Spandaus Nordosten soll modernes, urbanes Leben eingehaucht werden. Dazu gehört auch eine stillgelegte S-Bahn-Anbindung: Vom Hauptbahnhof direkt zum Siemensstadt-Square in nicht mal 15 Minuten. In gut drei Jahren soll die Siemensbahn wieder in Betrieb sein.
Knapp sechs Quadratkilometer urbane deutsche Industriegeschichte umfasst die Siemensstadt. Vor beinahe genau 130 Jahren war Grundsteinlegung für die ersten Wohnhäuser der Siemensmitarbeiter. Vorbild war Krupps Arbeiterkolonie Westend in Essen, Arbeiten und Wohnen in einem Quartier. Doch bei Siemens wird schon lange nicht mehr produziert, die Industriearbeiterschaft gibt es nicht mehr. Siemens ist ein völlig neuer Technologiekonzern, und das soll mit dem Siemensstadt-Square auch in Berlin repräsentativ zum Ausdruck kommen.
„Arbeiten und Wohnen“ neu gedacht
Die bislang für die Nachbarschaft unzugänglichen Industrieflächen sollen schrittweise geöffnet werden. Geplant sind Wohnungen, kein störendes Gewerbe, eine Grundschule sowie Kindergärten, Seniorentreffs und öffentliche Freiräume, so die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Um das ehemalige Hauptverwaltungsgebäude Nonnen-/Ecke Rohrdamm wird ein neuer Square, ein neues Quadrat, entstehen, umgeben von den prägenden, alten Siemensgebäuden. Das Konzept „Arbeiten“ – nun nicht mehr an Maschinen, sondern unter anderem im Co-Working-Space.
Des Weiteren sollen die Produktionsstandorte der Siemens AG und der Siemens Energy AG konzentriert und ausgebaut werden, aber die Anforderungen und Belange der künftigen Nachbarschaften berücksichtigt werden. So heißt es in der Ausschreibung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Neben genügend Parkplätzen mit E-Ladesäulen gehört auch der ÖPNV dazu. Eigentlich kein Problem, die U-Bahn-Linie 7 unterfährt direkt den Square, der Bahnhof Rohrdamm liegt damit direkt mittendrin. Doch die U7 ist in den Hauptverkehrszeiten schon gut gefüllt und an der Kapazitätsgrenze. Außerdem würde es nicht nur Siemens gefallen, wenn man vom neuen Stadtquartier an der Nonnendammallee eine direkte Verbindung zum Hauptbahnhof hätte. Darum wurde schon vor Jahren das Projekt „Reaktivierung der Siemensbahn“ wiederbelebt. Bereits bei der Planung und dann beim Bau des neuen Eisenbahnknotens Berlins um die Jahrtausendwende wurde die Siemensstadtverbindung tatsächlich mitgedacht, vor allem aber auch zumindest bis zur Spreequerung gebaut. Die Brücke der Siemensbahn wurde in den 1990er-Jahren abgerissen, nachdem der Betrieb auf der Strecke bereits 1980 eingestellt worden war. Direkt hinter der Spree steht noch das Stahlviadukt von 1929. Erstaunlich, trotz des hohen Alters und 46-jährigen Dornröschenschlafs ist die Stahlkonstruktion inklusive der beiden Brückenbahnhöfe gut erhalten, vermutlich auch dank des Denkmalschutzes, die nötigsten Bestandsschutzarbeiten wurden immer durchgeführt.
Brückenteile noch gut erhalten
Nun soll die Strecke reaktiviert werden, der Baubeginn ist laut Senatsverwaltung für den kommenden August vorgesehen. Berlin bleibt sich treu und hat die Wiederinbetriebnahme der 4,5 Kilometer langen Strecke auf den 21. Dezember 2029 angesetzt, also reine Bauzeit gut drei Jahre. „Das ist zu schaffen, wenn man jetzt auch tatsächlich anfängt“, so der Leiter Verkehrspolitik bei der Allianz pro Schiene, Andreas Geißler, im FORUM-Interview. Doch wetten würde er darauf lieber nicht. Eine Herausforderung, denn in die Bauzeit der Siemensbahn fällt auch der Beginn des Abrisses und der Neubau der Rudolf-Wissel-Brücke, Berlins längster Autobahnbrücke. Direkt hinter dem Bahnhof Jungfernheide verläuft diese parallel zur S-Bahn-Trasse. Doch das Siemensbahn-Projekt könnte Glück haben. Nachdem auf der Stadtautobahn zwei Brücken im Bereich Funkturm überraschend abgerissen wurden und nun erst mal neu gebaut werden, könnte es bei der Rudolf-Wissel-Brücke zu Verzögerungen kommen und die Siemensbahn bereits fertig sein, bevor dort die Bagger rollen.