Mit ihrer Symphonic-Metal-Band Beyond The Black steht Sängerin Jennifer Haben regelmäßig weit oben in den deutschen Charts. „Break The Silence“, ihr jüngstes Album, stand auf Rang zwei. Ende August eröffnet die Saarländerin die Veranstaltungsreihe „Neunkircher Nächte – Female Edition“.
Jennifer, Du hast als Kind schon Musikunterricht erhalten: Mit sechs Jahren am Klavier, drei Jahre später am Saxofon. Gitarre spielen kannst Du auch. Der Drang beziehungsweise Wunsch, Dich musikalisch auszudrücken: Wo kam der her?
Das kann ich gar nicht genau sagen. Er war einfach immer da. Meine Mom hat mir erzählt, dass ich früher im Globus in St. Wendel beim Einkaufen gerne lautstark gesungen habe, ohne das selbst zu merken. Bis dann die Kassiererin, oder wer auch immer dort saß, mich angegrinst hat. Dann erst fiel mir auf, dass ich scheinbar eine gewisse Leidenschaft habe und in meiner eigenen Welt bin.
Wenn man Videos von mir sieht, wie ich zum Beispiel mit fünf Jahren im Chor gesungen und relativ schnell Soloparts bekommen habe: Ich bin da einfach komplett entspannt und singe. Sobald die Musik aus war und ich gefragt wurde, wie ich heiße, habe ich nichts mehr gesagt und nur noch gegrinst. Das waren schon sehr, sehr unterschiedliche Welten für mich.
Ein schüchterner Mensch, der auf der Bühne aufblüht …
Ganz genau.
Beyond The Black gibt es seit 2014. Die Band steht für Symphonic Metal. Warum fiel die Wahl auf dieses Genre? War das gleich klar für Dich oder eine Entwicklung von den ersten Musikprojekten, die Du hattest, hin zu Beyond The Black?
Das war definitiv eine Entwicklung. Ich bin jemand, der sich in ganz vielen verschiedenen Musikrichtungen wohlfühlt und auch ganz viel Verschiedenes hört. Ich bin bis heute ein großer Fan von Filmmusik. Das wird mit ein Grund sein, weshalb sich das ein bisschen in Richtung Symphonic Metal entwickelt hat. Dort, wie auch im Melodic Metal, den wir ja zwischendurch auch immer mal wieder machen, also etwas weniger Orchester, dafür etwas elektronischer, hat man die Möglichkeit, unendlich viele verschiedene Emotionen zu verarbeiten. Es gibt diese kraftvolle Seite und das ganz Emotionale. Ich kann dadurch viele verschiedene Emotionen und Seiten von mir zeigen.
Woher nimmst Du die Inspirationen für Deine Texte?
Mir ist es sehr wichtig, dass ich einen Bezug habe. Auf „Break The Silence“ ist zum Beispiel das Thema Kommunikation extrem wichtig. Es gibt auf der Welt gerade nur noch extreme Meinungen, ein Schwarz und Weiß. Du wartest im Prinzip nur darauf, bis der andere ausgeredet hat, damit du deine Meinung loswerden kannst, statt einfach mal zuzuhören und zu versuchen zu verstehen, was der andere gerade gesagt hat. Du musst nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Was ist die Essenz von dem, was mir gerade gesagt wurde? Wir müssen einfach noch einmal lernen, diese Grautöne zu finden, und zu schauen, was uns vereint, statt auf das, was uns noch mehr voneinander trennt. Das war unser Leitsatz, der uns durch das ganze Album geführt hat.
Du hast einen eigenen Patreon-Account, den Fans abonnieren können. Was bekommen die dort geboten, und wie sehr trägt sowas zur Bindung mit den Fans bei?
Es gibt da vor allem andere Einblicke als auf den regulären Social-Media-Accounts. Es ist eben ein Jennifer-Haben-Account, das heißt, es gibt meine persönliche Seite zu sehen. Ich habe schon immer drauf geachtet, dass ich auf meinem eigenen Social-Media-Account nicht gewisse Grenzen überschreite. Es existiert wie gesagt dieses Schwarz-Weiß-Denken. Wenn du etwas postest, wird das irgendwie in irgendeiner Art und Weise bewertet. Patreon ist für mich eine Art Safe Space. Ich kann dort mein künstlerisches Ich ausleben, ohne dafür verurteilt zu werden oder dergleichen. Es kann auch mal etwas nicht so gut sein. Ich kann Dinge posten, ohne dass ich analytisch rangehe und mir vorher die Frage stellen muss, ob es gut genug für Social Media ist. Ich habe das sehr zu schätzen gelernt – auch, dass die Community untereinander eine enge Bindung findet. Es entstehen so viele schöne Momente, beispielsweise wenn sich Fans vor Ort treffen oder Freundschaft schließen. Das find ich total schön. Auf Patreon kriegen sie auch Behind-the-Scenes-Inhalte gezeigt, die normalerweise nicht gepostet werden. Ich versuche, auch immer mal wieder etwas Musikalisches einzustreuen – etwa ein paar Coversongs, die sich Fans wünschen können. Es gibt obendrein Livestreams, in denen wir uns austauschen oder miteinander Spiele zocken.
Du eröffnest mit deiner Band die Reihe „Neunkircher Nächte – Female Edition“. Mit Blick auf die Rolle der Frau im Musikbusiness: Hast Du das Gefühl, Dich als Frau immer noch mehr beweisen zu müssen als die männlichen Kollegen?
Mit Sicherheit ist es im Metal immer noch so, dass dort noch sehr, sehr wenige Frauen vertreten sind. Aber es wird besser. Man sieht auch viel mehr Role Models, die weitere nach sich ziehen. Das ist ein Prozess, der noch andauern wird.
Mit Beyond The Black wart ihr sowohl beim legendären Wacken Open Air zu Gast als auch bei Rock am Ring. Wie schaffst Du es, vor solchen Zuschauermassen keine weichen Knie zu bekommen?
Weiche Knie waren anfangs schon da. 2019 spielten wir auf Rock am Ring, einem der Festivals, die ich immer mal spielen wollte. Vor Ort dachte ich nur: Krass, das sieht riesig aus. Das war schon sehr besonders. So war es auch die ersten Male in Wacken, wo wir schon 2014 gespielt haben. Ich hatte vorher nichts gegessen, weil ich so nervös war.
Die größte Nervosität herrscht dann, wenn man Dinge macht, die man noch nicht zehn- oder 20-mal gemacht hat. Auf Tour gibt es bei den ersten Shows auch immer viel Nervosität. Aber das gehört mit dazu. Wenn ich mit einer gewissen Gleichgültigkeit auf die Bühne gehen würde, weil es halt „eine Show“ ist – das wäre es auch nicht. Du willst ja, dass es gut wird. Irgendwann kann man sich dann darauf einlassen, auf die Leute und spontane Dinge.
Musst Du Dich manchmal kneifen, weil Du schon so viel erreicht hast, was Dir vielleicht anfangs als unmöglich erschien? Ich denke zum Beispiel daran, dass eure letzten fünf Alben in den Top Fünf der deutschen Charts standen.
Spannende Frage, denn wenn du schon etwas erreicht hast, dann freust du dich über diesen Sieg und willst nicht mehr drunter landen. Das ist immer ein Kampf. Du freust dich vielleicht trotzdem über die zwei Plätze darunter. Aber man muss sich das erhalten und erarbeiten, dafür dankbar zu sein und das zu feiern. Nur ist das gar nicht so leicht, wie man denkt.