Die Bar „Chiaro“ im „Hotel de Rome“ hat sich von der benachbarten Staatsoper inspirieren lassen. Am Bebelplatz werden Cocktails und Barfood als Hommage an die großen Komponisten und ihre Opern zelebriert.
Aidas Leben war tragisch: Erst wird die äthiopische Königstochter als Geisel nach Ägypten verschleppt und als Sklavin gehalten. Dann verliebt sie sich in den Feldherren Radamès und zieht damit die Eifersucht der Pharaonentochter auf sich. Am Ende entscheidet sie sich, ihren zum Tode verurteilten Geliebten ins Jenseits zu begleiten. Nichts ahnend von Giuseppe Verdis Oper und dem schweren Leben seiner Protagonistin gehe ich über den Bebelplatz mitten im historischen Berlin. Nicht weniger geschichtsträchtig ist auch das „Hotel de Rome“, in dem ich jetzt ankomme. Das im Stil der italienischen Renaissance im Jahr 1889 erbaute Haus war einst die Hauptstadt-Zentrale der Dresdner Bank. Dass ich hier später die Bekanntschaft mit Aida und anderen Opernfiguren machen werde, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst einmal bin ich beeindruckt von der lichtdurchfluteten Lobby des Fünf-Sterne-Hotels samt seinen Marmorsäulen, den opulenten Wand- und Pendelleuchten und dem originalen Glasdach. Es stammt noch aus jener Zeit, als sich hier die Schalterhalle der Bank befand.
George Clooney war schon hier
Auf einem der samtbezogenen Chaiselongue sitzt meine Begleiterin, die schon auf mich gewartet hat und mit mir heute die Bar des 2006 eröffneten Hotels erkunden möchte. Sie befindet sich gleich rechts von der Lobby und nennt sich „Chiaro“ – das italienische Wort für „klar“. So viel semantische Reminiszenz an das südeuropäische Land und seine Sprache muss sein. Schließlich liegt der Hotelbetrieb in den Händen einer renommierten Hoteliersfamilie, die zwar ihren Sitz in London, aber italienische Wurzeln hat. Das „Hotel de Rome“ gehört zu den Rocco-Forte-Hotels – einer Kollektion von mehr als einem Dutzend individueller Hotels, Resorts, Residenzen und Villen, die 1996 von Sir Rocco Forte und seiner Schwester Olga Polizzi ins Leben gerufen wurde. Olga Polizzi, die einst auf eine Kunstschule ging, ist als Design-Direktorin für die Innengestaltung der Hotels verantwortlich. Und so hat sie auch bei der Gestaltung der Bar Hand angelegt.
Im „Chiaro“ treffen dunkles Holz, ein Klavierflügel und Marmortische auf Wände, die mit salbeigrünen und weißen Holzpaneelen versehen sind. Ein besonderer Blickfang sind die großformatigen Fotocollagen von Axel Crieger. Auf den Schwarz-Weiß-Bildern verwebt der Foto-Künstler Porträts von J. F. Kennedy und bekannten Filmstars kunstvoll mit der historischen Kulisse des Hotels. Eine der Fotomontagen zeigt beispielsweise George Clooney, Brad Pitt und Leonardo DiCaprio zusammen in lässiger Pose in der Hotel-Bar. „Sie waren tatsächlich Gäste in unserem Haus“, weiß Türkan Arikan, die PR-Chefin des Hotels, zu berichten. Allerdings waren die Hollywoodstars nicht gleichzeitig vor Ort. Die ikonischen Porträts vermischen gekonnt Illusion und Wirklichkeit und geben den eleganten Räumlichkeiten einen cineastischen Touch. „Wir haben hier wechselnde Ausstellungen“, erläutert die PR-Chefin. Auch Bilder des US-amerikanischen Künstlers Julian Schnabel hingen schon über den Köpfen der Gäste.
Auch Cocktails ohne Alkohol
Meine Begleiterin und ich passieren den zehn Meter langen Bartresen und nehmen in einem kleinen Séparée Platz, dem Velvet-Room, der mit seinen Erdtönen und den samtbezogenen Sesseln und Sofas sofort Behaglichkeit vermittelt. Wir genießen den Blick auf den Bebelplatz, dann gesellt sich auch die Bar-Managerin Lia Melo Ribeiro zu unserem Team. Die Berlinerin hat ihre Ausbildung als Hotelfachfrau im „Hotel de Rome“ gemacht und sich dann in die kreative wie herausfordernde Arbeit hinter dem Tresen „verliebt“, wie sie uns im Gespräch erzählt. Schließlich erläutert sie uns das Konzept der Bar. Hierbei haben sich die Gastronomen von der Staatsoper inspirieren lassen, die gleich nebenan am Bebelplatz liegt. Und so wurde aus der Cocktailkarte eine kreative Hommage an die Oper. Jeder Drink trägt den Namen einer Arie. Die Idee dabei war es, die Handlung und Emotionen der jeweiligen Werke in flüssige Kunstwerke zu übersetzen. Dazu haben der frühere Barchef und sein Team mehr als einfach nur den Spielplan studiert. Vielmehr gab es einen regen Austausch zwischen den Mitarbeitern des Hotels und den Sängerinnen, Künstlern und Regisseuren der Oper. Bis die von den Musikstücken inspirierten Drink-Kunstwerke fertig komponiert waren, ging ein Dreivierteljahr ins Land. „Wir wollten den Stücken auch gerecht werden“, erläutert die Barchefin Lia Melo Ribeiro den Prozess. „In der Barszene ist es wie beim Kochen. Wenn die Ansprüche hoch sind, kann es lange dauern. Aber manchmal ergeben spontane Versuche auch das beste Resultat.“ Ein sich ständig erweiterndes Rezept hat dem Team bei seinen Tüfteleien geholfen. Manche Kollegen hätten nachts von den Drinks geträumt und die Bilder aus den Träumen am nächsten Tag umgesetzt, erinnert sich Lia Melo Ribeiro an den Schaffensprozess. Das Resultat kann sich sehen lassen: Von „Carmen“ über „Turandot“ bis hin zur „Hochzeit des Figaro“ sind 14 der nebenan aufgeführten Stücke dabei.
Darunter fallen auch zwei alkoholfreie Varianten wie etwa die Komposition namens „Siegfried“ aus dem dritten Teil von Richard Wagners Nibelungensage. In der Karte wird uns die Komposition um den Drachentöter als „Geschmack des Abenteuers, wenn ein furchtloser Jugendlicher sein Schicksal herausfordert“ angepriesen. Tatsächlich soll der Cocktail zum heutigen Favoriten meiner Begleitung und von mir werden. Die Kreation aus alkoholfreiem Gin, Earl Grey-Tee, Gurke, Zitrone, Lavendel und Eischnee hat eine ausgewogene Tiefe, die zugleich süß, fruchtig und sauer schmeckt. Derart in der inneren Mitte kann man wohl jedwede Ungetüme mit Gelassenheit besiegen.
Dann tasten wir uns langsam an die alkoholischen Opern-Hommagen heran. Beflügelnd exotisch und nach Zitrusnoten schmeckend entfaltet sich „Madama Butterfly“ auf unseren Gaumen. Die Kreation aus japanischem Roku-Gin, Yuzu Sake, Verjus, Holunderblüten und Tonic Water ist zudem ein faszinierendes visuelles Erlebnis. Fusioniert mit dem Tee asiatischer Schmetterlingserbsen, kann die Komposition ihre volle Farbpracht entfalten und changiert zwischen Blau und Violett. Als Augenweide in Pink- und Rosétönen sowie mit Rosenblättern auf dem Eiweißhäubchen verziert zeigt sich der florale „L’Elisir d’amore“. Der Liebestrunk ist inspiriert von Gaetano Donizettis gleichnamigem Melodrama. Die flüssige Komposition basiert auf Gin und Himbeerlikör, getuned mit Lavendel, Zitrone und einem Blaubeer-Cordial.
Nicht nur für die Drinks, sondern auch für das Barfood haben sich die findigen Mitarbeiter unter der Regie des italienischen Küchenchefs Fulvio Pierangelini von ihren musikbeflissenen Nachbarn beflügeln lassen. „Das Team hat viel recherchiert und gut überlegt, was wohl die Lieblingsspeisen der Komponisten waren und was sie wohl heute gern essen würden“, beschreiben unsere Gastgeberinnen den Prozess. Für uns bedeutet das eine Gaumenreise, die an die Vorlieben von Tschaikowski angelehnt ist. Der russische Musiker liebte anscheinend Meeriges. Die nach ihm benannte Speise besteht aus einer zarten Ceviche aus Jakobsmuscheln, Kartoffeln und Amalfizitronen. Meine Begleiterin und ich sind äußerst angetan.
Hausgemachte Eiscreme
Noch italienischer wird es interessanterweise bei Beethoven, der es mit hausgemachten Tonnarelli „Cacio e Pepe“ anscheinend etwas bodenständiger mochte. Die Pasta in ihrer cremig-schmelzenden Soße aus Pecorinokäse, Butter, Olivenöl, Pfeffer und Salz wird an der Behrendstraße allerdings noch von gegrilltem Hummerschwanz on top gekrönt – edel und überaus köstlich!
Für das süße Finale teilen wir uns ein Dessert, das uns nach Österreich führt. Obwohl bei dem Gedanken an Mozart eine Kugel naheliegender wäre, serviert man uns einen schokoladenüberzogenen Riegel. Beim Kosten stellt sich das Ganze als eine hausgemachte Eiscreme heraus. Genauer gesagt handelt es sich bei der feinen Nascherei um gefrorenes Haselnuss-Parfait mit kandierten Pistazien und Schokolade.
Am Ende lassen wir den Abend bei einem letzten Drink ausklingen. Zu diesem Zeitpunkt begegnet mir auch „Aida“ – zumindest in flüssiger Form. Die alkoholfreie Kreation besteht aus Hibiskustee und Ingwerlimonade, verfeinert mit Honig, Zitrone und frischem Thymian – angenehm kräuterig und erfrischend. Vor allem kommt die Hommage an Guiseppe Verdis Heldin ganz ohne Tragik oder gar Todesfolge aus.