Vieles ist ungerecht verteilt in dieser Welt, vor allem die Arbeitslast. Egal ob ein Zuviel einen Burn-out verursacht oder ein Zuwenig zum Bore-out führt, das Ergebnis bleibt gleich. Der Erstbefund lautet: Erschöpfungsdepression.
Für etwas brennen verhindert oder verlangsamt das Ausbrennen, aber selbst das größte Engagement für eine Sache kann den Burn-out nicht aufhalten. Was der Namensgeber im wissenschaftlichen Zusammenhang, Herbert J. Freudenberger, im Jahr 1974 zum ersten Mal bei sich selbst feststellte, hat in der Diskussion um Überlastungen in der Arbeitswelt seit den Nullerjahren an Fahrt aufgenommen. Nach Angaben der AOK hat sich die Krankheitslast aufgrund von Burn-out-Diagnosen von 2004 bis 2022 fast verzwanzigfacht. Vor allem Berufsgruppen mit hoher sozialer Interaktion wie in der Pflege, in Lehrerberufen oder in der Sozialarbeit sind von Burn-out-Erkrankungen betroffen. Zahlreiche TV-Sendungen haben seither diskutiert, ob „Burn-out“ eine „Modeerkrankung“ sei oder ein ernst zu nehmender gesamtgesellschaftlicher Befund, der darauf hindeutet, dass wir uns regelmäßig zu viel aufladen. Nicht nur erhöhter Stress durch eine Verdichtung der Arbeitslast, auch eine private Verantwortungsüberforderung verursachen eine verstärkte Nervosität, erhöhte Anspannung, potenziell Schlaflosigkeit und konsequenterweise Leistungsabbau. Erkennt man die Signale zu spät, kann ein Ausnahmezustand mittelfristig zu einer Depression führen, von der man sich so schnell nicht erholt. Lange Krankenstände oder der Totalausfall für den Arbeitsmarkt können am Ende dieser Entwicklung stehen, denn Betroffene stecken in einer Schleife fest, alles wiederholt sich so oft, bis man sprichwörtlich zusammenklappt. Hat man sich selbst oder haben andere einen zum Perfektionismus erzogen, wird der Ausstieg aus dem „Hamsterrad“ ungleich schwerer. In der Leistungsgesellschaft gilt das Mantra, dass es nur „Herausforderungen“ gibt, und die sind mit geschicktem Zeitmanagement und Priorisierung einfach zu bewältigen. Die mediale Ausschlachtung des Themas hat zu einer zunehmenden gesellschaftlichen Sensibilisierung für psychische Gesundheit im Allgemeinen und Depressionen im Besonderen geführt, trotzdem gehen Statistiker von einer hohen Dunkelziffer von Betroffenen aus. Das sogenannte Arbeitsunfähigkeitsvolumen aufgrund von Depressionen ist seit 2014 um rund ein Viertel angestiegen, wegen psychischer Erkrankungen allgemein gar um 50 Prozent. Plötzlich findet man im Jobwelt-Glossar auch Begriffe der „Work-Life-Balance“, und Unternehmen werben mit der Möglichkeit, sich durch Freizeitausgleich oder Homeoffice Freiräume schaffen zu können, die das Arbeitsleben erleichtern.
Eine „Modeerkrankung“?
Das Problem mangelnden Ausgleichs wird durch Zeitaufrechnen deutlich: Wer durch modernere (digitale) Werkzeuge mehr Arbeit in weniger Zeit schafft, für den steigt die Zahl der Aufgaben, die Jobliste wird länger und auch der Aufwand des Dokumentierens kommt hinzu. Mit Homeoffice mag für viele Menschen der Stressfaktor „soziale Kontakte“ wegfallen. Dafür ist aber die Überwachung der Mitarbeiterschaft durch spezielle Software, die die Bewegungen am virtuellen Schreibtisch kontrolliert, stark gestiegen, so die renommierte österreichische Tageszeitung „Der Standard“. Laut Rechtsanwalt Florian Dauser stieg die Nutzung sogenannter Bossware seit der Corona-Pandemie beträchtlich. „Software Aktivtrak“ etwa hatte vor der Pandemie 50 Arbeitgeber als Kunden. Im März 2020 waren es schon 800 und 18 Monate später 9.000. Dass Überwachung als mangelndes Vertrauen verstanden wird und dadurch Stress erzeugt, ist kaum von der Hand zu weisen. Zu dem Gefühl, dass die Geschäftsführung dem Mitarbeitenden a priori Faulheit unterstellt, gesellt sich der Druck innerhalb des Teams, dass der- oder diejenige, die zuerst das Büro verlässt oder bei Anruf nicht abhebt, Verrat an allen anderen begeht. Oft finden sich hoch-kompetitive Performer in Branchen, in denen es selbstverständlich erscheint, genauso viel Hingabe an den Tag zu legen wie der Chef. Im Marketing und in Werbeagentur-Kontexten ist das Übernachten unter dem Schreibtisch keine Ausnahmeerscheinung. Diesen Einsatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer abzusprechen und vertraglich mit einer sogenannten „All-In“-Klausel festzuschreiben, ist okay, diesen Einsatz stillschweigend zu erwarten, wiederum nicht. Das Arbeitsgesetzbuch steckt mit den Paragrafen 3 und 5 sehr enge Regeln, was die Erreichbarkeit, die Stundenzahl der Arbeit und die zur Erholung vorgesehenen Einheiten angeht.
Klare Regeln im Arbeitsgesetzbuch
Die Digitalisierung unserer Arbeitswelt bedeutet für viele, vor allem für ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine Entfremdung von dem, was sie tun und warum. Es ist bei etlichen Menschen eine innere Distanz zur Tätigkeit auf dem Bildschirm entstanden, ebenso wie blödsinnige Jobs, die Professor David Graeber in seinem Sachbuch „Bullshit Jobs: A Theory“ klar benennt. Auch die damit verbundene Gefahr, wegen konstanter Langeweile und Sinnentleerung seelisch zu erkranken, ist mit dem Anwachsen dieser „Bullshit Jobs“ größer geworden. Simon Walo, Soziologe an der Universität Zürich, befragte 1.811 Angestellte aus 21 unterschiedlichen Berufsfeldern, ob sie ihre Jobs als nützlich für die Gesellschaft einordnen würden. Stattliche 19 Prozent aller Befragten antworteten auf diese Frage mit „nie“ oder „selten“. Vor allem Personen, die im Finanzwesen, im Vertrieb sowie in Führungspositionen arbeiteten, empfanden ihre Tätigkeit durchschnittlich als nutzloser und wenig hilfreich für andere. Besonders signifikant: Angestellte in der Privatwirtschaft hatten eher das Gefühl, in einem „Bullshit Job“ festzustecken als etwa Angestellte im öffentlichen Dienst oder bei gemeinnützigen Organisationen. „Diese Studie ist die erste, die quantitative Belege für das Argument liefert, dass der Beruf für die empfundene Sinnlosigkeit entscheidend sein kann“, so Studienautor Walo in einer Pressemitteilung der Universität Zürich vom Juli 2023.
Viele kennen Tage, an denen im Büro so wenig passiert, dass man seinen Schreibtisch aufräumt, Urlaube in den Kalender einträgt und so lange im Internet surft, bis man unerfüllt nach Hause geht. Die Tage mit sinnlos vielen Exceltabellen, Protokollen und Ablagearbeit zu verbringen, ohne einen Mehrwert zu empfinden, macht so krank wie das Gegenteil, nämlich an Aufgaben schier zu ersticken. Die Sinnentleerung frisst sich, genau wie der Burn-out, durch die Seele, bis man innerlich kündigt und/oder sich für einen längeren Zeitraum krankmeldet.