Die Wirtschaft klagt über fehlende Fachkräfte, gleichzeitig haben knapp drei Millionen junge Menschen keinen Berufsabschluss. Elke Hannak, DGB-Vize und Ausbildungsbeauftragte, kann sich eine Ausbildungsplatzabgabe nach Bremer Vorbild vorstellen.
Frau Hannack, wie erklärt sich der Widerspruch, dass Tausende von Schulabgängern keinen Ausbildungsplatz finden, auf der anderen Seite auch in diesem Herbst Tausende Ausbildungsplätze nicht besetzt werden?
Dieser Widerspruch ist vielschichtig und nicht einfach zu erklären. Ich glaube, dass die jungen Leute durchaus flexibel sind und auch nicht nur ein Berufsbild haben, wo sie sagen, das wäre was für mich, sondern durchaus schon zwei, drei Berufswünsche haben. Aber wenn die nicht angeboten werden, dann wird es schwierig für die jungen Leute. Unser jüngster Ausbildungsreport zeigt deutlich: Da, wo junge Leute hineingezwungen werden in einen Beruf, der keinem ihrer Wünsche entspricht, wird die Ausbildung als nicht sehr zufriedenstellend bewertet. Es braucht also mehr Ausbildungsplätze, die aus ihrer Sicht passen. Es braucht vor allem mehr betriebliche Ausbildungsplätze. Nur noch knapp 19 Prozent aller Betriebe in Deutschland bilden überhaupt noch aus, das ist zu wenig. Dafür brauche ich kein Abitur, um bewerten zu können, dass dieses Ausbildungsplatzdefizit den aktuellen, aber vor allem den Fachkräftemangel von morgen in Deutschland nicht beheben wird.
Nun beklagen viele Unternehmen, dass viele Bewerber aufgrund schlechter Schulbildung nicht ausbildungsfähig sind.
Das ist eine alte Leier. Das höre ich seit zwölf Jahren, seit ich im DGB-Vorstand bin. Wir haben 2,9 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss. Und wenn mir dann ein Arbeitgeber erzählt, bei diesen fast drei Millionen, von denen laut Bundesagentur für Arbeit zwei Drittel ausbildungsreif sind, das heißt, die könnten sofort eine Ausbildung beginnen, ist keiner dabei, der zu ihnen passt, dann glaube ich das nicht mehr. Dabei darf man eines nicht vergessen, die Standards, nach denen die Bundesagentur für Arbeit festlegt, ab wann ein junger Mensch ausbildungsreif ist, wurden zwischen der Bundesagentur und den Arbeitgebern festgelegt, da haben wir als Gewerkschaften überhaupt nicht mitreden dürfen. Abgesehen davon, dass diese Standards, nach denen das festgelegt wird, mittlerweile völlig überholt sind. Also das Argument, wir finden keinen passenden Auszubildenden für unseren Betrieb, was die Arbeitgeber da immer vorbringen, ist kalter Kaffee.
Woran liegt es aber dann, dass die Betriebe keine Auszubildenden finden, vielleicht an der Vergütung?
Da ist sicherlich auch ein Punkt, der viele junge Menschen von dieser wichtigen Entscheidung für einen Ausbildungsplatz abhält. Darum müssen sich die Ausbildungsbedingungen auch bei der Vergütung verbessern. Wir brauchen dringend eine Aufstockung der Mindestausbildungsvergütung. Zur Orientierung: Die liegt im Moment im Durchschnitt bei 685 Euro. Das ist natürlich viel zu wenig, damit junge Menschen mit Beginn dieses neuen Lebensabschnitts auch selbstständig leben können. Nach den massiven Preissteigerungen der letzten drei, vier Jahre sind sie mindestens während des ersten und zweiten Ausbildungsjahrs weiter von ihren Eltern abhängig und müssen zuhause wohnen bleiben. Das geht nicht, das ist kein schöner Start ins Berufsleben. Hier brauchen wir eine Aufstockung. Eine Möglichkeit wäre eine Mindestausbildungsvergütung, also so etwas wie der Mindestlohn für Auszubildende, und die müsste dann um 150 Euro im Monat über der heutigen Durchschnittsvergütung liegen.
Sie sind jetzt seit zwölf Jahren DGB-Vize, in dieser Zeit ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze kontinuierlich gesunken, zeichnet sich aus Ihrer Sicht da ein Trend ab?
Leider ja, und nicht nur wir als Gewerkschaft sehen für diesen Trend klar die Arbeitgeber verantwortlich. Sie entziehen sich seit Jahren, seit über einem Jahrzehnt, immer mehr ihrer Verantwortung, jungen Menschen in Deutschland eine Perspektive zu geben. Das ist aber ihre Verpflichtung, schon aus dem Gedanken der sozialen Marktwirtschaft heraus. Und deshalb appellieren wir jedes Jahr an die Arbeitgeber, sich endlich dieser Verantwortung wieder bewusst zu werden. Aber ich will gar nicht verhehlen, für kleine Betriebe wird es immer schwieriger, junge Leute zu bekommen. Nicht, weil es sie nicht gibt auf dem Ausbildungsmarkt, sondern weil die Kosten für Ausbildung auch sehr hoch sind und kleinere Betriebe diese einfach nicht mehr stemmen können. Da ist aber nun ebenfalls seit Jahren die Bundesregierung gefordert, hier Entlastungen zu schaffen, gerade für die kleinen Betriebe: Bäcker, Friseur oder Gastgewerbe, die leiden zum Beispiel unter der Stromsteuer, die muss wie versprochen abgesenkt werden, dann können die ihr Geld zum Beispiel auch wieder in Ausbildung investieren.
Wie soll der Bund denn auf die Arbeitgeber, den Mittelstand, die kleinen Betriebe, diesen Druck ausüben, dass wieder mehr ausgebildet wird?
Appelle haben ja bisher nicht geholfen, und wenn sich in zwölf Jahren nichts tut, sondern es bei der Anzahl der Ausbildungsplätze immer weiter nur nach unten geht, dann ist die Bundesregierung, egal welche Farbe gerade regiert, auch mal an der Reihe zu sagen, liebe Wirtschaft, so geht das nicht mehr. Werdet euch eurer Verantwortung jetzt endlich bewusst. Wenn ich Fachkräfte brauche, dann muss ich auch ausbilden. Wie gesagt, das machen nur noch 18,8 Prozent der Betriebe in Deutschland. Da gibt es das für meine Begriffe wunderbare Mittel der Ausbildungsplatzumlage. Betriebe, die dazu in der Lage sind und trotzdem nicht ausbilden, würden dann eher über einen Auszubildenden nachdenken.
Da werden die Arbeitgeber ja begeistert sein, wenn ihre Abgaben noch weiter steigen. Wie wollen Sie das umsetzen?
Im Gegenteil, ihre Abgaben steigen keineswegs weiter, sondern wenn sie ausbilden, dann sorgen die Betriebe für ihre Fachkräfte von morgen, und das wird dann auch noch über den Ausbildungsfonds finanziell unterstützt. Dass das keine unrealistische Idee ist, zeigt gerade Bremen, dort greift die Ausbildungsplatzumlage in diesem Jahr zum ersten Mal. Es wurde ein Fonds aufgelegt, alle Betriebe in der Hansestadt zahlen einen entsprechenden Betrag ein, und die Betriebe, die ausbilden, werden aus diesem Fonds unterstützt. Auch Berlin ist auf diesem Weg, der schwarz-rote Senat hat eine Frist gesetzt. Wenn ihr bis da und dahin nicht so und so viele zusätzliche Ausbildungsplätze schafft, werden wir die Ausbildungsplatzumlage einführen. Ich bin sehr gespannt. Ich vermute mal, sie werden sie auch in Berlin einführen.
Und die Ausbildungsplatzumlage ist juristisch möglich, das hat Bremen sehr deutlich gezeigt. Die Arbeitgeber haben Bremen mit vielen Klagen geradezu überzogen, und alle Klagen sind abgewiesen worden. Ich halte die Ausbildungsplatzumlage für ein sehr gutes Mittel, mehr junge Menschen in Ausbildung zu bringen.