Das malerisch gelegene Grindelwald in der Schweiz ist nicht nur etwas für Besteiger und Bewunderer der Eigernordwand, sondern für alle Winterliebhaber. Ein Highlight ist das World Snow Festival, bei dem Mitte Januar internationale Eiskünstler zu Werke gehen.
Eiger, Mönch und Jungfrau: Dieses Gipfeltrio kennt die ganze Welt. Kein Wunder also, dass neben Europäern auch reihenweise Japaner, Südkoreaner, Inder und Nordamerikaner ins Berner Oberland pilgern, um die legendären (Fast-)Viertausender zu bestaunen. Am besten können sie das von Grindelwald aus oder, noch erhabener, mithilfe der 1912 eröffneten Jungfraubahn. Die zuckelt von der Kleinen Scheidegg hinauf zum 3.450 Meter hohen Jungfraujoch, Beiname „Top of Europe“. Top gestalten sich neben der waghalsigen Streckenführung und Europas höchstgelegenem Bahnhof auch die touristische Infrastruktur in den Etagen darunter. Neben dem über 200 Pistenkilometer umfassenden Zwei-Täler-Skigebiet gilt das vor allem für das knapp 4.000 Einwohner zählende „Gletscherdorf“, das sich Ende des 19. Jahrhunderts als einer der ersten Alpenorte überhaupt dem Wintertourismus öffnete. Die Gründe lagen und liegen vor der Haustür – und auf der Hand. „Vor allem im Winter ist Grindelwald magisch“, findet Isabelle vom Dahl. „Der Schnee verwandelt die Region in eine wahre Winterwunderwelt.“ Obendrauf kommt noch eine Kunstwunderwelt. Die jedenfalls verspricht das von der 28-Jährigen organisierte „World Snow Festival“, das 2026 zum 41. Mal stattfinden soll – zwischen dem 19. und 24. Januar, bei freiem Eintritt und mittendrin im „Eigerdorf“.
Motto des Festivals: Mythen und Legenden
Konkret sind die aus Deutschland, China, Italien und anderen Ländern anreisenden Künstlerinnen und Künstler auf dem Bärplatz und dem Eiger Nordwandplatz zugange, wo sie 3,5 mal 3,5 Meter große Schneeblöcke in Fantasiewerke verwandeln – mit Sägen, Pickeln, Spachteln und Feilen. „Wenn das Dorf schön verschneit ist – wie im letzten Jahr – und man die Teams bei der Arbeit beobachten kann, entsteht eine wunderbare, stimmungsvolle Atmosphäre“, so Isabelle vom Dahl, die 1997 im Sauerland fern der Alpen geboren wurde, aber dank (groß-)elterlicher Verbindungen in die Schweiz in nahezu allen Ferien nach Grindelwald kam, wo sie seit sechs Jahren im Eventbereich arbeitet und dort unter anderem das „World Snow Festival“ organisiert. „Was mir dabei besonders gut gefällt, ist, dass sich die Entwicklung der Skulpturen Tag für Tag verfolgen lässt, bis am Ende feinziselierte Fabelwesen, Bergkulissen und Riesengesichter entstehen.“ Was wohl diesmal herauskommt? Überraschung! Fest steht nur, dass die Werke zum Motto „Mythen und Legenden“ passen müssen und „neben den zehn Skulpturen im Ortskern drei auf dem Männlichen als Erweiterung des Events erstellt werden.“ Dabei gilt: Der Weg dort hinauf führt zum eigenen Event, liegt doch die Bergstation auf 2.225 Metern Höhe, was bei gutem Wetter spektakuläre Aussichten garantiert. Beim Abschluss am 23. Januar stehen schließlich die Bildhauerinnen und Bildhauer im Fokus, wenn deren Werke farblich beleuchtet – und beurteilt werden. Und das gleich im Doppelpack, wie Isabelle vom Dahl erklärt: „Zum einen bewerten die Künstler ihre Skulpturen gegenseitig. Eine zweite Rangliste repräsentiert die via Umfrage ermittelten Publikumslieblinge.“ Die lassen sich, gute Witterung vorausgesetzt, auch in den Folgetagen bewundern, eine beliebte Etappe beim ohnehin beliebten Dorfbummel. Der kann angesichts der vielen Geschäfte, Cafés und Raclette- wie Fondueverlockungen durchaus länger dauern. Kunstsinnige steuern hingegen die Reformierte Kirche aus dem 18. Jahrhundert an – Stichwort: schöne Rundbogenfenster und eine dekorativ bemalte Decke – oder erkundigen sich nach Ausstellungen und Kursen der Künstlergemeinschaft „Gilde Schweizer Bergmaler und Bergmalerinnen“.
Riesige Wegenetze für Schlittenfahrten
„Ich empfehle aber meistens einen Trip auf einen unserer Ausflugsberge“, sagt Isabelle vom Dahl. Schließlich ist rund um Grindelwald für jeden Outdoor-Geschmack etwas dabei, von den Skipisten am Männlichen oder am First (wo zudem die atemberaubende Aussichtsplattform „First View“ lockt) über Winterwanderwege bis hin zum zehn Kilometer umfassenden Loipennetz. Auf ein Zehnfaches kommt hingegen das Schlittenwegenetz mit seinen über zwei Dutzend Strecken in sämtlichen Schwierigkeitsgraden und Längen. Eine davon ist „Big Pintenfritz“. „Mit der Firstbahn geht es rauf auf rund 2.150 Meter Höhe, wo sich ein zweieinhalbstündiger Fußmarsch Richtung Faulhorn anschließt. Eine knapp 15 Kilometer lange Abfahrt entschädigt jedoch für alle Mühen.“ Rasante Rodler schaffen die Strecke in 30 Minuten. Vorausgesetzt, sie widerstehen den Verlockungen am Wegesrand, darunter „Anja’s Skibar“ und das „Rasthysi“. Fritz Bohren alias Pintenfritz gelang das selten. Man erzählt sich, dass der einstige Wirt des „Faulhorn-Restaurants“ nur allzu gern nach dem Schlitteln in einer der Pinten hängen geblieben sei. Daher der Name. Wenn auch nicht dafür: Der Mann gilt in der Region als Legende, eine andere ist das Velogemel. Dieser einspurige, lenkbare Sportschlitten – vergleichbar mit einem Fahrrad aus Holz, das Kufen anstelle von Rädern besitzt – ist eine Grindelwalder Erfindung und wird nirgends sonst in der Schweiz verwendet. Einige Einheimische fahren damit immer noch ins Dorf, Kinder benutzen ihn für den Schulweg. Als Unikum werden sie in alle Welt verkauft oder an Urlauber vermietet. Es gibt sogar eine jährliche Weltmeisterschaft. Diesmal werden am 8. Februar auf der Bussalp neue Champions gekürt. Gut zu wissen: Bei der launigen Veranstaltung darf jeder mitmachen, im Gegensatz zu der internationalen Curlingmeisterschaft von Grindelwald zwei Wochen zuvor. Bei der „Bull-Trophy“ kämpfen 24 internationale Teams um den Titel.
Einen anderen Titel erwarben sich die Grindelwalder im Übrigen 2024, als User der weltgrößten Reiseplattform Booking.com den Ort gar in die Top fünf der gastfreundlichsten Reiseziele wählten – und das weltweit. Das sorgt womöglich für einen weiteren Schub, so wie es bei der Eröffnung des Mammutprojekts V-Bahn im Jahr 2020 gelang. Dabei entstanden zwei Seilbahnen, ein Terminal als Talstation sowie eine moderne Bergstation samt Anschluss an die historische Jungfraubahn. Kurz: eine Top-Verbindung aus Alt und Neu.