In der zentralvietnamesischen Provinz, fernab von Industrialisierung und Mega-Metropolen, konnte sich das Land seinen ursprünglichen Charme bewahren. Vor allem die romantische Stadt Hoi An ist ein Highlight.
Nein, ein Luxusfischmarkt ist Tam Tien sicherlich nicht. Keine zentnerschweren Thunfische, Schwertfische oder Marline, die hier den Besitzer für teures Geld wechseln. Dafür unzählige Klein- und Kleinstfische und allerlei anderes Meeresgetier, selten größer als eine Hand. „Die Zeiten sind schon lange vorbei“, resümiert Marktfrau Ai Linh. „Fette Beute machen nur noch die großen Fischtrawler weit draußen auf dem Meer, allen voran die chinesischen. Unseren Männern in den kleinen Kuttern bleibt da nicht mehr allzu viel.“
Ihre gute Laune lassen sich Ai Linh und ihre Freundinnen davon jedoch nicht verderben. Ganz der pragmatischen vietnamesischen Mentalität folgend, das Beste aus jeder Situation zu machen und nie den Mut zu verlieren. Lachend sitzen sie auf flachen Kisten am Strand und sortieren geduldig Körbe voller Sepien. Die meisten kaum größer als ein Finger, aber extrem lecker, wie Ai Linh versichert. Einige Marktfrauen verkaufen mittlerweile lieber Gemüse und Obst der lokalen Bauern. Kohl und Co. geht immer.
Der Tam-Tien-Fischmarkt ist das, was man authentisch nennt. Er zeichnet einen Ausschnitt zentralvietnamesischer Provinz ohne Weichzeichner. Mit freundlichen wie bodenständigen Menschen, die schon seit dem ersten Morgengrauen auf den Beinen sind, die ihre Falten im Gesicht nicht kaschieren und die sich gerne von ihren Kunden auf die schrumpeligen Finger schauen lassen.
Slow Food ist hier ganz normal
Tran Van Thoi ist einer von ihnen, immer auf der Suche nach ein paar Säcken knackigem Gemüse. Er ist der Pflanzenflüsterer vom „Nam Hoi An Robinson Club“. Der Mann mit dem Grünen Daumen. Was er in die Erde steckt, wächst und gedeiht – und schmeckt. 22 Hektar Nutzfläche beackert der Chefgärtner des benachbarten Resorts biodynamisch mit seinem Team. „Allein unser Kräutergarten misst stattliche 4.000 Quadratmeter“, so Thoi. „Damit können wir fast den gesamten Bedarf des Resorts an Kräutern abdecken. Bei Blumen sind es sogar einhundert Prozent, beim Gemüse ein Großteil, Tendenz steigend.“ Den Rest, immerhin ein paar Zentner die Woche, kauft der Mann bevorzugt auf dem Tam-Tien-Markt. Slow Food ist die – ganz natürliche – Regel in Vietnam, brauchte nie eine mediale Schützenhilfe wie im Europa der Neuzeit.
Im „Nam Hoi An“ wird kein Greenwashing betrieben wie in vielen anderen Resorts weltweit. Das riecht und schmeckt man auch. Davon können sich Interessierte bei seinen Führungen und zu Tisch überzeugen.
Thoi ist sicherlich nicht der geborene Entertainer, und auch einen Modelwettbewerb in Hanoi oder Saigon würde er vermutlich nicht gewinnen. Trotzdem folgen ihm Urlauber zwei unterhaltsame Stunden durch sein Reich. Der Mann liebt, was er tut, und ist sich sicher, dass er die Welt ein ganz klein wenig besser macht. Das spüren seine Gäste.
Auch im „Gemüsedorf“ Tra Que, ebenfalls im Distrikt Hoi An, gegründet im 16. Jahrhundert, setzt man konsequent auf traditionelle, sprich organische Landwirtschaft.
Wie es der Spitzname schon vermuten lässt, bauen die Bewohner in erster Linie Gemüse auf den fruchtbaren dunklen Böden an: Pak Choi (Chinesischer Kohl), Amaranth (Wasserspinat), konventioneller Spinat, verschiedene Salate, aber auch Wurzelgemüse wie Sellerie und Möhren, und und und. Nicht zu vergessen die aromatischen Kräuter, die der vietnamesischen Küche ihren unverwechselbaren Geschmack geben: Zitronengras, Minze, Wasserminze, Thymian, Thai-Basilikum, Chinesischer Senf und natürlich Ingwer und Chili. Damit die Böden so fruchtbar bleiben, wie sie es seit Generationen schon sind und das Gemüse ein besonders intensives Aroma bekommt, düngen die Bauern neben organischem Kompost auch mit den Süßwasseralgen eines nahen Sumpfes und bewässern die Felder mit dem weichen Wasser des angrenzenden Co-Co-Flusses.
Das ist zwar alles ziemlich aufwendig, aber der Aufwand lohnt sich. Besucher können das gleich vor Ort in den Garküchen und Restaurants testen.
So überzeugt beispielsweise Pho Chay, die vegetarische Variante der klassischen Pho-Suppe, selbst eingefleischte Fans tellergroßer Steaks. Zwar sind die organischen Gemüse und Kräuter und damit auch die Gerichte verständlicherweise einen Ticken teurer als konventionell hergestellte, kosten westliche Touristen aber trotzdem nur ein Bruchteil von dem, was sie zu Hause dafür bezahlen würden. Generell kann man in Vietnam sehr preiswert und gut essen.
Nachhaltige Landwirtschaft
Schon seit Jahrzehnten setzt die Community konsequent auf nachhaltige Landwirtschaft, bietet sogar Kochkurse für Interessierte. Die Anbaumethoden im Dorf wurden von der vietnamesischen Regierung 2022 als immaterielles nationales Kulturgut anerkannt. Das alles hat sich sogar bis zu den Vereinten Nationen herumgesprochen. Die UN kürte Tra Que als „Best Tourism Village“ 2024.
Das Gemüsedorf kann man ganz hervorragend auf zwei Rädern per Drahtesel erkunden. Oder – nicht ganz so ökologisch, aber dafür mit sehr viel Spaß – auf drei Rädern. Genauer gesagt mit einem Gespann, also einem Motorrad mit Beiwagen. Grade für viele Kids eine aufregende Premiere. Die betagten Russenbikes der Traditionsmarke Ural mit Boxermotor und viel Retro-Charme scheinen auch technisch etwas aus der Zeit gefallen zu sein. Genau das macht sie nicht nur bei Touristen in Südostasien so beliebt. Es gibt Fanclubs in Amerika, Europa und Japan, allesamt jenseits ideologischer Echokammern. Das erste Gespann produzierten die Russen übrigens im Kriegsjahr 1942 und es glich der legendären BMW R71 wie ein Ei dem anderen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Altstadt ist Unesco-Welterbe
Begleitet vom tiefen Brummen des großzylindrigen Boxermotors geht es im Anschluss vorbei an Reisfeldern und Kanälen voller Wasserbüffel zur romantischen Kleinstadt Hoi An. Sie gilt als die schönste im ganzen Land. Eine einst wichtige Hafenstadt, die bis heute in Architektur und Lebensart durch japanische, chinesische, niederländische und portugiesische Händler und nicht zuletzt durch die Kolonialmacht Frankreich geprägt ist. Von 1887 bis 1954 gehörte Hoi An zur Kolonie Französisch-Indochina.
Am besten, man parkt sein Ural-Gespann und schlendert zu Fuß durch die Gassen der verkehrsberuhigten Altstadt, die von der Unesco als Weltkulturerbe gelistet wurde. Die original erhaltenen oder liebevoll restaurierten Kaufmannshäuser, Tempel, Wasserspiele und Läden stehen exemplarisch für den Wunsch nach Erhalt tradierter Werte in einem sich rasch entwickelnden Land mit rasanter Industrialisierung.
Wer sich zum Tagesausklang noch einen grandiosen Überblick über die Bilderbuchlandschaft Zentralvietnams gönnen möchte, sollte einen Abstecher ins nahe gelegene Truong-Son-Gebirge machen und über die Goldene Brücke wandeln. Das ikonografische Bauwerk in luftiger Höhe wird scheinbar von zwei riesigen Steinhänden gehalten und wäre extrem „instagrammable“. Da sind sich vietnamesische Ausflügler wie Touristen sicher.