Regionalligist VSG Altglienicke will kommende Saison den Sprung in die 3. Liga schaffen. Trotz schwieriger Wintervorbereitung mit vielen Ausfällen halten die Treptower unbeirrt an ihrem Plan fest.
Man kennt es eigentlich nur vom Bolzplatz, dass eine größere Gruppe jener in Unterzahl Spieler abgibt, um das numerische Gleichgewicht herzustellen. Doch so verhielt es sich auch beim ersten Vorbereitungsspiel des Jahres der VSG Altglienicke bei Energie Cottbus – für den über zweimal 60 Minuten angelegten Test hatten die Berliner mit 18 Fußballern zwei zu wenig zur Verfügung. Der Drittligist sorgte dann für Zufriedenheit auf beiden Seiten, als er dem Gegner zwei Spieler überließ. Die Anekdote regte aber nur vordergründig zum Schmunzeln an, denn die Situation beim Regionalligisten war einer gehäuften Anzahl von Ausfällen durch Blessuren oder Erkrankungen geschuldet. Insofern war das 2:2 inklusive einer ordentlichen Leistung in diesem Test ein achtbares Resultat. Drei der vier folgenden Partien wurden dann sogar ganz abgesagt – mal aufgrund der Witterung, mal wegen der dünnen Personaldecke der Treptower. Die zweite Begegnung konnte dann bei Zweitligist Eintracht Braunschweig stattfinden, wo man angesichts der knappen 1:2-Niederlage erneut ein gutes Resultat verzeichnete – obwohl, wie Trainer Ersan Parlatan es formulierte, „fast die halbe Mannschaft gefehlt hat.“
Skurriles Vorbereitungsspiel
Darunter auch Top-Torjäger Jonas Nietfeld (er hat bislang 15 der 30 VSG-Tore erzielt) oder Kapitän Philip Türpitz. Dazu konnten von den vier Winterzugängen bis dato nur Mehmet Ibrahimi und Jonas Weik mitwirken. So kam es also vor dem Ligaauftakt am Sonntag beim Tabellenzweiten FC Carl Zeiss Jena in der Vorbereitung lediglich zu vier Tests. Dabei durfte man auch aufgrund der neuen Spieler gespannt sein: Schließlich bringen bis auf Ibrahimi alle Drittligaerfahrung mit – der 22-jährige Flügelstürmer aber kann immerhin 17 Einsätze für Blau-Weiß Linz in der österreichischen Bundesliga vorweisen sowie zwei für Eintracht Braunschweig in der 2. Liga. Linksverteidiger Weik war zwar seit Sommer 2025 vereinslos, der 25-Jährige absolvierte aber insgesamt 46 Drittligaeinsätze (für SV Waldhof, SV Sandhausen). Der gleichaltrige Erik Tallig stand sogar schon bei 121 Partien in der untersten nationalen Spielklasse (für Chemnitzer FC, 1860 München), ehe ein Kreuzbandriss seine Karriere im Frühjahr 2023 stoppte. Ein Comebackversuch bei Jahn Regensburg scheiterte wegen einer erneuten Knieverletzung im Februar 2024, nach seinem Wechsel zu Energie Cottbus kam der offensive Mittelfeldspieler dann kaum noch zum Zug. Und Nikos Zografakis, der vom griechischen Zweitligisten Kallithea Athen kommt, ist in Berlin und Brandenburg bestens bekannt: Der heute 26-jährige Stürmer wurde schließlich in der Akademie von Hertha BSC ausgebildet und spielte für die U23 sowie Energie Cottbus in der Nordost-Staffel, dazu im Südwesten bei Stuttgart II und Hessen Kassel. Außerdem kam er 2022/23 zu 14 Einsätzen für den SC Verl in der 3. Liga – nun ist er nach einem halben Jahr in Griechenland wieder zurück in der Hauptstadt, lag jedoch zuletzt wie Tallig noch auf Eis.
Aber: Die VSG hat diesen Winter wieder mehrere Hochkaräter geholt – was hat man sich also vorgenommen? „Es gilt, den Punkteschnitt (1,79 Punkte pro Partie, Anm. d. Red.) aus den ersten 19 Saisonpartien zu schlagen, wir wollen unsere Platzierung verbessern“, umriss Ersan Parlatan zunächst die interne Zielsetzung gegenüber dem „Kicker“. Dazu steht man im Halbfinale des Berliner Landespokals, im Fall des Titelgewinns würde eine Teilnahme am DFB-Pokal 2026/27 winken. „Wir haben den Anspruch, hinter Union und Hertha die beste Berliner Mannschaft zu sein – sowohl in der Meisterschaft als auch im Landespokal. Die Saison mit einem Titel abzuschließen, wäre die Krönung.“
Vor 20 Jahren noch zehntklassig
Da sowohl der Übungsleiter als auch der Verein aber ambitioniert sind, will man sich perspektivisch nicht darauf beschränken, in der Regionalliga Nordost der beste Berliner Vertreter zu werden. Dies dürfte nur noch für diese Spielzeit gelten – angesichts des aktuellen Rückstands von zwölf Punkten zu Platz 1. In der Saison 2026/27 aber darf der Meister der Staffel (wie alle drei Jahre) wieder direkt aufsteigen. Dann wird die VSG zum Angriff auf die 3. Liga blasen, anders lässt sich für einen Verein mit eher kleinerem Umfeld die sportliche und wirtschaftliche Zukunft nicht darstellen. Im Gegensatz zu Viktoria vor einigen Jahren – die „Himmelblauen“ stiegen nach einer Saison in der 3. Liga wieder ab und kämpfen mittlerweile in der Oberliga um ihr Überleben – scheinen die Altglienicker dabei finanziell so aufgestellt, dass sie die in der 3. Liga wirtschaftlich ebenfalls schwierige Perspektive abfedern könnten. Vom Umfeld wären zwar eher Ligarivale BFC Dynamo oder Tennis Borussia (Oberliga) prädestiniert für die Rolle als Nummer drei – doch bei beiden Clubs hapert es am finanziellen Potenzial. Diesen Vorteil will man sich wohl nun endgültig zunutze machen bei der VSG, die vor gut 20 Jahren noch in der zehnten Liga spielte – und wo man nach dem „Höhenflug“ bis in die Berlin-Liga feststellte, dass es keinen Sinn ergibt, wenn man nicht weiter aufsteigt. In der Regionalliga spielte man dabei oft vorne mit, der große Wurf gelang jedoch nicht – nun soll 2026/27 der nächste Anlauf genommen werden.
Trainer Parlatan, der viel Erfahrung in Deutschland und der Türkei sammeln konnte, scheint dafür der passende Mann zu sein. Der 48-Jährige ist ehrgeizig und besonders nach seinen Stationen als Chef bei den Kickers Offenbach oder dem Wuppertaler SV, beim türkischen Erstligisten Göztepe Izmir oder der kurzen Episode bei Zweitligist 1. FC Nürnberg (beide als Co-Trainer) heiß, sich noch mal auf nationaler Ebene zu beweisen. Neben den Winterzugängen wie Nietfeld oder Türpitz haben dazu weitere Spieler im Kader höherklassige Erfahrung – zum Beispiel Tim Rieder (fünf BL-Einsätze für Augsburg) oder Damian Roßbach (159-mal 2. Liga). Auch auf operativer Ebene ist der Verein stets umtriebig: Mit Johannes und Paul Manske wurde zwei Spielern der Weg vom frühen Karriereende direkt in die Geschäftsleitung geebnet, wo sie den Bereich „Strategie & Vereinsentwicklung“ verantworten. Wird die VSG Altglienicke auch oft von der Konkurrenz argwöhnisch betrachtet ob des kleinen Umfelds im direkten Gegensatz zur finanziellen Ausstattung, so verfolgt man in Treptow sein Ziel weiter beharrlich. Und vor allen Dingen: mit einem Plan.