In den Fußstapfen des legendären Max Schmeling stieg Bubi Scholz zum populärsten Boxer auf und wurde zu einem bewunderten Idol der Wirtschaftswunderjahre. Nach der Tötung seiner Ehefrau 1984 geriet der Berliner jedoch jäh ins soziale Abseits.
Nach Kriegsende hatten in den Hungerjahren wohl nur wenige Deutsche einen Gedanken an den amerikanischen Traum einer märchenhaften Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär verschwendet. Das hatte sicherlich auch für Gustav Scholz gegolten, der zwar nicht den Spüllappen in einem Berliner Gastronomiebetrieb geschwungen, aber immerhin als Lehrkoch angefangen hatte. Aber der junge Mann, den wegen seines schmächtigen Aussehens alle nur „Bubi“ nannten, war bereit, seinen Mini-Lohn in eine Ausbildung zum Profi-Boxer zu investieren. Dass ihn der Weg gesellschaftlich wirklich nach ganz oben führen würde, konnte der im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg Aufgewachsene allerdings kaum voraussehen.
Wohl auch nicht, dass man in den 1950er- und 1960er-Jahren sportliche Vergleiche zwischen ihm und der legendären Box-Ikone Max Schmeling anstellen und seinen sozialen Status auf der gleichen Ebene wie den der Fußball-Helden von Bern 1954 um Fritz Walter ansiedeln würde. Bubi Scholz gelang der rasante Aufstieg zum westdeutschen Sportidol schlechthin. Wobei ihm sein blendendes Aussehen, seine strahlend blauen Augen und der glamouröse Charme durchaus hilfreich gewesen sein dürften, der vor allem von der Damenwelt geschätzt wurde.
Im Arbeiterbezirk wurde er geboren
Bubi Scholz wurde zum Symbol der Wirtschaftswunderjahre in der jungen Bundesrepublik, zur Personifizierung des amerikanischen Traums auf deutschem Boden. Das unterstrich er zusätzlich durch sein damals hierzulande noch völlig avantgardistisches Styling nach US-Vorbild: Die keck zurückgekämmten Haare, Bluejeans und Cowboy-Hüte unterstrichen dies und hatten ihm sogar anerkennende Vergleiche mit dem Schauspieler James Dean eingebracht. Gemeinsam mit seiner Frau Helga Druck, die er 1955 geheiratet hatte, wurde Bubi Scholz zum Darling der Berliner Schickeria.
Die Reichen und Schönen rissen sich um die Gunst des Boxstars, der selbst vermögend geworden war und dies durch den Kauf einer repräsentativen Villa in Grunewald, rauschende Feste oder seine Vorliebe für schnelle Luxus-Autos zeigte. Obwohl Bubi Scholz niemals den WM-Titel erringen konnte, stellte er mit seiner furiosen Box-Bilanz sogar den großen Max Schmeling in den Schatten. Zwischen 1948 und 1964 bestritt er insgesamt 96 Kämpfe, von denen er 88 gewann, davon 46 durch K. o. Sechs Fights endeten unentschieden, nur zweimal musste er den Ring als Verlierer verlassen. Ähnlich wie später sein würdiger Nachfolger Henry Maske galt Bubi Scholz als eleganter Gentleman-Boxer.
Gustav Wilhelm Hermann Scholz wurde am 12. April 1930 im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg geboren, wo er mit seinem als Schmied tätigen Vater, seiner den Haushalt führenden Mutter und seinen beiden Geschwistern in der Choriner Straße 54 aufwuchs. Seine ersten Groschen verdiente er sich als Zeitungsausträger. Nach Abschluss der Volksschule begann er 1944 eine Lehre als Feinmechaniker bei den Nökel-Werken in Berlin-Charlottenburg. Nach dem Krieg wurde er als Kochlehrling beim renommierten Gastronomie-Großunternehmen „Aschinger“ angenommen.
Seine Freizeit verbrachte er am liebsten kickend auf einem örtlichen Bolzplatz, wo er von einem Freund zum Boxen animiert wurde, um wenig später im Alter von 17 Jahren in eine bescheidene Boxschule in Weißensee einzutreten. Einige Monate später wechselte er in eine besser ausgestattete Boxschule in Tiergarten und schließlich in die Olympia-Sportschule in Charlottenburg. Da das Amateurboxen noch verboten war, konnte Bubi Scholz das vom Alliierten-Verdikt nicht betroffene Hintertürchen des Berufsboxens nutzen. Um die Profi-Lizenz zu erhalten, musste ein Anwärter unter den Augen einer Bewertungskommission eigentlich nur einen Trainingskampf gegen einen Berufsboxer unbeschadet überstehen.
Bubi Scholz fiel dabei durch, weil er von der Jury als „zu schwach und zu jung“ beurteilt wurde. Doch noch vor dem zweiten Vorboxen war das Glück Bubi Scholz hold gewesen. Denn bei einer ausverkauften Nachwuchsveranstaltung, die am 8. Oktober 1948 in einem Zirkuszelt in der Leibnizstraße in Charlottenburg über die Bühne gehen sollte, konnte er als Ersatzmann einspringen. Für sein erstes Honorar als Profiboxer, 200 Mark, schlug Bubi Scholz im Leichtgewicht seinen arrivierten Gegner windelweich. Nach schnellen weiteren Siegen konnte er seinen Job als Koch aufgeben und eine mit dem aufwendigen Training besser zu vereinbarende Tätigkeit als Zeitungsfahrer übernehmen.
Um sich schließlich ganz auf die Boxkarriere zu konzentrieren. Dabei absolvierte er im November 1950 erstmals einen Kampf im höheren Weltergewicht und wurde am 19. Mai 1951 Deutscher Meister in dieser Gewichtsklasse. Weiterhin unbesiegt wechselte er im Herbst 1952 ins Mittelgewicht, in dem er von November 1952 bis Januar 1954 eine durchgehende K.-o.-Serie hinlegte. Der Respekt vor diesem starken Newcomer im Inland und benachbarten Europa war so groß geworden, dass ihm die Gegner ausgingen und er daher den Sprung nach Amerika antreten musste.
Erste Niederlage folgte nach 68 Kämpfen
Auch dort war man wenig angetan von einem Athleten, der in der ungewöhnlichen Rechtsauslage boxte, sprich mit vorgeschobener rechter Körperseite kämpfte, die Rechte nur als Führhand und die Linke als Schlaghand nutzend. Zumal, wenn ein Boxer wie Bubi Scholz sich auch noch leichtfüßig-tänzelnd durch den Ring bewegte, über ein außergewöhnliches Reaktionsvermögen verfügte, sich in der Deckung nur selten eine Blöße erlaubte und jede Chance zum Einsatz des ansatzlos geschlagenen linken Hakens zu nutzen verstand. Am 26. März 1954 konnte Bubi Scholz dank all dieser Qualitäten den US-Amerikaner Al Andrews im New Yorker Madison Square Garden nach Punkten besiegen.
Nach seiner Rückkehr war Bubi Scholz die einsame Nummer eins und der Bestverdiener im deutschen Boxgeschäft, da er auch stets für ausverkaufte Hallen garantieren konnte. Doch nach einem Schaukampf 1955 wurde bei ihm eine schwerwiegende Verletzung diagnostiziert: Rippenfellentzündung in Verbindung mit offener Tuberkulose – was nach ärztlicher Einschätzung das Ende seiner Boxlaufbahn bedeutete. Doch nach langem Aufenthalt in einer Reha-Klinik im Schwarzwald unter dem Decknamen „Gerhard Schneider“ schaffte Bubi Scholz nach 650 Tagen Ringabstinenz ein kaum für möglich gehaltenes Comeback und holte sich am 29. Juni 1957 die Deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht.
Seine erste Niederlage nach 68 Kämpfen musste er am 10. März 1958 in Paris in einem Nicht-Titelkampf gegen den amtierenden Mittelgewichts-Europameister Charles Humez einstecken, den er jedoch beim offiziellen Titelfight am 4. Oktober 1958 vor 30.000 begeisterten Zuschauern im Berliner Olympiastadion schlagen konnte. 1961 wechselte Bubi Scholz ins Halbschwergewicht, um am 23. Juni 1962 im Berliner Olympiastadion vor mehr als 40.000 Zuschauern im ersten Profi-WM-Kampf auf deutschem Boden gegen den amtierenden US-Champion Harold Johnson antreten zu können. Scholz verlor nach Punkten, konnte sich aber mit einer Rekordbörse von 100.000 Mark trösten. Kommentar von Max Schmeling: „König bist du nicht geworden, aber du hast das Schloss gesehen.“ Nachdem Scholz am 4. April 1964 in der Dortmunder Westfalenhalle den EM-Titel im Halbschwergewicht errungen hatte, verkündete er im Februar 1965 das Ende seiner aktiven Laufbahn.
Danach wurde er ein erfolgreicher Geschäftsmann, gründete eine Werbeagentur und baute zwei von seiner Frau Helga geführte Berliner Parfümerien auf. Gelegentlich hatte er noch kleinere Auftritte in TV-Produktionen. Diesbezüglich konnte er an frühere Engagements in der Unterhaltungsindustrie, von Fernseh- bis zu Schlager-Aufnahmen („Sie hat nur Bluejeans“, 1959), anknüpfen. Doch letztendlich konnte er es nicht verkraften, nicht mehr in gewohnter Manier im gesellschaftlichen Rampenlicht zu stehen. Die Festivitäten in seiner Grunewald-Villa wurden immer skandalumwitterter, sein Alkoholkonsum und sein Tablettenmissbrauch waren berüchtigt. Ein Lichtblick war die Veröffentlichung seiner Autobiografie „Der Weg aus dem Nichts“ im Jahr 1980. Der persönliche Tiefpunkt sollte die Tötung seiner Ehefrau am 22. Juli 1984 werden: Der sturzbetrunkene Bubi Scholz hatte Helga in seiner Villa mit einem Schuss aus einem Kleinkalibergewehr durch die geschlossene Badezimmertür erschossen. Für diese Tat wurde er zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach seiner Entlassung im August 1987 hatte er kaum mehr Freunde, wurde depressiv und blieb alkoholkrank. Auch die zweite Eheschließung mit Sabine Arndt 1993 sollte seinen durch Blasentumor und diverse Augenoperationen zusätzlich belasteten Gesundheitszustand kaum verbessern.
1997/1998 erlitt er mehrere Schlaganfälle, die zur Ausbildung einer Altersdemenz führten. Nachdem er seine Villa 1998 verkauft hatte, lebte er in seinen letzten Jahren abwechselnd in einem bescheideneren Anwesen im Berliner Stadtteil Ruhleben oder in einer Senioren-Residenz in Hoppegarten/Neuenhagen am östlichen Rand der Bundeshauptstadt. Dort verstarb er am Morgen des 21. August 2000 im Alter von 70 Jahren an Herzstillstand. Seine finanzielle Hinterlassenschaft wurde auf rund drei Millionen Mark taxiert.