Im Herzen Europas liegt eines der weltweit größten Wasserstoff-Vorkommen.Ob und wie eine Nutzung wirtschaftlich möglich ist, wird noch erkundet. Es wäre jedenfalls eine echte Perspektive, auch für Grünen Stahl.
In den Tiefen Lothringens nahe der saarländischen Grenze schlummert ein wahrer Schatz: natürlich vorkommender Wasserstoff, der bei einer Methangasmessung 2023 rein zufällig entdeckt wurde. Fachleute des französischen Energieunternehmens Française de l’Energie (FDE) und Wissenschaftler des Forschungsinstituts CNRS in Paris vermuten rund 34 Millionen Tonnen weißen Wasserstoff in rund 4.000 Meter Tiefe auf einer Fläche von rund 2.500 Quadratkilometern. Es gilt neben Mali in Afrika als eines der größten bekannten Vorkommen der Welt. Sollten sich diese Annahmen bestätigen, die Techniken zum Heben dieses Schatzes mitspielen und die Genehmigungsbehörden mehr Gas geben, könnte 2029 weißer Wasserstoff potenziellen Industriekunden zur Verfügung stehen. Und das zu einem unschlagbaren Preis von weniger als 2 Euro pro Kilogramm im Vergleich zu künstlich hergestelltem grünen Wasserstoff, der derzeit zwischen 8 und 12 Euro pro Kilogramm koste. Das betont FDE-Kommunikationschef Yann Fouant, der Mitte März eine Delegation vom Club des Affaires Sarre-Lorraine direkt vor Ort in Pontpierre bei St. Avold empfing.
Technische und juristische Hürden
Française de l’Energie ist in Lothringen kein unbekannter Player. Das börsennotierte international tätige Unternehmen nutzt in Nordfrankreich bereits erfolgreich Kohleflözgas zur Umwandlung in Strom und Wärme. Es hatte das eigentlich auch in Lothringen vor. Die erste Bohrung startete hier 2013, und es bekam nach einigen erfolgreichen Testläufen auch die Betriebsgenehmigung. Doch Anfang dieses Jahres gab das oberste Verwaltungsgericht in Paris der Klage einer Bürgerinitiative statt und entzog dem Unternehmen kurzerhand die Genehmigung wieder. Die Befürchtung, das Grundwasser könnte bei der Gewinnung von Kohleflözgas letztlich Schaden nehmen, wurde nach Ansicht der Richter nicht zu 100 Prozent entkräftet. Bei weißem Wasserstoff werde es diese Angst wohl nicht geben, weshalb dieser die Gemüter deutlich weniger erhitze, schließlich seien die natürlichen Wasserstoffvorkommen sowieso in Wasser gelöst und würden bei der Förderung wie Perlen beim Öffnen einer Champagnerflasche aufsteigen, betont Yan Fouant. Eine speziell entwickelte Vorrichtung, die für Gas durchlässig ist und Wasser abweist, macht die Gewinnung erst möglich.
Die natürlichen Vorkommen im lothringischen Untergrund elektrisieren im wahrsten Sinne des Wortes die Wasserstoff-Szene. FDE erhielt daraufhin einen auf drei Jahre angelegten Forschungsauftrag aus Paris: Das Projekt „Regalor II“ wird mit einem Budget von 14 Millionen Euro, davon acht Millionen Euro aus öffentlichen Fonds, unterstützt. Ziele sind der Nachweis von Wasserstoff, seine mögliche Neubildung und die realistische Abschätzung der zur Verfügung stehenden Mengen und Konzentrationen in Abhängigkeit der Tiefe sowie das Testen neuester Fördertechniken. Beträgt die Konzentration in 600 Meter Tiefe lediglich zwei bis drei Prozent natürlichen Wasserstoffs, steigt sie von 20 Prozent in 1.200 Meter Tiefe bis zu 44 Prozent bei 2.000 Meter und erreicht sogar bis 76 Prozent bei mehr als 3.000 Meter.
Bis Ende März sollen die Probebohrungen in Pontpierre zwischen St. Avold und Faulquemont beendet sein. Gearbeitet wird dort rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche. 40 Fachleute aus Unternehmen und Wissenschaftler, unter anderem von der Universität Lothringen, sind vor Ort, steuern die Bohrung, analysieren die Proben und werten Daten aus. Mitte März war die FDE bei einer Tiefe von über 3.500 Metern angelangt. Je nach Beschaffenheit des Untergrunds kommen die Spezial-Bohrköpfe mit einer Geschwindigkeit von 5 bis 25 Meter pro Stunde voran.
Sollten sich die Thesen bewahrheiten, steht eine zweite Probebohrung in circa einem Jahr und eventuell sogar eine dritte an, um bei der Gewinnung weißen Wasserstoffs absolut sicher zu gehen. Das eingesetzte Material, die teilweise schwierigen Bodenverhältnisse in 3.000 bis 4.000 Metern Tiefe mit enormem Druck und hohen Temperaturen machen die Suche nach Wasserstoff zu einer kostspieligen Angelegenheit. Und trotzdem: „Natürlicher Wasserstoff ist zwar etwas unreiner als synthetisch hergestellter, könnte aber für die Verbrennung zur Erzeugung von Strom direkt vor Ort genutzt werden und das ohne jegliche Transportkosten und Lagerung“, betont Yann Fouant. Das mache weißen Wasserstoff im Vergleich so günstig.
Abnehmer Chemie und Stahl direkt vor Ort
Das Gebiet zwischen Metz im Westen, Pont-à-Mousson im Süden und dem Saarland im Osten verfügt über ausreichende brachliegende Industrieflächen. Das riesige Industriegelände bei Carling mit potenziellen Abnehmern und schließlich die Pipeline von MosaHYc bieten ideale Voraussetzungen für die Vermarktung des weißen Wasserstoffs, so Fouant weiter. Außerdem verfüge FDE als eines von fünf Unternehmen in Frankreich über die Lizenz zum Transport von Gasen und das mache ein Stück weit unabhängig von anderen Netzbetreibern wie NaTran und Creos bei MosaHYc. „Derzeit führen wir Gespräche in alle Richtungen, und selbst potenzielle Kunden haben bei uns bereits nachgefragt, wann wir Wasserstoff liefern könnten.“ Bis 2030 hat FDE einen Wasserstoffbedarf in Europa von 2,5 Millionen Tonnen jährlich ausgemacht. Zum Vergleich: Die saarländische Stahlindustrie braucht circa 150.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr; das Potenzial an weißem Wasserstoff in Lothringen wird auf rund 34 Millionen Tonnen geschätzt.
Die Wasserstoffvorkommen haben auch die saarländische Landesregierung auf den Plan gerufen. Der Nachweis von natürlichem Wasserstoff in Verbindung mit Steinkohle ist bei Fachleuten und Wissenschaftlern laut FDE mittlerweile unumstritten. Da die geologischen Gegebenheiten im Saarland und in Lothringen zum Teil ähnlich sind, ist auch hierzulande von Wasserstoffvorkommen weit unterhalb der Steinkohlenflöze auszugehen. Denn warum sollte weißer Wasserstoff an der Grenze tief unter der Erde haltmachen? Probebohrungen würden Aufschluss geben.
Das Projekt weißer Wasserstoff in Lothringen wurde Mitte März im Saarland zumindest vorgestellt und mit großem Interesse verfolgt. Schließlich brauchen das Land und die hiesige Industrie günstigen Wasserstoff, um die Dekarbonisierung weiter voranzutreiben. Denn die groß angekündigten Projekte im Saarland zur Herstellung grünen Wasserstoffs mittels Elektrolyseur sind aufgrund hoher Stromkosten und aufwendiger bürokratischer Vorgaben erst einmal auf Eis gelegt worden. Weißer Wasserstoff sei eine Chance für die heimische Industrie und kein Schicksalsschlag, zeigt sich Yann Fouant optimistisch. Aber die Behörden müssten schon in die Puschen kommen, wenn weißer Wasserstoff tatsächlich 2029 zum Einsatz kommen soll. Bei dem vorgelegten Tempo wird das aber nichts vor 2036.