Herzliche Menschen mit Geschichte und Kultur, einsame Strände, Berge, tropische Natur: Sierra Leone ist ein Traum für unverwöhnte Afrika-Entdecker.
Die Sonne geht gerade unter, als unser Bus bei Vaama die Landstraße verlässt. Wie vielerorts zwischen der Küstenebene und den Guinea Highlands nutzt man auch in dieser dünn besiedelten Region im Südosten von Sierra Leone die raren Urwaldreste zunehmend für Landwirtschaft.
Auf schmalen Feldern unter wilden Palmen, Gummibäumen und Guaven wachsen Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln, Bohnen, Mais und Hirse – Zutaten für vielfältigste köstliche Gerichte. Wo die Bäume schon gerodet sind, gedeiht Reis, hierzulande Nahrungsmittel Nummer eins. „Große Mengen davon werden heute importiert“, erfahren wir von Peter Momoh Bassie.
Denn längst reicht die Ernte nicht mehr für alle aus – wie noch zu Beginn der 90er Jahre. „Nach dem Bürgerkrieg war alles anders“, sagt der 38-Jährige, der uns auf dieser Rundreise durch sein wunderschönes, hart geprüftes Land im Westen Afrikas begleitet. Die brutale Schreckenszeit des Bürgerkriegs von 1991 bis 2002 erlebte er als Kind und Jugendlicher. Bewegt, doch ohne jede Bitterkeit spricht Peter von seinen traumatischen Erinnerungen. Uns berühren sie genauso wie die Zuversicht und Lebensfreude dieses glücklichen Familienvaters. Seinen Beruf wählte der Guide und Reiseleiter ganz bewusst, denn er ist sicher: „Wenn Menschen nach Sierra Leone kommen, weil sie sich für Land und Leute interessieren, ist das eine große Chance für uns.“ Historische Orte und deren Geschichte sollten seiner Meinung nach zu jeder Rundreise gehören: „Das Wissen über die Vergangenheit hilft uns, die Gegenwart besser zu verstehen.“
Und so gehören auch zu unserem Programm Museen und Gedenkstätten der Hauptstadt Freetown und die Festung auf Bunce Island. Bis zum Verbot des Sklavenhandels im britischen Herrschaftsbereich 1807 verschleppte man dorthin Zehntausende freier Menschen und verkaufte die, die überlebten, wie Ware oder Vieh. Bis zur Unabhängigkeit im Jahre 1961 war Sierra Leone britische Kolonie. Heute zählt es weltweit zu den ärmsten Ländern der Welt. 2023 betrug das jährliche Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Sierra Leone rund 750 US-Dollar, auf über 850 soll es 2024 steigen, bis 2029 sogar auf über 970 US-Dollar.
Reiche Tier- und Pflanzenwelt im Schutzgebiet
Der Abendhimmel glüht. Und auch der Boden strahlt im Licht der BusScheinwerfer feuerrot. Der Regen hat den Weg zu einer Buckelpiste ausgewaschen. Die letzten Kilometer scheinen endlos, nimmt sich doch unser umsichtiger Fahrer Zeit, sein eher wenig sportliches Gefährt und uns heil durch den löchrigen Parcours zu manövrieren.
Gewöhnlich reisen Gäste im Geländewagen durch das Land mit den zauberhaften Stränden, Inseln, Regenwald und Bergen. Schicke Lodges und Sterne-Resorts sucht man hier vorerst vergeblich. Der sich gerade erst entwickelnde Tourismus mag für einige noch viele Mankos oder Makel haben. Für andere ist diese Unvollkommenheit, ergänzt durch warmherzige Freundlichkeit, gerade reizvoll und vielleicht die größte Attraktivität einer authentischen Entdeckungsreise.
Hier und da ein ferner Feuerschein und Umrisse einfacher Hütten. Stockfinster ist es, als wir Kambama, das Etappenziel, erreichen. Das Dorf am Moa ist einer der Ausgangspunkte für Touren nach Tiwai. Vom Fluss und dessen Nebenarmen komplett eingeschlossen, hütet dieses Schutzgebiet wertvolle Schätze aus der reichen Tier- und Pflanzenwelt Westafrikas. Als Herzensgeschenk einer Stammeskönigin, der dieses kleine Paradies einmal gehörte, erhielt es schon im 19. Jahrhundert einen Sonderstatus. Zum offiziellen Natur- und Wildschutzgebiet erklärte man die Flussinsel vor rund 40 Jahren.
Wir sind spät. Die Dorfbevölkerung erwartet uns seit Stunden. Als wir aussteigen, begrüßen uns die Menschen freundlich in der Dunkelheit. Ich spüre Neugier, Gastfreundschaft wie auch geschäftliches Interesse. Die Überfahrt im Boot ist zwar bereits gebucht. Doch der Gepäcktransport zum Anleger ist „freier Markt“ und heiß umkämpft. Nach jeder Tasche, jedem Koffer greifen viele Hände. Selbst wer nichts zum Tragen abbekommt, begleitet uns zum Fluss. Handytaschenlampen leuchten auf, wir hören von aufmerksamen Menschen Hinweise zur Wegbeschaffenheit. Geschickt wird alles in das kleine flache Kastenboot gestapelt. Auf wundersame Weise bringt es uns in rabenschwarzer Nacht mit viel Geknatter und ganz ohne Licht zum gegenüberliegenden Ufer. Mittels Solarlaterne findet jeder sein Quartier am Waldrand. Meins ist eine runde Hütte, ringsum völlig offen, nur mit Gaze überspannt. Den Sockel aus Beton verziert ein Bild des Goldhelm-Hornvogels nebst seinem Namen.
Vor der Tür jede Menge potenzielle Mitbewohner – summende und brummende oder lautlos fliegende und flatternde Insekten. Obwohl ich kein Licht anmache, fliegen einige mit in die Hütte hinein. Wohl oder übel muss ich meine Unterkunft mit ihnen teilen. Im Schein eines Lämpchens untersuche ich die beiden Einzelbetten. Die Moskitonetze hängen nicht an allen Seiten bis nach unten auf den Boden. Auf Beleuchtung werde ich ab jetzt verzichten. Denn bei jedem Lichtstrahl sausen neue Schwärme turboflugfähiger Krabbeltiere raschelnd oder klopfend gegen Tür und Fliegengitter. Im Dunkeln höre ich fast nur die gleichmäßigen Geräusche der Zikaden. Das und auch die herrlich frische Waldluft voller Sauerstoff befördern mich schnell ins Land der Träume.
„Viele Arten von Primaten“
Als es am Morgen über mir laut poltert, glaube ich, noch immer dort zu sein. Doch die schrillen Schreie, die den Krach begleiten, sind real. Ich bin wach, und es ist hell. Die Nachtinsekten schlafen, und auf dem Blechdach meiner Hütte spielen wilde Affen Fangen.
Später bei der Wanderung bekommen wir von ihnen mehr zu hören und zu sehen. „Nirgendwo anders auf der Welt habt ihr die Chance, so viele Arten von Primaten auf so engem Raum zu treffen wie auf Tiwai Island“, kommentiert Guide Mohamed das rege Treiben in den Bäumen über uns. Elf Spezies der hochentwickelten Verwandten des Menschen, darunter seltene Dianameerkatzen, Mangaben und Schimpansen sowie deren Lieblingsbeutetiere – Stummelaffen – leben in dem Inselregenwald, der mit gerade einmal 1.200 Hektar etwa so groß ist wie der Edersee in Hessen.
Von den scheuen Zwergflusspferden riechen und sehen wir nur diverse Spuren. Umso häufiger zeigt uns der Wald seine gefiederten Bewohner. Mein Favorit: der Goldhelm-Hornvogel, ein wirklich lustiger Geselle. Seinen Kopf schmückt eine rotblonde, zerzauste Fönwelle à la Rod Stewart oder Tiffy aus der Sesamstraße. Sein merkwürdiger Ruf klingt wie eine Kindertröte oder Blasen auf dem Kamm.
Sonderbar ist auch sein wuchtiger, nachhallender Flügelschlag. Er erinnert an die übertriebenen Fluggeräusche von großen Trickfilmvögeln oder -drachen. Und als Mohamed verrät, dass mein „Hüttentier“ außer viel Früchten auch sehr gern Insekten frisst, steht für mich fest: Die nächste Nacht in einer Campinghütte auf Tiwai verbringe ich mit so einem komischen Vogel.