Während der Wanderung im Mittleren Rheintal erkundet man vor allem das Hinterland. Vorbei an der Stadtmauer von Oberwesel mit ihren Türmen kann man von verschiedenen Aussichtspunkten immer wieder einen Blick auf den Rhein erhaschen.
Als die Stadt der Türme und des Weines wird Oberwesel bezeichnet. 16 Verteidigungstürme ragen noch heute in die Höhe und verbinden die mächtige Stadtmauer, die über weite Strecken begehbar ist. Die Liebfrauen- und Martinskirche sind ebenfalls sehenswerte Wahrzeichen. 1166 wurde die Schönburg, die weit über der Stadt thront, von Kaiser Friedrich I. zur Reichsburg erhoben. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde sie 1689 durch Franzosen zerstört. Ab 1885 wurde sie teilweise wiederaufgebaut. 1951 bis 1953 erfolgte der Wiederaufbau des nördlichen Burgdrittels als Jugendburg des Kolpingwerkes, der südliche Teil wurde seit 1957 zum Hotel ausgebaut.
Oberwesel gehört mit rund 70 Hektar bestockter Rebfläche zu den größeren Weinbaugemeinden des Mittelrheintals. Die Weinberge gruppieren sich an schroffen Schieferhängen, die Sonnenwärme speichern. Die Böden sind karg und tiefgründig, die Reben müssen tief wurzeln, um die Mineralien in ihre Trauben zu transportieren.
Wir starten am Schaarplatz im Herzen von Oberwesel. Vorbei an einem mittelalterlichen Brunnen und entlang eines kleinen Weinbergs führt der Weg parallel zu den ehemaligen Schützengräben. Auf schmalem Pfad geht es entlang der mittelalterlichen Stadtmauer mit ihren Verteidigungstürmen Richtung Norden zur Martinskirche, einer um 1350 erbauten ehemaligen Stiftskirche.
Für wenige Meter verläuft die Wegtrasse auf einem Teerweg, ehe ein schmaler Pfad bergauf entlang alter Gartengrundstücke zum „Michelfeld“ führt. Kurze Zeit später wird der Aussichtspunkt „Auf dem Kackstuhl“ erreicht. Hier bietet sich eine wunderbare Aussicht auf den Rhein.
Über einen breiten Forstweg steigt der Weg weiter nach oben. Ein letzter kurzer, steiler Anstieg bringt uns zur Hardthöhe. Von dort ist es nicht weit zum 2.721 Quadratmeter großen ehemaligen Jüdischen Friedhof in der Gemarkung „An der grauen Lay“. Bereits seit 1241 war in Oberwesel eine große jüdische Gemeinde ansässig. Die ältesten der entzifferten Grabinschriften datieren auf 1718 und 1738. Bei der letzten Beisetzung am 25. Januar 1942 war die jüdische Tradition in Deutschland bereits zerbrochen.
Nach einem weiteren Kilometer – zunächst noch bergauf und dann leicht bergab – kommt man zur „Rheingoldschänke“, deren wunderschöne Terrasse zu einer Rast einlädt. Es ist die einzige Einkehrmöglichkeit auf der Tour.
Frisch gestärkt folgen wir dem Weg durch Weiden, Wiesen und ein kurzes Waldstück zur „Guckshöll“, die uns einen fantastischen Blick durch das Niederbachtal bis zum Rhein mit der Martinskirche sowie dem Katzen- und Ochsenturm eröffnet. Von dort steigt der Weg an einer Tannenschonung vorbei nochmals kurz an. Bald haben wir den höchsten Punkt unserer Tagestour erreicht: Fernblicke in alle Richtungen mit wunderbaren Waldbildern in einer abgeschiedenen Ecke nahe des Rheintals.
Zufluchtsort der Oberweseler
Einige Häuser und die Kirche von Damscheid erkennen wir rechter Hand. Wir sind nun unterwegs zum Wanderparkplatz „Hardt“. Es folgt ein malerischer Wiesenweg, umsäumt von blühenden, duftenden Büschen. Nach etwa zwei Kilometern, wenige Meter hinter dem Aussichtspunkt „Hunsrück“, biegt die Wegtrasse nach links in einen kleinen Pfad, der bald durch Niederwald Richtung Oberwesel führt.
Wir passieren bergab wandernd einen Steinbruch, an dem sich 300 bis 400 Millionen Jahre alte Schieferschichten erkennen lassen. Zunächst an brachliegenden und dann bewirtschafteten Weinbergen vorbei, führt der Weg meist nach unten. Dann folgt eine kurze Passage direkt auf der Weinbergsmauer. Hinweistafeln informieren uns, dass wir die Weinbergslage „Goldemund“ durchwandern. Die Steigungen der Weinberge betragen zwischen 35 und 50 Prozent. Rechter Hand im Tal passieren wir das kleine Winzerdörfchen Engehöll mit der 1925 im Neobarockstil auf einem Felsrücken errichteten Kirche „Zur Schmerzhaften Muttergottes“. Es wird vermutet, dass der Name Engehöll aus der Zeit der Kelten stammt. Enginhalde, so die keltische Bezeichnung, bedeutet „was unten am Bergrücken liegt“.
Leicht ansteigend führt die Trasse durch die Weinberge. Bald haben wir die Schönburg, die über Oberwesel thront, fest im Blick, sie wirkt umso mächtiger, je näher man kommt.
Kurz vor dem Ende der Wanderung müssen wir ein letztes Mal steigen. Ein Pfad führt nach links hinauf in ein Eichenwäldchen. Der „Landsknechtsblick“ mit seiner Aussicht auf Oberwesel und den Rhein lädt zu einer kurzen Verschnaufpause ein. Über einen waldigen Pfad gelangen wir zum „Schwede-Bure“.
Schwede-Bure (Schweden-Born) – wie dieser wildromantische Ort genannt wird – ist seit Jahrhunderten ein Zufluchtsort der Oberweseler Einwohner. Diese suchten dort bereits im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) Schutz vor den Schweden. In späteren Zeiten war er Treffpunkt für viele Liebende, die dort Schutz vor neugierigen Blicken fanden und ihre Liebesschwüre im Schieferfels verewigten. Wer möchte, kann auch heute ein Herzchen oder einen Liebesschwur in die extra dafür aufgestellte Schiefertafel einritzen. Weiter geht der Pfad zur im Jahr 1845 erbauten Kalvarienberg-Kapelle, die früher Ziel von Prozessionen war. Es lohnt sich, einen Blick hineinzuwerfen oder links an der Tür mit dem Seil die Glocke zu läuten, die in ganz Oberwesel zu hören ist. Bergab wandernd, entlang des Kreuzweges, haben wir bald die ersten Häuser von Oberwesel und den Ausgangspunkt dieser abwechslungsreichen Wanderung erreicht.