Nachdem die Offensive von Union Berlin mit millionenteuren Zugängen aufgepäppelt wurde, liegt der Fokus in den Personalplanungen auf der Defensive. Zumal ein ehemaliger Hoffnungsträger für die Abwehr den Verein verlässt.
Die Worte auf der Internetseite des 1. FC Union Berlin treffen es eigentlich recht gut. Paul Jaeckel sei als „als Versprechen für die Zukunft“ zu den Eisernen gekommen und gehe nun „als gestandener Profi mit internationaler Erfahrung“, schrieb der Fußball-Bundesligist. Die Erwartungen, die Union in ihn gesetzt hatte, konnte der Innenverteidiger in vier Jahren aber nicht ganz erfüllen. 2021 war er von der SpVgg Greuther Fürth gekommen, als eines der begehrtesten deutschen Abwehrtalente überhaupt. Kurz nachdem Union den Wechsel des Innenverteidigers bekannt gab, kürte sich dieser mit der U21 zum Europameister und weckte das Interesse auch anderer Vereine. Der damalige Sportchef Oliver Ruhnert wurde hochgelobt, da er den talentierten und entwicklungsfähigen Jaeckel ablösefrei verpflichten konnte. Insgeheim dürfte man sich bei Union erhofft haben, dass Jaeckel dem Verein irgendwann eine große Millionen-Ablöse einbringt.
Doch daraus wurde nichts. Jaeckel verlässt Union für eine Summe im mittleren sechsstelligen Bereich in Richtung Preußen Münster. Also zurück in die 2. Liga, wo er vor seinem Wechsel nach Berlin auch gespielt hatte. War also alles umsonst? Vier Jahre Zeit verschwendet? Nicht ganz. Im ersten Jahr unter Ex-Trainer Urs Fischer war er noch Stammspieler und steigerte seinen Marktwert zwischenzeitlich auf sieben Millionen Euro. Doch danach wurde die Spielzeit für ihn immer weniger, er pendelte meist zwischen Bank und Tribüne. „Ich bin Union und besonders der Mannschaft dankbar für die gemeinsame Zeit“, sagte Jaeckel in der Abschieds-Mitteilung des Clubs: „Dass wir uns dann wenig später auch noch für die Champions-League qualifiziert haben und ich dort auch antreten konnte, war eine Geschichte, die ich so nicht erwartet hätte.“ Seine Leihsaison 2024/25 bei Eintracht Braunschweig, wo er maßgeblich zum schwierigen Klassenerhalt beigetragen hatte, habe ihm aber nochmals vor Augen geführt, „dass ich mich noch einmal als Stammspieler etablieren will“.
Und dieses Ziel hätte er beim FC Union wohl nicht mehr verwirklichen können. Die Verantwortlichen dort legten ihm keine Steine in den Weg, obwohl sie befürchten müssen, dass von den gesetzten Spielern der Dreier-Abwehrkette Leopold Querfeld, Danilho Doekhi und Diogo Leite die beiden Letztgenannten den Club noch verlassen könnten. Um Doekhi und Leite gab und gibt es immer wieder Wechsel-Spekulationen. Jaeckel trauten sie es augenscheinlich nicht mehr zu, diese womöglich aufkommende Lücke zu schließen oder im Falle von Verletzungen oder Sperren ohne Qualitätsverlust einzuspringen. „Paul ist ein Profi, der den Erfolg der Mannschaft immer über die eigenen Ansprüche gestellt hat“, sagte Sport-Geschäftsführer Horst Heldt: „Seinen Wunsch nach mehr Spielzeit können wir gut nachvollziehen und entsprechen diesem. Wir wünschen ihm für die Zeit bei Preußen Münster alles Gute.“
Heldt ließ Jaeckel auch deswegen ohne große Bauchschmerzen ziehen, weil er Ersatz bereits an der Angel hatte. Und zwar einen, dem intern durchaus zugetraut wird, den Konkurrenzkampf um die Startplätze in der Dreierkette ernsthaft anzuheizen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge soll sich Union mit Stanley Nsoki über einen Wechsel geeinigt und die Ablöseverhandlungen mit 1899 Hoffenheim sollen sich auf der Zielgeraden befunden haben. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe war der Deal zwar noch nicht perfekt, aber viel sprach für eine Verpflichtung des 25 Jahre alten Franzosen auf Leihbasis inklusive einer Kaufoption. Noch vor drei Jahren wäre ein Transfer von Nsoki für Union illusorisch gewesen, damals bezahlte Hoffenheim eine Ablöse von zwölf Millionen Euro für den Linksfuß, der beim belgischen Top-Verein Club Brügge mit starken Leistungen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Doch an diese Form konnte er bei den Kraichgauern nicht anknüpfen, immer wieder unterliefen ihm in den 52 Spielen für die TSG teils unerklärliche Aussetzer. Doch seine Stärken in Sachen Zweikampfführung und Athletik sind unbestritten, sodass Nsoki durchaus eine Verstärkung in einem neuen Umfeld sein könnte.
Weitere Optionen auf der linken Seite
Bei Union gibt es defensiv deutlich mehr Handlungsbedarf, nachdem sich in der Offensive mit den festen Verpflichtungen von Andrej Ilić (fünf Millionen Euro von OSC Lille), Jeong Woo-jeong (4/VfB Stuttgart) und Ilyas Ansah (4/SC Paderborn) schon viel getan hat. Nach den Abgängen von Jaeckel und Routinier Kevin Vogt, der ebenfalls in die 2. Liga zum VfL Bochum wechselte, standen nur noch vier Innenverteidiger unter Vertrag. Die gesetzten Querfeld, Doekhi und Leite sowie das Talent Oluwaseun Ogbemudia. Der 18-Jährige wurde von der eigenen Nachwuchsabteilung ins Profiteam hochgezogen und hat noch keinerlei Bundesligaerfahrung. Auch auf der rechten Abwehrseite besteht Bedarf. Hier wäre zwar Josip Juranović gesetzt, doch der Kroate scheint von Trainer Steffen Baumgart eher auf der linken Seite eingeplant zu sein. Bliebe als Rechtsverteidiger aus dem Kader noch Kapitän Christopher Trimmel, der allerdings bereits 38 Jahre alt ist und eine komplette Saison ganz sicher nicht mehr bestreiten kann. Die Notlösung mit Tim Skarke gilt intern als zu riskant, da der gelernte Offensivspieler naturgemäß Schwächen in der Rückwärtsbewegung hat.
Kann Aurélio Buta die Probleme lösen? Der Portugiese wurde in manchen Medien zuletzt mit Union in Verbindung gebracht. Der Rechtsverteidiger steht bei Ligakonkurrent Eintracht Frankfurt unter Vertrag und war in der Vorsaison nach Frankreichs Stade Reims ausgeliehen. Der 28-Jährige wäre mit seiner Erfahrung und Klasse in der Kategorie „Soforthilfe“ anzusiedeln. Doch entsprechend teuer wäre eine Verpflichtung– es sei denn, dass Heldt auch hier eine Leihe mit Frankfurt aushandeln könnte. Auf der linken Abwehrseite sieht sich der Club mit den weiteren Optionen Robert Skov und Tom Rothe zumindest in der Breite besser aufgestellt.
Klar ist, dass der Saisonkader der Unioner beim Start ins Trainingslager am vergangenen Mittwoch im fränkischen Herzogenaurach noch nicht ganz komplett war. Es muss personell noch etwas passieren. Beim jüngsten Testspielsieg gegen den österreichischen Erstligisten Linzer ASK gefiel Trainer Baumgart zwar das Ergebnis (2:0). Ansonsten sah er aber auch noch viel Verbesserungsansätze. „Die Kontersituationen hätten wir besser lösen können“, sagte er beispielsweise. Doch auch das Defensivverhalten offenbarte gerade in der Anfangsphase einige Schwächen. Die Partie war trotz des fehlenden Gegentreffers eher ein Argument für die Verpflichtung weiterer Abwehrspieler als ein Argument dagegen. Doch zu hart wollte Baumgart mit seiner Mannschaft nicht ins Gericht gehen. „Wir sind in der Vorbereitung, den Jungs merkt man die Müdigkeit ein wenig an. Aber sie haben das gemacht, was sie machen sollten. Wir hatten insgesamt einige gute Möglichkeiten“, sagte der Coach.
Paul Jaeckel wird das Geschehen bei Union von nun an aus der Ferne beobachten. Er versprach den Münsteraner Fans bei seiner Vorstellung das, was er bei Union nicht mehr leisten durfte: „Auf dem Platz lasse ich gerne mein Herz und will Verantwortung übernehmen. Ich will vorangehen, meine Erfahrungen mit in die Mannschaft bringen und die Jungs mitziehen.“