Eine Fahrt mit dem Ineos Grenadier ist ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Zumindest, wenn er dort unterwegs ist, wofür er gebaut wurde: abseits von befestigten Wegen. Dort zeigt er seine Einzigartigkeit – egal wie steil es hinauf- oder hinabgeht.
Im Frankfurter Flughafen werden wir von einem Ineos Grenadier abgeholt. Der Anblick des Autos ist spektakulär, wie er da in seinem Babyblau mit Dachgepäckträger auf dem Parkplatz steht. Der Einstieg ist eine kleine Herausforderung, denn der Ineos Grenadier ist recht hoch. Ich muss fast schon ein wenig klettern, um auf den Rücksitz zu gelangen. Der Blick nach vorne sorgt für ein weiteres Aha-Erlebnis. Statt des üblichen Armaturenbretts und zwei oder drei Schaltern für Licht und Notruf an der Decke prangt dort ein Schalterfeld wie in einem Düsenjet.
Über der Mittelkonsole sitzt ein großes Display. Auch hier finden sich Schalter wie in einem Flugzeug. Und selbst unterhalb des Displays setzt sich dieser Eindruck fort. Auf den hinteren Plätzen finde ich zwei USB- und einen 220-Volt-Stromanschluss. Meine Neugier ist geweckt, denn dieses Auto ist anders als alles, was ich bislang gesehen habe.
Die Fahrt von Frankfurt zum Ineos-Werk ins französische Hambach verläuft unspektakulär, wir reisen recht bequem über die Autobahn. Am Nachmittag allerdings dürfen wir den Grenadier in seinem eigentlichen Territorium ausprobieren – einem Offroad-Trainingsgelände.
Per Knopfdruck in den Offroad-Modus
Wir werden von Raphael erwartet, unserem Offroad-Instructor für die nächsten Stunden. Dieser schraubt unter unseren fragenden Blicken als Erstes die Kennzeichen ab. „Wir könnten die Kennzeichen im Gelände verlieren“, erklärt er. „Vor allem in großen Wasserlachen, die wir später noch sehen werden, hätten wir kaum eine Chance, sie wiederzufinden.“ Raphael weiß, wovon er spricht. In den nächsten Stunden erwartet uns Autofahren in einer neuen Dimension. Dabei geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern darum, Wege zu meistern, die es eigentlich gar nicht gibt. Es geht um Steigungen, die ich zu Fuß nicht erklimmen möchte. Es geht um Furten, die bis zu 80 Zentimeter hoch mit Wasser gefüllt sind, die wir problemlos durchqueren. Und es geht um Schlaglöcher, bei denen jedem normalen Auto ein Achsbruch drohen würde.
Bevor wir starten – ich habe dieses Mal eine Fahrerin und einen Fahrer dabei –, gibt uns Raphael eine Einführung, was zu beachten ist und wofür die ganzen Schalter und Knöpfe im flugzeugähnlichen Cockpit gedacht sind. Als Erstes muss der Wagen per Knopfdruck in den „Offroad-Modus“ versetzt werden. Das bedeutet, dass Hilfssysteme, Warntöne und andere für den Straßenverkehr sinnvolle Helferlein ausgeschaltet sind. Es folgt die Erklärung von „Differenzialsperren“, die dafür sorgen, dass die Räder der Hinter- oder der Vorderachse nur noch synchron drehen können, nicht wie sonst üblich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, wie es in Kurven sinnvoll sein kann.
Dann gibt es da noch einen Knopf, der mit dem Wort „Wading“ beschriftet ist. Er ist für die Durchfahrt durch Wasser gedacht. Damit schalten wir sämtliche Ventilatoren aus, damit sie nicht im Wasser drehen und möglicherweise Wasser in die Technik des Grenadiers schaufeln. Weiterhin muss die Auspuffanlage dahingehend angepasst werden, dass zwar die Abgase das Fahrzeug verlassen, aber kein Wasser hineingelangen kann.
Zwei Räder hängen in der Luft
In der Nacht und den ganzen Vormittag über hat es ordentlich geregnet, sodass wir durch eine echte Schlammwüste mit tiefen Wasserlöchern fahren. Zunächst fährt unser Instruktor selbst, um uns die Funktionen des Fahrzeugs zu erklären. Der Beginn ist einfach, so sieht es aus. Raphael fährt mit uns eine Steigung hinauf, die mit bis zu 50 Zentimeter tiefen Schlaglöchern übersät ist. Plötzlich schaukelt es gewaltig, Räder drehen durch, arbeiten sich durch die Löcher im Hang. Wir zucken zusammen, Raphael hingegen bleibt gelassen und erklärt, dass das normal sei. Der Grenadier würde das schon schaffen. Er behält recht. Die nächste Runde drehen wir mit aktivierter Differenzialsperre für die Hinterachse, und der Grenadier klettert deutlich leichter den Hang hinauf. In der dritten Runde ist auch die Differenzialsperre für die Vorderachse aktiviert und nun macht es den Eindruck, als würde das Fahrzeug eine asphaltierte Steigung hochfahren. Und das auf einer Schlaglochpiste, die für ein normales Auto nicht zu schaffen wäre.
Das ist jedoch erst der Anfang. Als Beifahrer habe ich immer geglaubt, dass man an der Stellung des Lenkrads erkennen kann, wie die Räder ausgerichtet sind. Im Gelände ist das nicht so. Hier ist es ausgesprochen wichtig, dass man ganz genau weiß, in welche Richtung die Räder zeigen. Die sollte stets die sein, in die man auch fahren will – Straßen oder Wege gibt es hier nicht. Das Offroad-Menü auf dem großen Display macht es möglich. Hier finden wir neben Anzeigen zur Temperatur des Motors und der Räder auch eine Anzeige, die uns verrät, wie das Lenkrad eingeschlagen ist. Dies ist für den Rest des Nachmittags eine der wichtigsten Informationen für Patrycja und Jörg, die zu Beginn ihrer eigenen Fahrversuche im Gelände unbedingt ein gutes Deo brauchen, denn beide geraten ordentlich ins Schwitzen.
Die Hänge werden immer steiler – sowohl hinauf als auch hinunter. Erst passieren wir ausschließlich Geraden, dann kommen Kehren auf Kuppen. Hier wird es richtig spannend. Plötzlich fängt das Auto an, von rechts nach links zu wackeln, aber nicht so, wie wir es bisher gespürt haben, wenn wir durch Löcher gefahren sind. Nein, je nachdem, wie wir uns bewegen, schwingt das Auto von rechts nach links und umgekehrt – im Stand! Wir stehen nur noch auf zwei Rädern, in einer Diagonale. Die anderen beiden Räder hängen weit weg vom Boden in der Luft. Wäre es nicht Raphael, der uns in diese Situation gebracht hat, wäre mir ausgesprochen mulmig geworden. So habe ich volles Vertrauen darin, dass er die Lage im Griff hat. Das Gefühl, das damit verbunden ist, ist unglaublich. So etwas habe ich vorher noch nie erlebt und rate auch dringend davon ab, es mit einem Straßenwagen auszuprobieren.
Nachdem wir die Pisten ausgiebig getestet und befahren haben und sowohl Patrycja als auch Jörg Routine gewonnen haben, geht es noch weiter ins Abseits. Wir durchfahren eine Furt, die mit Wasser gefüllt ist. Bis zu einer Tiefe von 80 Zentimetern kann der Grenadier problemlos solche Passagen bewältigen. Das Gefühl dabei ist kaum zu beschreiben. Ich sehe das Wasser, ich weiß nicht, wie tief es ist, und frage mich, ob wir jetzt im wahrsten Sinne des Wortes baden gehen. Natürlich weiß Raphael genau, dass die Tiefe für unseren Testwagen kein Problem ist.
Ein Auto für Wege, wo es keine gibt
Wie den ganzen Nachmittag schon fahren wir mit Geschwindigkeiten zwischen fünf und 15 Kilometer pro Stunde in unser Schlammbad. Es plätschert, und plötzlich hört es sich so an, als würde jemand den Stöpsel aus einer gefüllten Badewanne ziehen. Es gluckert! Wir gehen unter, aber eben nur ein bisschen. Das Wasser steigt längst über die Unterkante der Türen. Verstohlen schauen wir nach unten, ob Wasser in den Fußraum fließt, aber alles bleibt trocken. Selbst rückwärts können wir in dieser Situation noch problemlos fahren. Das ist ein Anblick, den ich so wohl nicht noch einmal erleben dürfte. Auf dem Display erscheint die rückwärtige Ansicht – ein Unterwasserbild. Ich komme mir vor, als säße ich in einem U-Boot. Ab und zu hören wir schabende Geräusche und fürchten, dass irgendetwas nicht stimmt. Raphael beruhigt uns. Das ist nur der Schutz des Tanks, der ab und zu über den Boden schabt. Nichts Schlimmes.
Eine Situation, die „normale Autos“ vermutlich dazu bringen würde, dass sie sich überschlagen, meistert der Grenadier ebenfalls mit Bravour. Jörg hat dabei eine wahre Meisterschaftsleistung vollbracht. Er hat es geschafft, den Wagen mit einer Neigung von bis zu 32 Grad seitlich zu stellen, indem er über eine entsprechende Seitenrampe gefahren ist. Als Raphael dabei anfängt, mit dem Oberkörper hin- und herzuschaukeln, denke ich doch, dass ich eigentlich nicht mit dem Auto umkippen möchte – auch, wenn es über einen stabilen Überrollkäfig verfügt. Selbstverständlich ist nichts passiert, aber seltsam angefühlt hat es sich doch.
Der Ineos Grenadier ist sicherlich kein Auto für den Alltag. Er ist ein Auto, das Wege findet, wo es keine gibt, eines, das seine Wege per GPS aufzeichnet, um sie auch wieder zurückverfolgen zu können. Schlicht ein Auto, das keine Grenzen kennt. Es ist vor allem ein Auto, das extrem viel Spaß macht, aber auch für professionelle Zwecke – etwa in der Land- oder Forstwirtschaft – sicherlich eine gute Wahl ist.