Mit seinem Triumph bei den French Open hat Alexander Zverev die Last des ewigen Grand-Slam-Anwärters abgelegt. Nun richtet sich der Blick auf Wimbledon. Auf dem Rasen könnte der Hamburger den nächsten Karriereschritt machen.
Mit seinem ersten Grand-Slam-Titel bei den French Open hat Alexander Zverev eine jahrelange Last abgelegt. Nun richtet sich der Blick nach Wimbledon. Kann der Hamburger den Schwung des Paris-Triumphs nutzen und auf Rasen den nächsten großen Schritt machen? Sushi auf Sand als Energiebooster? Eher als Topping. Patrick Mouratoglou sieht Zverevs intensives Training als Grund, warum der Hamburger im fünften Satz in Paris seinen ersten Grand-Slam-Titel holte. Wiederholt er das in Wimbledon? Mit Sushi auf Rasen? „Natürlich“ möchte er „noch ein paar davon gewinnen“, betonte Alexander Zverev, nachdem er in einem über vierstündigen Match, bei seinem vierten Grand-Slam-Finale seit 2020, endlich selbst den Pokal hochhalten und den Zweitplatzierten, Flavio Cobolli, trösten konnte. Er hoffe, dass mental nun etwas bei ihm „broken“ sei, sagte der Hamburger in der Pressekonferenz nach seinem großen Triumph bei den French Open. Vor ihm hat nur ein einziger Deutscher das wichtigste Sandplatz-Turnier der Welt gewonnen. Das war aber noch in einer anderen Zeit, 1937, fast 30 Jahre, bevor die sogenannte Open Era mit Profis begann. Gebrochen wirkt Zverev, der vor einem Jahr nach seinem Erstrunden-Aus in Wimbledon auf einem mentalen Tiefpunkt angelangt war, nach seinem lebenslang ersehnten Major-Titel keineswegs. Im Gegenteil. Auch wenn er nach seinem Sieg Teile seiner verbliebenen Körperflüssigkeit als Tränen davonströmen ließ. Bei einer Partynacht mit Champagner und „We are the Champions“ in einem Pariser Nachtclub, sang der French-Open-Sieger ins DJ-Mikro: „One more time“.
Der Druck ist erst einmal weg
Das heißt: Der Druck ist weg, Wimbledon steht vom 29. Juni bis 12. Juli an. Warum sollte der von der Major-Knute Entfesselte nicht weitere Grand-Slam-Lorbeeren abstauben? Und das im legendären, englischen Tennisclub auf Rasen? Immerhin gibt es dort neben viel Ehre 4,17 Millionen Euro für Sieger und Siegerin der Einzelkonkurrenzen zu gewinnen. Für alle antretenden Spielerinnen sind umgerechnet 74,3 Millionen Euro im Topf: Prämien, die um 20 Prozent höher als im Vorjahr sind.
Auf dem Rasen an der Church Road weiterkommen als nur bis ins Achtelfinale, wie bisher maximal: Das wär’s. Neue Destinationen braucht der Champion. Derer gibt es nicht mehr viele: Immerhin hat Zverev bereits olympisches Einzelgold sowie zweimal die ATP-Finals gewonnen. Hinzu kommen 24 Einzeltitel, die viele Weltranglistenpunkte brachten, aber nicht die ultimative Anerkennung. So fühlte sich Zverev einen Gutteil seines Sportlerlebens lang als ein vom Grand-Slam-Sieg Gejagter, bis er sich selbst mit dem French-Open-Titel Anfang Juni befreite.
Endlich. Rund 30 Jahre, nachdem der letzte Pokal der vier grandiosesten Turniere der Tennistour an einen Deutschen der Herrentour ging. Fast 30 Jahre, nachdem Alexander, genannt „Sascha“, Zverev in Hamburg geboren wurde. Seither ist das gemeinsam trainierende und reisende Familienprojekt der Zverevs auf die großen Titel für einen der ihren ausgerichtet. „Als ich sah, wie mein Vater die Arme in die Höhe riss, wurde mir erst richtig klar: Okay, ich habe gewonnen“, erzählte der vom Sieg Berauschte. Dass Sascha wahrscheinlicher als sein zehn Jahre älterer Bruder Mischa das Ding holen würde, zeichnete sich schon bei Alexander, dem noch Kleinen, ab: Der spielte siegorientiert am liebsten mit Tennisschlägern und gelben Bällen am Rande von Turnieren seines großen Bruders. Stets ehrgeizig. Seit Sinners frühem Ausscheiden war der Druck in Paris enorm. Er habe sich im Turnierverlauf oftmals „selbst angelogen“, um den Erwartungen als haushoher Favorit standhalten zu können, verriet Zverev im „Sky“-Interview. Egal. Nach fünf strapaziösen Final-Sätzen war der Titel des Sandplatz-Grand-Slams in Paris seiner. Zverevs Name wurde hurtig in die Liste der Sieger eingraviert und der 29-Jährige selbst wollte den Pokal in seinem Arm gar nicht mehr loslassen.
Die Riesenschüssel war leider leer: Hund Mishka, der nach Tochter Mayla das Wichtigste in Zverevs Leben sei, wie der Sieger von Paris im ATP-Tour-Interview bekundete, suchte vergeblich nach leckerem Inhalt. Hunger hatte wohl die ganze Familie nach dem nervenaufreibenden Match, das mit einem unglaublichen Glücksmoment zu Ende ging. Noch wichtiger war für Alexander, gut gestärkt in die Partie zu starten. Somit sind wir beim Sushi, das Sascha liebt. Die Kombination aus gesäuertem Rundkornreis, Meeresalgen und einer Füllung aus frischem, rohem Fisch oder Gemüse liefert Proteine, Omega 3 und Mineralstoffe wie Jod. Häufig ist bei Sushi auch Gurke im Spiel: Wir erinnern uns ans „Gurkenwasser-Glück“ von Carlos Alcaraz, als der am Jahresanfang die Australian Open gewann. Zverevs Bruder Mischa erzählte bei Eurosport, dass Alexander auch am Vorabend seines French-Open-Finales zum Videospiel Mario Kart Sushi genoss.
Erinnerungen an Boris Becker
Taugen gerollte Algenblätter mit Inhalt auch für einen Rasen-Titel? Von Boris Becker, der mit seiner dritten Frau Lilian in Italien lebt, ist überliefert, dass er sich vor seinen legendären Siegen im nahe London gelegenen Club eine ordentliche Portion Spaghetti schmecken ließ. So gewann der mittlerweile 58-Jährige einst mit nur 17 Jahren in Wimbledon seinen ersten Grand-Slam-Titel. Der ehemalige Tennisstar aus Leimen, derzeit genau doppelt so alt wie Sascha, machte Deutschland zusammen mit der noch erfolgreicheren Steffi Graf zur Tennisnation. Seit 1996 verbuchte der Deutsche Tennisbund (DTB) bei den Männern keinen weiteren Grand-Slam-Sieger. Anders bei den Frauen: Hier lüpfte Angie Kerber 2016 und 2018 insgesamt drei Trophäen. Bis zu jenem Tag im Juni, als Alexander Zverev Flavio Cobolli in fünf dramaturgisch dichten Sätzen im Finale der French Open besiegte. Vergleichsweise mühelos ging für Zverev der fünfte Satz mit einem 6:1 zu Ende: Dem um fünf Jahre jüngeren Italiener war die Kraft ausgegangen. Sascha hielt mit großflächigen Schweißsalzspuren auf seinem Shirt durch. Allem Dehydrieren zum Trotz, gelang es dem Typ-1-Diabetiker, sich weiter körperlich und mental zu fokussieren.
Trotz Krämpfen. „Ich glaube, dass sie mir in gewisser Weise geholfen haben“, sagte der 29-Jährige. „Ich habe dadurch losgelassen und meine Schläge etwas freier gespielt.“ Kein Dominic Thiem, kein Carlos Alcaraz und kein Jannik Sinner verhinderten diesmal, dass sich die deutsche Nummer eins zum heißersehnten Grand-Slam-Titel durchkämpfte. Ein Überkopf-Ball von Cobolli flog am Ende ins Aus: Das war’s.
Ungläubig schlug der Deutsche die Hände vors Gesicht, ging zu Boden, wälzte sich kurz in der roten Asche, sprang wieder auf und umarmte den Unterlegenen herzlich. Wie kurz danach auf der Tribüne sein Team, seine Familie und schließlich auch die Oma aus Sotschi, die ihm – seinen Fans zufolge – das entscheidende Stückchen Glück gebracht haben soll. Viele Tage verbrachte Sascha nach seinem ersten Grand-Slam-Titel damit, auf über 1.500 Glückwünsche an seine Handyadresse zu antworten. Darunter etwa Rafael Nadal und Novak Djokovic. Dabei hatte der frische French-Open-Sieger nur wenig Zeit. „Er ist einer der zwei oder drei am härtesten arbeitenden Spieler auf der Tour“, sagte Serena Williams‘ ehemaliger Trainer Patrick Mouratoglou auf Instagram. Der Star-Coach beobachtete selbst Zverevs endlose, tägliche Übungseinheiten. Im fünften Satz des Finales von Roland Garros habe sich Zverevs Körper an all die intensiven Trainingssessions auf dem Court erinnert. „Es ist die Geschichte von Resilienz, unglaublicher Arbeit und Kampf“, betonte Mouratoglou. Deshalb sei Zverevs Sieg aus seiner Sicht hundertprozentig verdient.
Nach Zverev herrscht große Leere
Mouratoglous Ex-Schützling, Tennislegende Serena Williams, kehrt mit 44 Jahren, knapp vier Jahre nach ihrem Rücktritt, auf den heiligen Rasen von Wimbledon zurück. Die 23-malige Grand-Slam-Gewinnerin bekam gemeinsam mit ihrer Schwester Venus eine Wildcard im Doppel. Ein Platz im Einzel war zu Redaktionsschluss auch noch frei. Über den könnte Williams auf die Wimbledon-Siegerin des Vorjahres, Iga Świątek, treffen. Die Polin hatte bei ihrem ersten Rasensieg für das erste 6:0, 6:0 in einem Wimbledon-Damenfinale seit 114 Jahren gesorgt. Sicher dabei ist die polnische French-Open-Finalistin Maja Chwalinska, die als Qualifikantin in Paris noch keinen Outfit-Sponsor hatte. Der dreimalige Grand-Slam-Champion Stan Wawrinka bekam für seinen Wimbledon-Abschied eine Wildcard. Zurück kehrt mal wieder der Australier Nick Kyrgios: mit einer Wildcard fürs Doppel nach einer Verletzungspause.
Auch Yannick Hanfmann gewinnt derzeit locker: Erst im Doppelfinale mit Jan-Lennard Struff in Stuttgart. Dann zog der 34-Jährige aus Karlsruhe im Match gegen den brasilianischen Durchstarter-Teenager Joao Fonseca, ATP-Position 25, ins Achtelfinale von Halle ein. Fonseca hatte bei den French Open Novak Djokovic besiegt. Der Weltranglisten-Siebte Djokovic könnte zum letzten Mal in Wimbledon versuchen, Major-Titel Nummer 25 zu erringen. Starke junge Spieler wie der Spanier und French-Open-Viertelfinalist Rafael Jódar dürften ihm ebenso wie Zverev entspannte Runden schwer machen.
Publikums-Darling Dustin Brown beehrt Wimbledon. Als Coach auf Probe arbeitet der Tennisakrobat aus Celle mit Daniel Altmaier. „Dreddy“ hatte 2015 in Wimbledon sogar Rafael Nadal aus dem Turnier befördert. „Ich retourniere viel näher an der Linie, ich will aggressiver sein. Ich glaube, ich habe auch das Talent dafür, den Slice interessant zu nutzen, weiß um den Tempowechsel“, sagte Altmaier über Veränderungen mit „Dreddy“ an seiner Seite.
Eva Lys begann kurz vor Wimbledon, beim Rasenturnier in Stuttgart, wieder zu siegen: „Bei mir ging es nie darum, ob ich aus dem Tief herauskomme, sondern wann“, sagte die Hamburgerin. Zuletzt war Lys unter anderem wegen rheumabedingter Rückenprobleme in der Weltrangliste abgerutscht und in Paris in Runde zwei ausgeschieden. Die 24-Jährige steht für Deutschlands große Hoffnung auf eine neue, goldene Ära bei den Damen. Der Südtiroler Sinner soll in Wimbledon am Start sein. Frisch durchgecheckt und sicherlich auch voller Vertrauen auf den Regen in Wimbledon nach der Mittagshitze in Frankreich. Bei den French Open schied der Weltranglisten-Führende gegen Juan Manuel Cerúndolo in der zweiten Runde erschöpft aus. Derzeit hat der Vorjahres-Champion fast doppelt so viele Punkte wie Zverev. Darunter viele Rasen-Punkte. Die Nummer zwei des Tennis-Kosmos, Alcaraz, fällt wegen seines verletzten Handgelenks noch bis zur Hartplatz-Saison aus. Zverev könnte in Wimbledon, neben einem zweiten Major-Titel, daher leichter viele für ihn speziell wichtige Punkte gewinnen. „Ich habe noch ein Ziel, das ich nicht erreicht habe: die Nummer eins der Welt“, sagte der Weltranglisten-Dritte im Eurosport-Interview. „Es würde mich freuen, wenn ich das für eine Woche mal erreichen kann.“