kartoffelpüree.
Populär sind auch die über das Ruka-Resort verteilten hölzernen Verschläge, vor denen ein Feuer lodert. Wir ziehen die Bremshebel, gesellen uns zu Skitouristen, die mit klobigem Schuhwerk dicht an Glut und Flammen ihre roten Hände Richtung Wärme ausstrecken, und tun es ihnen gleich. Beim Winterradeln in Ruka kreuzen sich die Wege mit denen der Alpinsportler, aber nach dem Essen und Aufwärmen trennen sie sich wieder. Die einen zieht es zurück an die Lifte, die anderen auf die sich in der Taiga verlierenden Wege, auf die zugefrorenen Seen wie den Talvijärvi am Ortsrand von Ruka, wo auch Skilangläufer dahingleiten.
Viele der Fatbiker nutzen die Skilanglauf-Strecken. Das ist ein Tipp, denn dort sind die Wege gut eingefahren und das Wegenetz erweitert sich dadurch um Hunderte Kilometer. Nur sollte man sich davor hüten, die Loipen mit den Reifen zu kreuzen. Die Spuren sind den Finnen heilig, Skilanglauf ist Nationalsport. Doch achtet man aufeinander, beschwert sich niemand. Eher grüßt man sich von Sattel zu Skistock. Und den anderen Tag von Skistock zu Sattel, schließlich unternehmen viele der Gäste die Fahrradtouren tatsächlich zur Abwechslung. Weil sich Radeln im Winter wachsender Beliebtheit erfreue, werden auch eigens für die Fatbiker neue Routen angelegt, erfährt man.
Als wir die Räder nach der Halbtagestour am Verleih zurückgeben und die Sonne gerade schon wieder untergeht, sind die E-Bike-Akkus noch halbvoll – dem Frost zum Trotz. Am Abend sitzen wir in der Rauchsauna am See Pyhä. Das Schwitzritual darf auf keiner winterlichen Finnlandreise fehlen. Dabei ist es ganz egal, ob man sich die Entspannung in der Kälte der Taiga auf Brettern verdient hat oder auf Breitreifen.